Die britische Politik erlebt einen Epochenbruch – und zwar nicht erst bei der nächsten Unterhauswahl, sondern bereits auf kommunaler Ebene. Die jüngsten Kommunal- und Regionalwahlen in England sowie die Parlamentswahlen in Schottland und Wales haben das Parteiensystem des Vereinigten Königreichs erschüttert. Was sich seit Jahren andeutete, ist nun mit voller Wucht sichtbar geworden: Die traditionelle Dominanz von Labour und den Konservativen zerfällt. An ihre Stelle tritt ein fragmentiertes, zunehmend polarisiertes Mehrparteiensystem. Und im Zentrum des politischen Bebens steht Premierminister Keir Starmer.
„Labour blutet gleichzeitig nach rechts und nach links aus.“
Noch weigert sich Starmer, die Konsequenzen aus den desaströsen Ergebnissen zu ziehen. Doch die politische Autorität des Premierministers ist schwer beschädigt. Die Wahlen haben gezeigt, dass Labour gleichzeitig nach rechts und nach links ausblutet. Das ist ein strategischer Albtraum für eine Partei, die erst vor kurzem glaubte, den Weg zurück zur natürlichen Regierungspartei Großbritanniens gefunden zu haben.
Der Triumph von Reform UK
Die nackten Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Von den rund 5.000 zur Wahl stehenden Stadt- und Kreistagsmandaten gewann Labour lediglich 1.051. Knapp 1.200 Sitze gingen verloren. Hauptprofiteur dieses politischen Erdrutsches wurde Nigel Farages Reform UK. Die Partei gewann 1.349 Mandate hinzu und drang dabei tief in einst unerschütterliche Labour-Hochburgen vor.
Besonders bemerkenswert ist die geografische Breite dieses Erfolges. Reform gewann nicht nur in den industriell geprägten Arbeiterstädten Nordenglands, sondern ebenso im wohlhabenden und traditionell konservativen Süden. Farage ist damit etwas gelungen, woran selbst die Tories jahrelang scheiterten.
Der Zusammenbruch der „roten Wand“
Vor allem die einstige „rote Wand“ im Norden Englands brach nahezu flächendeckend zusammen. In Barnsley, zwischen Sheffield und Leeds gelegen, errang Reform aus dem Stand 42 der 63 Mandate. Labour fiel auf nur noch elf Sitze zurück – ein Verlust von 35 Mandaten. Noch dramatischer war das Ergebnis im benachbarten Wakefield: Reform gewann dort 56 Sitze hinzu und hält nun 58 Mandate insgesamt. Labour verlor 47 Sitze und verfügt nur noch über ein einziges Stadtratsmitglied.
Diese Ergebnisse markieren eine tektonische Verschiebung innerhalb der britischen Arbeiterklasse. Viele frühere Labour-Wähler fühlen sich von einer Partei entfremdet, die unter Starmer gezielt in die politische Mitte gerückt ist. Dabei hat sie ihre traditionelle soziale und kulturelle Bindungskraft eingebüßt.
Auch die Tories erleben ein Debakel
Bei aller Aufmerksamkeit für die Krise Labours gerät beinahe in Vergessenheit, dass auch die Konservativen einen katastrophalen Wahltag erlebten. Die Tories gewannen lediglich 785 Mandate und verloren zugleich 428 Sitze. Damit setzt sich der Niedergang der Partei fort, die Großbritannien zuletzt über mehr als ein Jahrzehnt regiert hatte.
Besonders schmerzhaft waren die Verluste in den traditionellen Hochburgen der Konservativen im Südosten und Osten Englands. In East Surrey, Essex, Hampshire, Norfolk, Suffolk und West Sussex verloren die Tories reihenweise sicher geglaubte Mehrheiten. Gerade dort zeigt sich, wie sehr Reform UK inzwischen das konservative Lager aufspaltet.
