Rede und Antwort

Interviewvorbereitung für Politiker

Der Auftritt von Armin Laschet bei Markus Lanz Ende März dürfte unser Bild vom Wahlkampf 2021 maßgeblich mitprägen. Der ZDF-Talker hatte Laschet eingeladen, um eine Reaktion des CDU-Chefs einzufangen. Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel Laschets Corona-Politik auf mehrfaches Nachbohren der ARD-Moderatorin Anne Will gerügt. Die Reaktionen auf Laschets Auftritt waren verheerend. “Laschet graut es an einigen Stellen sichtlich vor den Fragen des Moderators”, schrieb die “Welt”. Der “Spiegel” überhöhte das Geschehen gar zu einem Stierkampf, Lanz habe den CDU-Vorsitzenden zur Strecke gebracht “wie ein Matador das orientierungslose Rindvieh”. Der Auftritt war ein Wahlkampfdesaster und wurde vom politischen Gegner in Videoschnipseln genüsslich ausgeschlachtet.

Video-Interviews werden immer wichtiger. Dafür sorgen vor allem zwei Trends: Immer mehr Menschen konsumieren Nachrichten auf dem Laptop oder auf ihrem Handy. Ein Video ist schnell abgespielt. Videos auf Twitter oder Youtube sind leichter erreichbar als etwa gedruckte Interviews, die nicht selten hinter einer Bezahlschranke stehen. Carola Hug ist Mediencoach und bereitet ihre Kunden auch auf TV-Auftritte vor. “Die Redaktionen vieler Talkshows setzen mittlerweile darauf, die Passagen einzelner Gäste aus den Sendungen herauszuschneiden und auf sozialen Medien zu posten”, sagt die ehemalige TV-Journalistin. So müssen sich Interessierte nicht mehr die komplette Sendung anschauen. Viele Videoschnipsel zeigen direkt den Aufreger.

Chance und Risiko

In der Regel werden Talkshows aufgezeichnet und dann ungeschnitten ausgestrahlt. “Die Chancen von Live-Talkshows sind gleichzeitig die Gefahren”, sagt Hug. “Ich habe keine Nachbereitung, alles geht über den Sender.” Einerseits bietet das Politikern die Chance, pur und authentisch herüber­zukommen. “Ich kann meine Kernbotschaften direkt an das Zielpublikum senden, niemand kann das herausschneiden”, sagt Hug. “Außerdem habe ich meist eine längere Redezeit und bin dadurch präsenter.” So ließen sich mehr Emotionen hervorrufen, und Fernsehen funktioniere nur mit Emotionen.

Aber Live-Situationen sind auch nicht ohne Risiko. Davon können Politiker ein Lied singen. “Patzer werden eins zu eins gesendet”, sagt Carola Hug. “Anschließend ist man auch in Mediatheken damit online.” Wer sich eine Blöße leistet, landet damit im unendlichen Gedächtnis des Internets. Die Folge: Kommunikative Fehltritte können einen noch Jahre später einholen, wenn sie ausgegraben ­werden.

Für Politiker bedeutet das: vorbereiten, vorbereiten, vorbereiten. Kajo Wasserhövel trainiert Kunden, darunter viele Politiker, für Interviews. Vor allem die eigenen Fachthemen müssten gut vorbereitet sein. “Es kann schon peinlich werden ansonsten”, sagt der ehemalige SPD-Spitzenpolitiker. Aber auch aktuelle Themen wie etwa die Pandemie müssten immer gut parat sein. “Und vor allem dann, wenn man einen Angriff fährt, dann muss man ihn schon fachlich unterlegen können.”

Improvisieren – wenn man es kann

“Es können immer Überraschungsmomente auftauchen”, sagt Carola Hug. “Auf Vorwürfe muss man direkt reagieren. Da kann man Antworten nicht einfach nachreichen oder auf seinen Pressesprecher verweisen. Mit Überraschungen muss man rechnen. Es reicht nicht, einfach perplex zu sein.” Bei der Sendung “Hart aber Fair” beispielsweise konfrontiert Moderator Frank Plasberg seine Gäste gerne mit Einzelschicksalen aus dem Publikum, die gerne auch Aussagen seiner Gäste konterkarieren. Wer es hier nicht schafft, emotionale und verständnisvolle Töne anzuschlagen, verspielt Sympathiepunkte.

