Braucht es einen bundesweiten Sprachtest vor der Einschulung?

PRO & CONTRA

Karin Prien und Maike Finnern zum Streit über einen bundesweiten Sprachtest vor der Einschulung
Früh fördern oder zusätzlich prüfen? Bundesbildungsministerin Karin Prien und GEW-Vorsitzende Maike Finnern. Fotos: Dominik Butzmann/photothek; GEW/Kay Herschelmann

Die neuen Pisa-Ergebnisse bescheinigen dem deutschen Bildungssystem nur graues Mittelmaß. Dazu kommt: Der Abstand zwischen Schülern mit unterschiedlicher sozialer Herkunft ist riesig.

Um zurück in die Erfolgsspur zu kommen, stellt sich die Frage:

„Braucht es einen bundesweiten Sprachtest vor der Einschulung?“

Hier geht es zum PRO & CONTRA der letzten Woche.

Pro

von der Bundesbildungsministerin Karin Prien

Gute Bildung ist das Fundament unseres Landes: für eine selbstbestimmte Zukunft unserer Kinder, für ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe, für echten Zusammenhalt, für ein Land, das seine Versprechen hält. Umso mehr erfordern die jüngsten Ergebnisse der Pisa-Studie einen gemeinsamen Kraftakt von allen, die zu guter Bildung beitragen.

Die Bildungsschere öffnet sich schon in den ersten Lebensjahren. Deshalb müssen wir früh ansetzen und die Kita als Bildungsort stärken. Es ist eine Schicksalsfrage für Deutschland, hier mehr Qualität zu schaffen.

Für mich ist klar: Wir brauchen eine verbindliche Erhebung des Sprach- und Entwicklungsstands vor der Schule.

Gezielte Förderung ist die beste Förderung. Da geht es um Chancengerechtigkeit: um Bildungsangebote, die an den Stärken, Bedarfen und Interessen der Kinder ansetzen – in der Sprache ebenso wie in Mathematik, Motorik und Selbstregulation. Das sichert einen gelingenden Übergang in die Schule und legt den Grundstein für den gesamten Bildungs- und Lebensweg. Der Schlüssel dafür ist die Sprache.

Hier setzen wir mit dem Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz an: mit verbindlichen Sprach- und Entwicklungsstandserhebungen sowie Förderung bei Vierjährigen, mit professioneller Unterstützung durch Fachberatung und mit zusätzlichem Personal für Sprachbildung für Kitas in herausfordernden Lagen. Es ist ein wichtiger Schritt, um Kitas und Fachkräfte zu stärken. Denn am Ende geht es nicht um Statistiken. Es geht um unsere Kinder. Sie haben nur diesen einen Start – und wir müssen ihnen die besten Voraussetzungen für diesen Start ins Leben mitgeben.

Kontra

von der GEW-Vorsitzenden Maike Finnern

Seit vielen Jahren werden Kompetenzen von Schüler*innen im Rahmen der Pisa-Studien erfasst. Doch hat sich seither etwas an den Bildungschancen der Kinder verbessert? Die Antwort ist ein klares Nein. Bereits 14 von 16 Bundesländern erheben seit vielen Jahren den Sprachstand von Kita-Kindern – von einer neuen Errungenschaft kann also kaum die Rede sein.

Nicht eine Sprachstandserhebung an sich ist daher das Problem, sondern die Schwerpunktsetzung des neuen Startchancenprogramms und Kita-Qualitätsentwicklungsgesetzes. Als GEW fordern wir seit vielen Jahren die Schaffung eines echten Kita-Qualitätsgesetzes, welches bundesweit einheitliche und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende strukturelle Qualität schafft.

Gute Sprachbildung entsteht nicht durch mehr Tests. Sie braucht ausreichend Zeit zur Vor- und Nachbereitung, qualifizierte Fachkräfte, professionelles Leitungshandeln mit dafür vorgesehenen zeitlichen Ressourcen sowie einen Rahmen, der eine gute pädagogische Praxis ermöglicht und begleitet. Jede zusätzliche Diagnostik, Dokumentation und Auswertung bindet Fachkraftstunden, die dann für Zeit mit den Kindern – für Beziehungen, Spiel und alltagsintegrierte Sprachbildung – fehlen.

Sprachliche Bildung ist ein zentraler Bestandteil pädagogischer Praxis in den Einrichtungen der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung. Aber eine Politik, die Sprachentwicklung und ein Versprechen zur Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse durch verpflichtende, punktuelle Sprachstandserhebungen einlösen will, verengt den pädagogischen Blick auf Kinder: Nicht ihre Stärken, Interessen und Lebenslagen stehen dann im Mittelpunkt, sondern Defizite.

Gerade bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern müssen standardisierte Verfahren zudem sorgfältig eingesetzt werden, denn sprachliche Entwicklung lässt sich nicht sinnvoll auf eine Momentaufnahme reduzieren. Entscheidend sind stattdessen kontinuierliche Beobachtung, vertraute Beziehungen und vielfältige Sprachanlässe im pädagogischen Alltag.

Das Ziel muss nicht weniger Sprachstandserhebung lauten, sondern bessere Sprachbildung: alltagsintegriert, inklusiv, mehrsprachigkeitssensibel und mit den notwendigen Ressourcen.