Nicht ganz bei null: Zum Berufseinstieg in der politischen Kommunikation

Kolumne

Junge Frau mit blonden Haaren in schwarzem Shirt, steht mit verschränkten Armen vor einem hellen Hintergrund und Text.
Anna Moors. Foto: Milena Radatz

Kann es so etwas wie zweite erste Male geben? Diese Frage schießt mir durch den Kopf. Ich sitze in der U5, auf dem Weg zu meinem ersten richtigen Vollzeitjob, hier im politischen Berlin. Letzte Woche habe ich meine Masterarbeit abgegeben. Jetzt beginnt etwas Neues – oder?

In der politischen Kommunikation arbeite ich schon länger: im Wahlkampfteam für den damaligen Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, als Wissenschaftliche Mitarbeiterin für einen MdB im Deutschen Bundestag, als selbstständige Kommunikationsberaterin, im Government Affairs Team einer internationalen Unternehmensberatung. Aber all diese Jobs habe ich neben meinem Studium gehabt. Das ist jetzt zu Ende.

Zweite erste Male wären dann das: Man hat schon ein bisschen Erfahrung und weiß, was zu tun ist. Und man hat Tipps, die man teilen würde, wenn man heute wieder bei null anfangen müsste:

Nimm nicht jede Abendveranstaltung mit

Wenn man es drauf anlegt, kann man jeden Tag auf eine Abendveranstaltung gehen – und es gibt sicherlich Kandidaten, die genau das auch tun. Man darf auch im Bett liegen und doomscrollen. Das eigene Netzwerk leidet darunter nicht. Auch die eigene Karriere leidet nicht. Solche Netzwerkevents bringen nichts, wenn man zu erschöpft ist, um ein guter Gesprächspartner zu sein. Auch hier gilt: Qualität über Quantität.

Berlin-Mitte ist ein Haifischbecken — und trotzdem werden dich Menschen immer wieder positiv überraschen.

Diese Metapher des Haifischbeckens kommt nicht von mir. Sie stammt von einem Kollegen aus dem Bundestagsbüro, in dem ich kurz nach dem Abi ein Praktikum gemacht habe. Zugegeben, damals habe ich ihn belächelt. Ich fand das Bild zu dramatisch, zu überzogen. Es hat ein halbes Jahr gebraucht, bis ich verstanden habe, was er meint: diesen Egoismus, diese transaktionale Haltung, gepaart mit einer Unehrlichkeit, an die man sich gewöhnen muss.

Manche werden daraufhin umso lauter, ruppiger, nehmen ähnliche Charakterzüge an. Oder sie werden distanziert, kühl – eine Reaktion, von der ich mich selbst ganz und gar nicht freisprechen kann. Jeder muss für sich einen Weg finden, damit umzugehen. Wichtig ist, zu wissen: Menschen werden einen trotzdem (oder: genau deshalb) positiv überraschen. Während man also einen Umgang trainiert, muss man weiterhin ehrliche, emotionale Verbindungen aufbauen. Apropos Verbindungen:

Ein weibliches Netzwerk ist überlebenswichtig

Es gibt Männerrunden. Und dann gibt es Boys Clubs, in die kommt man nicht rein – egal, was man versucht. Das ist in Ordnung, etwas anderes als Akzeptanz bleibt einem nicht übrig.

Während man weiterhin männliche Kontakte pflegt, sollte man den Wert des eigenen weiblichen Netzwerks erkennen. Nicht nur sind andere Frauen keine Konkurrenz; sie sind die eigene Lebensversicherung.

Nicht nur sind andere Frauen keine Konkurrenz; sie sind die eigene Lebensversicherung.

Es gibt keinen Weg, nachzuvollziehen, wogegen man als Frau in dieser Branche ankämpft, wenn man es nicht selbst erlebt. Man braucht Menschen, die man abends anrufen kann, bei denen man sich – pardon my french – auskotzen, weinen, lachen und Erfolge feiern kann, ohne viel erklären zu müssen. Dieses weibliche Netzwerk baut einen auf und steht für einen ein, wenn man selbst nicht im Raum ist.

Ein guter Kosmetikbeutel erspart unangenehme Situationen

Diese Branche verlangt einem mehr ab, als man denkt. Man kommt morgens zu spät aus dem Haus. Das Make-Up sitzt nach dem vierten Termin nicht mehr. Zwischen Termin fünf und sechs kämpft man mit Blasen an den Füßen. Es wird niemand fragen, ob man Mittag gegessen hat, ob die Schuhe drücken, ob man fünf Minuten Pause braucht. Man muss das selbst übernehmen. Das beginnt mit einem gepackten Kosmetikbeutel.

Es lohnt sich, einmal im Quartal ca. 5 Minuten in eine Drogerie seiner Wahl zu gehen. Auch für die Herren – ich kenne genug, die von einem Deo in handlicher Reisegröße profitieren würden.

Das richtige erste Mal

Die Krux an den zweiten ersten Malen: Man weiß schon etwas, aber nicht alles. Das richtige erste Mal steht bevor. Damit ist klar, dass man dazulernen wird.

Die Krux an den zweiten ersten Malen: Man weiß schon etwas, aber nicht alles.

Unter den Linden, Brandenburger Tor, Bundestag: Die letzten Stationen ziehen an mir vorbei. Ich frage mich, welche Punkte ich diese Liste ergänzen werde, wenn ich am Ende meiner Karriere angekommen bin. Ob ich sie belächeln werde oder nicht so viel hinzuzufügen habe? Ich weiß es nicht. Ich muss das heute nicht wissen. Berlin Hauptbahnhof. Die Tür öffnet sich – ich steige aus.