Die Tories stecken damit in einem strategischen Dilemma. Rechts verlieren sie Wähler an Farages Reform UK; in wohlhabenderen und moderateren Regionen profitieren zunehmend Liberaldemokraten und unabhängige Kandidaten. Die Partei erscheint vielen Briten nicht mehr als erneuerungsfähige Volkspartei, sondern als erschöpfte Altpartei ohne erkennbare Richtung.
Die Grünen erobern die Metropolen
Labour verliert nicht nur nach rechts. Während Reform UK die Arbeiterstimmen im Norden abschöpft, etablieren sich die Grünen zunehmend als ernstzunehmende Kraft im urbanen, progressiven Milieu. Mit einem Plus von 370 Mandaten blieben die Grünen zwar hinter den eigenen Erwartungen zurück. Regional jedoch waren die Gewinne spektakulär.
Besonders in London vollzieht sich ein politischer Umbruch von potenziell historischer Tragweite. Im innerstädtischen Bezirk Lewisham gewannen die Grünen 40 der 54 Sitze – ein Zuwachs von 36 Mandaten. In Haringey errangen sie 28 Sitze und verdrängten Labour auf Platz zwei. Auch in Waltham Forest gelang den Grünen die absolute Mehrheit.
Hinzu kommt ein symbolträchtiger Durchbruch: Erstmals überhaupt gewannen grüne Kandidaten Bürgermeisterposten in England. In Hackney setzte sich Zoe Garbett mit 47 Prozent der Stimmen durch. In Lewisham gewann Liam Shrivastava komfortabel mit 40 Prozent.
Londons politische Landkarte verändert sich
Die Bedeutung dieser Ergebnisse reicht weit über die Kommunalpolitik hinaus. Vor dem Wahltag kontrollierte Labour 21 der 32 Londoner Borough-Parlamente. Übrig geblieben sind acht. Gerade in London hätte deshalb ein politischer Alarmruf durch die Labour-Fraktion im Unterhaus gehen müssen. Rund 50 Labour-Abgeordnete verdanken ihr Mandat urbanen Wahlkreisen der Hauptstadt. Viele davon erscheinen nun plötzlich keineswegs mehr sicher.
Denn die Grünen haben hier etwas aufgebaut, das ihnen bislang fehlte: einen kommunalen Unterbau. Lokale Mandate schaffen Sichtbarkeit, personelle Strukturen und organisatorische Verankerung. Genau daraus entstehen langfristig parlamentarische Durchbrüche. Die Partei könnte bei der nächsten Unterhauswahl mehrere Londoner Sitze gewinnen – auf Kosten Labours.
Auch Schottland und Wales wenden sich ab
Auch jenseits der englischen Grenze verliefen die Wahlen für Labour ernüchternd. In Schottland verlor die Partei drei Parlamentssitze und liegt nun mit 17 Mandaten gleichauf mit Reform UK. Die Grünen rücken ebenfalls näher. Die Scottish National Party büßte zwar ebenfalls Sitze ein, bleibt mit 58 Mandaten jedoch klar dominierend. Ihren Koalitionspartner kann sie sich praktisch aussuchen.
Noch dramatischer war die Entwicklung in Wales. Seit Einführung des walisischen Regionalparlaments 1999 war Labour dort die unangefochtene politische Kraft. Nun ist diese Ära offenbar beendet. Während Labour von ehemals 30 Sitzen auf nur noch neun abstürzte, triumphierte Plaid Cymru mit 43 Mandaten. Reform UK erreichte aus dem Stand 34 Sitze und wurde zweitstärkste Kraft.
Für Labour ist das nicht weniger als eine strategische Katastrophe. Wales galt jahrzehntelang als verlässliches Kernland der Partei. Wenn selbst dort die politische Basis zerfällt, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der langfristigen Überlebensfähigkeit des bisherigen Kurses.
Starmer unter Druck
Und dennoch war in Teilen der Labour-Führung beinahe Erleichterung zu spüren. Intern hatte man offenbar mit noch dramatischeren Verlusten gerechnet – teilweise kursierten Szenarien von bis zu 2.000 verlorenen Mandaten. Entsprechend stoisch reagierte Keir Starmer öffentlich auf Rücktrittsforderungen.