Trotzdem ist es auch erlaubt, zu improvisieren. “Improvisieren muss man dann, wenn man über Fragen oder Themen noch nicht vorher nachgedacht hat beziehungsweise noch keine Position hat”, sagt Wasserhövel. “Es muss nicht schlecht sein, dann frei zu assoziieren. Nur sollte man einen guten Instinkt besitzen, um dann auch sagen zu können: ‘Sorry, aber zu dem Thema weiß ich noch zu wenig, um da ein gutes Urteil zu haben.'”

Die gute Nachricht ist: Die Ruhe in stressigen Interviewsituationen lässt sich trainieren. “Das ist ein bisschen wie eine kalte Dusche”, sagt Hug. “Je öfter ich mich dem aussetze, desto weniger macht mir das aus.” Einigen Kunden rät sie deshalb, nicht gleich auf die große Bühne zu steigen. “Bevor man auf Hawaii surfen geht, sollte man vielleicht lieber im Starnberger See paddeln.”

Gelassenheit

Eine bühnenreife Turnierfähigkeit zeigt sich vor allem in einer Eigenschaft: Gelassenheit. “Es ist sehr wichtig, zu lernen, Fragen nicht persönlich zu nehmen”, sagt Hug. “Manchmal bemerke ich, dass Kunden mich im harten Interview-Training plötzlich ganz schrecklich finden. Ich sage dann, hallo, das muss ich fragen. Die müssen sich dann schütteln und einfach durchziehen.” Manchen Gästen könne man am Gesicht ablesen, wenn sie mit der Moderation haderten.

Als Beispiel nennt Hug den Gesichtsausdruck Olaf Scholz’ im Gespräch mit Linda Zervakis und Louis Klamroth auf Prosieben. Man konnte ihm förmlich ansehen, dass ihm Klamroths aggressive Fragen nicht schmeckten. Allerdings hatte es Klamroth in diesem Fall wohl übertrieben. “Ich habe die Sendung mit meiner 18-jährigen Tochter gesehen, einer Erstwählerin”, sagt Hug. “Sie empfand die Fragen gegenüber Scholz als unfair. Allerdings sollte ein Politiker immer damit rechnen, dass ihn ein Journalist zum Opfer machen kann.”

Es gibt verschiedene Strategien, auf Überraschungsmomente zu reagieren. So kann man sich im ersten Moment auf das besinnen, was man eigentlich loswerden will. Mit einem Kommentar wie “Eigentlich geht es hier um ein anderes Thema” kann man versuchen, das Gespräch wieder in Bahnen zu lenken, auf die man sich vorbereitet hat. Alternativ kann man versuchen, das Gespräch durch Fragen zu übernehmen. Ein oft genutztes Mittel ist auch das Ausweichen auf die Metaebene.

Meta-Ebene

Als etwa Markus Lanz versuchte, CSU-Chef Markus Söder zu Aussagen zu drängen, konterte der kühl, das sei ja eine geschickte Frage, die Lanz da aufwerfe, und er verstehe auch, dass Lanz das fragen müsse. Ebenso gut müsse der Moderator aber auch verstehen, dass er die Frage nicht beantworten würde. Damit war die Frage elegant abgeräumt. “Markus Söder ist sehr gewieft, was das angeht”, sagt Carola Hug. “Einmal hat er den Moderator sogar angeblafft, was das denn für eine Frage sei. Ein beliebtes Ablenkungsmanöver Söders sind auch Sätze, die mit ‘Zunächst einmal …’ beginnen, um dann über ein ganz anderes Thema zu sprechen.”

Auch auf das Sendeformat müssen Politiker achten. Oft hängt ein Gesprächsverlauf davon ab. Bei einer Schalte mit den “Tagesthemen” schockiert Caren Miosga ihre Gesprächspartner etwa gerne mit einer harten ersten Frage. Die wissen dann: Jetzt folgen keine leichten drei Minuten. Tückischer sind Gespräche, die am Ende in einem Beitrag zurechtgeschnitten werden. “Hier setze ich gerne erst einmal ein freundliches Klima”, sagt Carola Hug. “Gegen Ende ist mein Gesprächspartner dann entspannt und denkt, gleich sei es geschafft und das sei ja super gelaufen – und dann ziehe ich meine härteste Frage raus.” Auch bei Interviews, die nicht live ausgestrahlt werden, lohnt es sich also, vor allem gegen Ende noch einmal die Konzentration hochzufahren.

