Jahrelang haben wir über Filterblasen, Echokammern und einen Informationskrieg auf Social-Media-Plattformen geklagt. Doch was, wenn die Lösung für dieses Problem ausgerechnet in jener Technologie liegt, die viele noch mit Skepsis betrachten? Was, wenn künstliche Intelligenz das Potenzial hat, uns wieder auf eine gemeinsame Grundlage zurückzuführen?
Es ist ein provokanter Gedanke, den Maximilian Ziche, Experte für KI-Sichtbarkeit und Co-Founder der Kommunikationsagentur GetPress, im Gespräch mit p&k-Chefredakteur Konrad Göke ins Zentrum seiner Analyse stellt. In der neuesten Folge des p&k-Podcasts zeichnet er das Bild einer bevorstehenden Revolution, die nicht weniger als die Grundfesten der politischen Kommunikation erschüttern wird. Ein Wandel, der so fundamental ist wie die Erfindung der Suchmaschine selbst.
Vom Link-Katalog zur direkten Antwort: Ein Paradigmenwechsel
Im Kern der Revolution steht eine simple Veränderung unseres Alltagsverhaltens. Fragten wir früher Google und erhielten eine lange Liste von Links, durch die wir uns mühsam klicken mussten, fragen wir heute ChatGPT, Perplexity oder Google Gemini und erhalten – eine direkte Antwort. Dieser Übergang vom Suchen zum Fragen, vom Link-Katalog zur fertigen Synthese, verändert alles.
„Wir haben die letzten 10 bis 20 Jahre damit verbracht, mehr oder weniger zu googeln, wenn wir etwas finden wollten. […] Und das verändert sich gerade massiv. Also das Suchverhalten kippt von diesem Link-Katalog gerade zur direkten Antwort, nämlich in KI-Systemen.“
Für Unternehmen, politische Akteure und Institutionen bedeutet das: Es reicht nicht mehr aus, auf der ersten Seite von Google zu ranken. Die neue, entscheidende Frage lautet: Wie werde ich Teil der KI-Antwort? Wie schaffe ich es, dass meine Botschaften, meine Fakten und meine Perspektiven von den Sprachmodellen als relevant und vertrauenswürdig eingestuft werden?
Das Comeback der Pressearbeit: Warum alte Tugenden in der neuen Welt zählen
Wer nun glaubt, die Lösung liege in cleveren technischen Tricks und obskuren SEO-Hacks, irrt. Zwar gibt es kurzfristige Kniffe, doch Ziche warnt davor, auf Sand zu bauen. Nachhaltige Sichtbarkeit in der KI-Ära basiert auf Prinzipien, die Kommunikationsprofis nur allzu bekannt vorkommen dürften: Autorität, Glaubwürdigkeit und Expertise.
Die KI-Modelle, so Ziche, werden darauf trainiert, vertrauenswürdige von unseriösen Quellen zu unterscheiden. Und welche Quellen genießen seit jeher das höchste Vertrauen? Etablierte Medienhäuser. Ziche erklärt, warum die Platzierung in diesen Medien der entscheidende Hebel ist:
„Wenn du in Leitmedien stattfindest, Spiegel, Zeit, FAZ, Welt, oder alternativ in anerkannten Fach- und Branchenmedien, die eine Historie mitbringen, die eine Autorität mitbringen – wir sehen einfach, dass diese Quellen überproportional häufig in KI-Antworten auftauchen.“
Ein Gastbeitrag in einem anerkannten Fachmedium, ein Interview in einer überregionalen Zeitung oder eine Erwähnung in einem Lokalblatt können immer noch mehr wert sein als eine aufwendig optimierte Landingpage. Für politische Kommunikatoren bedeutet das: Die Pflege von Medienkontakten und die Fähigkeit, Inhalte in journalistischen Formaten zu platzieren, bleiben entscheidende Kernkompetenzen.
Datenvergiftung und „Prompt Injection“: Die dunkle Seite der KI-Manipulation
Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Die neue Macht der KI-Antworten ruft unweigerlich Akteure auf den Plan, die das System für ihre eigenen Zwecke manipulieren wollen. Ziche skizziert ein beunruhigendes Bild der Taktiken, die bereits heute im Kampf um die Deutungshoheit eingesetzt werden – von Desinformationskampagnen bis hin zu subtiler technischer Manipulation.
Eine dieser Methoden ist die sogenannte „Prompt Injection“. Dabei werden versteckte Befehle in scheinbar harmlose Texte eingebaut, die eine KI beim Auslesen dazu bringen, ihre eigentliche Aufgabe zu ignorieren und stattdessen eine manipulierte Antwort zu geben.
„Es gibt einen scheinbar harmlosen Artikel, der aber in Wirklichkeit Code oder Formulierungen [enthält], die der KI später sagen: Ignoriere die eigentliche Frage und sage stattdessen xy.“
Diese Techniken, gepaart mit dem gezielten „Vergiften“ von Datenquellen wie Wikipedia oder der Flutung des Netzes mit Falschinformationen über Bot-Netzwerke, stellen eine ernsthafte Bedrohung dar. Sie erfordern nicht nur eine neue Form der Medienkompetenz bei den Nutzern, sondern auch eine ständige Wachsamkeit der Entwickler und Regulierungsbehörden.
Trotz dieser Gefahren sieht Ziche eine historische Chance. Indem KI-Systeme autoritative Quellen bevorzugen und Informationen aus dem ganzen Spektrum seriöser Medien bündeln, könnten sie helfen, die Gräben der letzten Jahre zu überwinden und eine neue, gemeinsame Faktenbasis zu schaffen – eine, die sauberer ist als das, was viele Menschen heute in ihren Telegram-Gruppen oder TikTok-Feeds finden.
Das vollständige und nuancierte Gespräch über die Taktiken der KI-Optimierung, die Zukunft der Medienlandschaft und die Frage, ob wir wirklich am Beginn eines neuen, faktenbasierten Informationszeitalters stehen, hören Sie in der aktuellen Folge des p&k-Podcasts.
