Misstrauen macht nicht gesund

Fehlzeiten-Debatte

Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Warteraum, während eine Mitarbeiterin an einem Empfangstresen steht.
Ärztevertreter befürchten überfüllte Wartezimmer. Bild KI-generiert.

Die Fehlzeitendebatte ist zurück – diesmal mit einem konkreten Beschluss: Union und SPD wollen die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung künftig ab dem ersten Krankheitstag verpflichtend machen und die telefonische Krankschreibung abschaffen. Damit ist die politische Debatte um Fehlzeiten weiter vor allem von Schuldzuweisungen und dem Ruf nach Kontrolle geprägt: Karenztage, Kürzung der Lohnfortzahlung, das Bild vom krankmeldenden Deutschland.

Dazu sei eine Frage erlaubt: Was, wenn Arbeitnehmer, die sich krankmelden, tatsächlich krank sind?

Die aktuelle Debatte nimmt ein strukturelles Problem und behandelt es als Frage individuellen Fehlverhaltens. Eine tragfähige Antwort bleibt sie schuldig. Das ist nicht nur politisch unbefriedigend, sondern auch kommunikativ kontraproduktiv.

Eine veränderte Arbeitswelt

Die Arbeitswelt hat sich verändert: Sie ist schneller und digitaler geworden. Das belastet viele Menschen. Bereits 37 Prozent der Erwerbstätigen berichten heute von Erschöpfung. Psychische Erkrankungen dauern im Schnitt länger als andere Krankheitsarten. Zugleich sind die Fehlzeiten seit 2014 um 47 Prozent gestiegen.

Diese Zahlen sind keine Zufälle. Fehlzeiten sind ein Frühwarnindikator. Sie können anzeigen, dass Belegschaften unter Druck stehen, es Schwächen in der Arbeitsorganisation gibt und Lücken im Versorgungssystem bestehen. Das senkt Produktivität und macht Fehlzeiten zu mehr als einem sozialpolitischen Randthema. Wer sie primär als fehlende Disziplin behandelt, ignoriert den eigentlichen Steuerungsansatz.

„Fehlzeiten sind ein Frühwarnindikator.“

Warum die Debatte ihr Ziel verfehlt

Härtere Kontrollen sind einfach zu kommunizieren und bieten eine klare Gegnerfigur. Vom politischen Ziel her gedacht greifen sie aber zu kurz. Sie verstärken Misstrauen, ohne die Arbeitsbedingungen oder den Zugang zur Versorgung zu verbessern. Sie sind nur das sichtbarste Symptom einer Debatte, die gleich an drei Stellen grundlegend falsch ansetzt:

1. Die Zuschreibungslogik: Fehlzeiten werden pauschal als individuelle Verweigerung verunglimpft. Systemische Bedingungen wie Arbeitsorganisation, Führung, psychische Belastung und der Zugang zur Versorgung geraten aus dem Blick.

2. Die Wirkungslogik: Maßnahmen werden angekündigt, ohne die Wirkungskette dahinter offenzulegen. Wie genau soll eine Verschärfung dazu beitragen, dass Beschäftigte schneller gesund und arbeitsfähig werden und bleiben?

3. Der blinde Fleck: Die Debatte fokussiert auf Unternehmen, Arztpraxen, Kassen und Beschäftigte. Den Ort, an dem Prävention praktisch wirkt, lässt sie dabei weitgehend außen vor: den Arbeitsplatz selbst.

Der unterschätzte Hebel

Betriebsärztinnen und Betriebsärzte kennen die Arbeitsbedingungen ihrer Betriebe. Sie sind organisational eingebettet und können intervenieren, bevor eine Belastung zur Erkrankung wird. Als wichtige Akteure der Primärprävention sind sie genau der Hebel, der in der politischen Debatte am stärksten fehlt.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut der repräsentativen lidA-Studie gaben 2018 zwar 62 Prozent der Beschäftigten an, dass in ihrem Betrieb ein betriebsärztlicher Dienst existiert. Persönlichen Kontakt hatten aber nur 52 Prozent. Lediglich die Hälfte davon hatte ihn in den vorangegangenen zwölf Monaten. Die Infrastruktur ist also da, aber sie wird schlicht nicht genutzt.

Das hat einen Grund: Eine wirkungsvolle Prävention erzeugt keine schnellen Erfolge und spitzt weniger zu. Genau das lässt sie kommunikativ schwach erscheinen. Politisch wäre sie aber so viel wertvoller.

Arbeitsfähigkeit als Zielbild

Betriebsärztliche Versorgung kann sichtbar machen, wo Prävention ansetzen muss. Dafür muss Politik sie entsprechend rahmen, begründen und mit klaren Erwartungen verbinden:

Arbeitsfähigkeit als politisches Zielbild setzen. Arbeitsfähigkeit gehört auf die politische Agenda: nicht als Randthema der Sozialpolitik, sondern als Kernfrage der Standort- und Fachkräftepolitik. Wer das tut, schafft Klarheit darüber, was das Ziel ist, wer dafür zuständig ist und woran Fortschritt gemessen wird.

Geteilte Verantwortung benennen, ohne Schuldzuweisung. Eine glaubwürdige Debatte setzt voraus, dass Zuständigkeiten klar benannt werden, ohne eine Seite zum alleinigen Schuldigen zu machen. Politik, Betriebe und Versorgungssystem tragen jeweils einen Teil der Verantwortung. Das klingt selbstverständlich, ist in der politischen Praxis aber selten.

Umsetzungsfähigkeit über Prozesslogik erklären. Politische Kommunikation überzeugt dann, wenn sie nicht nur sagt, was erreicht werden soll, sondern auch wie. Konkret heißt das: Wer im Betrieb ist erste Anlaufstelle? Wie funktioniert die Übergabe zwischen Betriebsarzt und Regelversorgung? Woran merkt man, dass etwas besser wird? Antworten auf diese Fragen machen den Unterschied zwischen bloßer Ankündigung und echter Glaubwürdigkeit.

„Arbeitsfähigkeit gehört auf die politische Agenda.“

Präventionskultur statt Kontrolle

Die Rechnung ist simpel: Wer früher interveniert und auf Prävention setzt, hat später weniger krankheitsbedingte Ausfälle. Doch genau dieser Hebel bleibt in der politischen Debatte bisher ungenutzt. Die Diskussion bleibt bei Schuldzuweisungen stecken, statt am System anzusetzen. Das zu ändern erfordert keine neue Gesetzgebung, sondern eine andere Haltung: Präventionskultur statt Schuldzuweisungen und dem Ruf nach mehr Kontrolle. Wenn politische Kommunikation diesen Rahmen setzt, kann das System früher helfen. Ausfälle werden kürzer und seltener. Das wäre eine zielführende Standortpolitik.