Die Entscheidung, ob und wann man eine Einladung zu einem Gespräch annimmt, ist sehr individuell. “Das ist die große Frage, die immer intensiv diskutiert wird”, sagt ­Wasserhövel und nennt einige entscheidende Fragen: “Passt das Thema? Passt das Format zu mir? Passt das Timing? Kann ich ausgeruht dahin oder bin ich nach einer harten Woche durch den Wind?” Eine Einladung solle aber niemals allein deshalb angenommen werden, weil sie in den Kalender passe oder weil man auf die Reichweite schiele. “Es gibt bestimmte Formate, die funktionieren generell auch mit bestimmten Persönlichkeitsstrukturen nicht”, sagt er. “Dann muss man als Stab ein Veto einlegen, auch wenn die Chefs es wollen.”

Individuelle Qualität

Viele sehen derzeit die Chance, ein junges Zielpublikum zu erreichen, an das sie normalerweise nicht herankommen, wenn sie zu den neuen Talkformaten auf Prosieben gehen. “Für Annalena Baerbock war das ein bestelltes Feld, Olaf Scholz tat sich hier etwas schwerer”, sagt Carola Hug. Dennoch habe er seine Sache ordentlich gemacht. Man dürfe nicht vergessen, dass Annalena Baerbock vom Moderatorenpaar Thilo Mischke und Katrin Bauerfeind sogar beklatscht worden sei. Bei der Sendung von Markus Lanz dagegen müsste man sehr geübt darin sein, Sug–gestiv- und Balkonfragen auszuhalten. Eine Balkonfrage liefere die scheinbar eindeutigen Fakten bereits mit. So würde etwa nicht danach gefragt, ob Eigenheime eine schlechtere Klimabilanz hätten als Wohnungen. Stattdessen würde der entsprechende Beweis dafür bereits in der Frage erbracht und dann danach gefragt, welche Konsequenzen sich daraus ergäben. Da diese Ausführungen bei Markus Lanz gerne in eine lange und inhaltsreiche “Bandwurm-Frage” ausarteten, müsse man zwischendrin immer im Blick behalten: Worauf will ich hinaus?

In der Intensität unterscheidet sich die Vorbereitung auf die verschiedenen Sendungen aber nicht. “Alle Sendungen sind hart”, sagt Carola Hug. “Markus Lanz fragt anders als Sandra Maischberger. Bei Anne Will sind vor allem die kritischen Nachfragen anspruchsvoll.“ Marietta Slomka dagegen führe ihre Gesprächspartner mit scheinbar einfachen Fragen aufs Glatteis. „Oft geht es da um die Perspektive von Otto Normalverbraucher“, sagt Carola Hug. “Darauf sind manche Politiker, die bis zum Hals in Details stecken, überhaupt nicht vorbereitet.” Legendär sei etwa das Interview Slomkas mit Verkehrsminister Andreas Scheuer, der arg ins Schwimmen geriet, als er erklären sollte, was ein Normalbürger konkret mit der Abwrackprämie für seinen Diesel anfangen könne.

Für Wasserhövel entscheidet weniger das Format über die Vorbereitung, sondern die Erfahrung oder das Profil der Person. “Manche sind Naturtalente ­– und da ist es eher besser, nicht im Weg herumzustehen”, sagt er. “Manche brauchen aber eine akribische Vorbereitung, damit sie sich auch sicher fühlen. Jung & Naiv hat ja gerade einen ziemlichen Lauf, oder auch Lanz. Die meisten müssen diese Form des harten Nachfragens oder der Tempowechsel üben. Das kann man nicht mal eben aus dem Stand.”

Armin Laschet hat seine Lektion offenbar gelernt. Als Luisa Neubauer ihn in einer “Anne Will”-Sendung mit Antisemitismusvorwürfen konfrontierte, gab er den Druck zurück. Er forderte Belege.