Reformpaket: Kompromiss ist kein Unentschieden

Meinungsrepublik

Florens Mayer freigestellt vor einem Navy-Aubergine-Verlauf, in dem zwei Linien zu einer verschmelzen – Sinnbild für Kompromiss und Debattenkultur.
Illustration: Quadriga Media Berlin, Foto: Privat

Viele Deutsche verfolgen derzeit gespannt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada. Im politischen Berlin läuft derweil ein Turnier eigener Art. Die Vorrunden heißen hier Kommissionen, die K.-o.-Spiele Koalitionsgipfel. Das Finale ist ebenfalls für Juli geplant, doch statt eines goldenen Pokals wartet am Ende ein Reformpaket, das den deutschen Sozialstaat nachhaltig absichern soll.

Hier endet die Analogie zum Fußball. Bei der WM steht das Ergebnis unzweifelhaft fest: Am Ende steht ein Sieger. Beim politischen Reformpaket wird es sich um einen Kompromiss handeln. Das klingt zwar eher nach Unentschieden. Idealerweise sollten sich jedoch alle als Sieger fühlen. Die Frage ist: Werden Medien und Gesellschaft einen Kompromiss wertschätzen?

Die Menschen in Deutschland haben eine sehr genaue Vorstellung davon, wie politische Debatten aussehen sollten. Mehr als drei Viertel nennen sachliche Diskussionen als wichtigsten Aspekt einer guten politischen Debatte. Fast ebenso viele fordern Respekt vor dem Gegenüber. Nur jeder Zehnte findet, dass die Austragung von Konflikt zum Kerngeschäft guter Politik gehört.

Civey-Grafik zu den Erwartungen an politische Debatten

Und doch klafft zwischen Anspruch und Wahrnehmung eine Lücke. Zwei Drittel der Deutschen haben den Eindruck, dass die Öffentlichkeit Kompromisse zwischen Parteien heute weniger wertschätzt als früher. Und sieben von zehn Deutschen halten die deutsche Gesellschaft derzeit für nicht konfliktfähig. Man wünscht sich sachliche Debatten, traut sich selbst aber nicht zu, konstruktiv zu streiten. Gleichzeitig findet eine Mehrheit es wichtig, dass Medien detailliert über Streit zwischen Regierungsparteien berichten. Der Prozess des Ringens um einen Kompromiss soll sichtbar sein, nicht nur das Ergebnis.

Civey-Grafik zur Wertschätzung von Kompromissen

Civey-Grafik zur Konfliktfähigkeit der Gesellschaft

Civey-Grafik zur Berichterstattung über Streit zwischen Regierungsparteien

Der Prozess des Ringens um einen Kompromiss soll sichtbar sein, nicht nur das Ergebnis.

Politik ist kein Fußballturnier. Es geht nicht darum, sich in K.-o.-Runden gegen einen Gegner durchzusetzen, auch wenn dieser Eindruck bisweilen erweckt wird, wenn Kompromisse als Niederlagen geframt werden. Wenn der Vorschlag zum Reformpaket in diesem Sommer (hoffentlich) vorliegt, wird es Widerspruch geben. Das ist normal und richtig. Die entscheidende Frage ist, ob wir in der Lage sind, es auch als das wertzuschätzen, was es im besten Fall ist: das Ergebnis eines demokratischen Ringens um die bestmögliche Lösung. Kein Unentschieden. Ein Kompromiss.

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