Zumindest kurzfristig gelang ihm sogar ein kleiner Befreiungsschlag. Mit Gordon Brown und Harriet Harman stellten sich zwei Schwergewichte der Labour-Geschichte demonstrativ hinter den Premierminister. Beide sollen die Regierung künftig beraten. Die Botschaft war klar: Das Establishment der Partei hält vorerst noch zu Starmer.
Labour zwischen zwei Fronten
Doch genau darin liegt möglicherweise das eigentliche Problem. Starmer hat Labour in den vergangenen Jahren erfolgreich entideologisiert und in die politische Mitte geführt. Dieser Kurs machte die Partei für moderate Wechselwähler akzeptabel, öffnete aber gleichzeitig gefährliche Flanken.
„Damit steckt Labour in einer politischen Zange, aus der es kaum einen offensichtlichen Ausweg gibt.“
Links von Labour sammeln die Grünen zunehmend junge, akademische und progressive Protestwähler ein. Rechts davon mobilisiert Reform UK jene Arbeiter und Brexit-Wähler, die sich kulturell und sozial nicht mehr repräsentiert fühlen.
Damit steckt Labour in einer politischen Zange, aus der es kaum einen offensichtlichen Ausweg gibt.
Das Ende der einfachen Mehrheiten
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieser Wahlen geht jedoch über einzelne Parteien hinaus. Großbritannien bewegt sich zunehmend weg vom traditionellen Zwei-Parteien-System. Künftig kämpfen mindestens fünf relevante Kräfte gleichzeitig um Mandate: Labour, die Konservativen, Reform UK, die Grünen sowie Liberaldemokraten beziehungsweise Regionalparteien wie SNP und Plaid Cymru.
Das britische Mehrheitswahlrecht war jahrzehntelang auf zwei dominante Volksparteien ausgelegt. Doch dieses Modell zerfällt zunehmend. Wo früher einfache Mehrheiten und relativ stabile politische Lager dominierten, entstehen nun volatile Mehrkämpfe mit regional völlig unterschiedlichen Dynamiken.
Dadurch werden Wahlergebnisse schwerer prognostizierbar. Bereits kleine Verschiebungen können massive Auswirkungen auf die Sitzverteilung haben. In vielen Wahlkreisen reichen nicht mehr zwei konkurrierende Lager aus, um Ergebnisse zu erklären. Stattdessen entstehen Dreikämpfe oder sogar Vierkämpfe zwischen Labour, Reform, Grünen und Konservativen – ergänzt durch regionale Kräfte oder Liberaldemokraten. Genau darin liegt die eigentliche historische Dimension dieser Wahlen.
Das Ende der politischen Stabilität
Hinzu kommt, dass Premier Starmer ursprünglich angetreten war, um nach den chaotischen Jahren der konservativen Regierungen Stabilität zurückzubringen. Doch zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum wirkt Großbritannien politisch unruhiger denn je. Das Land erlebt eine neue Phase der Fragmentierung: regional, kulturell und parteipolitisch.
„Für Keir Starmer beginnt damit womöglich bereits der Abstieg – lange bevor die nächste Unterhauswahl überhaupt stattfindet.“
Vor diesem Hintergrund erscheint es zunehmend schwer vorstellbar, dass Starmer sich dauerhaft im Amt halten kann. Die Selbsterhaltungstriebe der Labour-Abgeordneten dürften am Ende stärker sein als die Loyalität gegenüber dem Parteichef. Gerade bei Labour war die Parteidisziplin traditionell nie besonders ausgeprägt.
Die eigentliche Botschaft dieser Wahlen lautet daher nicht nur, dass Labour verloren hat. Vielmehr zeigt sich, dass das politische Koordinatensystem Großbritanniens insgesamt auseinanderbricht. Reform UK und die Grünen sind keine Randerscheinungen mehr, sondern Ausdruck einer tiefen gesellschaftlichen Neuordnung.
Für Keir Starmer beginnt damit womöglich bereits der Abstieg – lange bevor die nächste Unterhauswahl überhaupt stattfindet.
