Seit Menschen Kriege führen, versuchen sie, den Feind nicht nur mit Waffen zu besiegen, sondern auch mit Worten. Täuschung ist ein fester Bestandteil militärischer Strategien. Schon in antiken Schriften wie Sunzis „Kunst des Krieges“ heißt es: „Alle Kriegsführung beruht auf Täuschung.“
Im Zweiten Weltkrieg etwa täuschten die Alliierten eine komplette Invasionsarmee an der französischen Kanalküste mit Gummipanzerattrappen, Scheinflugfeldern und gefälschten Funksprüchen vor, um den D-Day einzuleiten. Mit dem Aufstieg moderner Nachrichtendienste wurde diese Taktik professionalisiert: Spionage, psychologische Kriegsführung, massenmediale Beeinflussung durch das Radio oder in Massen gedruckte Flugblätter. Alles diente dem Ziel, die Wahrnehmung des Volkes zu formen, Zweifel und Angst zu säen sowie Vertrauen zu erschüttern.
Heute erleben wir eine neue Eskalationsstufe. Künstliche Intelligenz ist das jüngste – und womöglich gefährlichste – Werkzeug moderner Propaganda. Sie reiht sich ein in die lange Liste der Technologien, die neben Segen auch Fluch brachten. KI-generierte Bilder zeigen Szenen, die nie passiert sind, aber so emotional wirken, als wären sie real.
Social Bots skalieren diese Inhalte automatisiert, präzise ausgerichtet auf Zielgruppen, Stimmungen und Sprachen. Was früher Tage an Vorbereitung, Mittel und Spezialwissen erforderte, geschieht heute in Minuten und erreicht Millionen, lange bevor Redaktionen reagieren oder Faktenchecks greifen. Studien zeigen, dass sich Falschinformationen im Netz bis zu zehnmal schneller verbreiten als echte Nachrichten.
Informationskrieg in Echtzeit
Es war der US-Senator Hiram Johnson, der sagte, dass im Krieg die Wahrheit zuerst stirbt. Blickt man auf die aktuellen Eskalationen in der ganzen Welt, in den Konflikten in Afrika, in Pakistan und Indien, in Thailand und Myanmar und auch in Russland und der Ukraine sowie zwischen Israel, der Hamas und regionalen Akteuren wie dem Iran ist dieser Satz bedrückend aktuell.
Regelmäßig stehen alle Seiten im Verdacht, mit gezielten Desinformationskampagnen um weltweite Deutungshoheit zu ringen. So kursieren immer wieder Vorwürfe, die Hamas verbreite manipulierte oder kontextlose Bilder hungernder Kinder und zerstörter Krankenhäuser. Teils aus früheren Konflikten, teils aus anderen Regionen oder KI-generiert, aber auch nicht selten echt. Der bloße Verdacht genügt oft schon, um selbst echten Bildern jede Glaubwürdigkeit zu entziehen. Das ist nicht nur perfide, es ist folgenreich: Denn wer Schmerz zeigen will, muss heute beweisen, dass der Schmerz auch echt ist.
Auch Israel setzt auf digitale Narrative. Ich selbst wurde mit einer knapp 20-sekündigen YouTube-Werbung bespielt, die die Vereinten Nationen aufforderte, endlich Hilfslieferungen für Gaza freizugeben. Die Werbung zeigte keinen Absender, keine Quellen, keinen Link für weitere Informationen, aber dafür knappe Vorwürfe, die von einer KI-Stimme ausgesprochen wurden. Der Zuschauer kann sie weder melden noch weitere Informationen einholen. Erst wenn man es schafft, in der kurzen Zeit den Link zu kopieren, wird sichtbar: Absender ist das israelische Außenministerium, das Video existiert in mehreren Sprachen und ist millionenfach geklickt worden. Warum wird diese Quelle nicht offengelegt?
Kritiker sprechen hier von sogenannter „Grey Propaganda“: Informationen, die authentisch wirken, aber deren Herkunft bewusst verschleiert wird. Es geht um direkte Einflussnahme, oft ohne Überprüfbarkeit, aber mit hoher Reichweite. So entsteht ein manipulativer Spielraum zwischen Wahrheit, Deutung und Vertrauen.
Der Iran-Israel-Konflikt gilt inzwischen als erster Krieg, in dem generative KI systematisch zur Desinformationswaffe wurde. KI-Bilder von zerstörten Städten, abgestürzten F-35-Jets oder Protesten gingen viral, oft glaubwürdig inszeniert, aber komplett erfunden. Besonders fatal: Selbst echte Aufnahmen werden plötzlich als Fälschungen abgetan.
Wenn die Wahrheit verschwimmt
Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz beginnt eine neue Phase der Kriegsführung: Inmitten der digitalen Kakophonie wird es zunehmend unmöglich, belegte Fakten von gezielter Täuschung oder emotional aufgeladenen Meinungen zu unterscheiden. Wenn ein Foto als Fake oder eine Meldung als erfunden entlarvt worden ist, verliert die nächste Meldung automatisch an Wahrheitsgehalt. Genau das erschwert nicht nur das Verständnis eines Konflikts, sondern auch jede Form außenpolitischen oder humanitären Handelns. Es vertieft die Gräben zwischen den Parteien und ihren Unterstützern.
Die Welthandelsorganisation zählt Desinformation zurecht zu den größten globalen Risiken unserer Zeit. Konflikte, Krisen und Katastrophen lassen sich nur auf Basis verlässlicher Informationen verstehen, schlichten oder verhindern. Wo Fakten egal sind, zerfällt auch Vertrauen in Berichterstattung, in Institutionen und in Diplomatie.
Gerade in bewaffneten Konflikten geht es selten um Nuancen. Stattdessen wird um moralische Überlegenheit gerungen, um das Recht auf Verteidigung, auf Empörung, auf Solidarität. Doch wenn jede Seite ihre eigene Wirklichkeit konstruiert, bleibt keine gemeinsame Grundlage mehr. Wahrheit wird zur Waffe.
Am Ende geht es um Menschen
Während Narrative in Echtzeit gegeneinander prallen, sterben Menschen. In Gaza, wo Zivilisten unter Trümmern begraben werden, in Israel, wo Familien in Schutzräumen ausharren, im Iran, wo Drohnen tödlich sind. Nicht an Meinungen sterben sie. Sondern an Bomben, Hunger, Angst.
Wir denken zu viel und fühlen zu wenig. Der Kampf um Bilder, Narrative und moralisches Recht darf uns nicht blind und taub machen für das Wesentliche: Es sind Menschen, die einen Preis bezahlen, während andere versuchen, einfach nur Recht zu behalten.

