Klingbeil: „Manchmal kommt dieser Müntefering auch mal per Post an – auch bei mir“

Politikaward 2026

Drei Personen applaudieren auf einer Bühne, während eine Person einen Preis hält. Im Hintergrund ist ein Logo sichtbar.
Franz Müntefering mit dem Politikaward für sein Lebenswerk (Foto: Sebastian Höhn)

Laudatio von Lars Klingeil auf den Preisträger Franz Müntefering

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Gäste,
lieber Franz,

wie beschreibt man einen Mann, der einen eigenen Stil geprägt hat?

Das Problem ist: Franz gilt als Meister der kurzen Sätze. Je länger man also darüber redet, desto weiter ist es weg vom Franz. Vielleicht muss man es so machen, wie du es gemacht hast: Haltung gut, Kompass auch. Glück auf!

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Fraktionssitzung im Jahr 2005. Franz sagte sinngemäß: „Das ist der Lars. Der Lars ist Juso. Und das sieht man ihm auch an.“

Und am Ende der Fraktionssitzung hat Franz mich zur Seite genommen und gesagt: Die entscheidenden Unterschiede in unserer Gesellschaft liegen nicht zwischen alt und jung. Sie liegen zwischen arm und reich. Das ist unser Kompass.

Das ist der Kern deines Stils: Klartext statt Theater. Verantwortung statt Schlagzeile. Bodenständig, uneitel, mit einem klaren Blick für die Realität. Zu wissen, was richtig ist – und danach zu handeln, auch wenn es Gegenwind gibt. Nach einem ganz klaren Kompass. Das ist am Ende ein Ethos, den du geprägt hast, lieber Franz.

Der Wahlkämpfer und Sozialdemokrat

Franz, Du bist in Neheim im Sauerland aufgewachsen. Kaufmännische Ausbildung, Praxis, Neugier, Biss. Das hat Dich geprägt.

Und zu dem gemacht, was Du bist: einem Politiker, dem man glaubt.

Dieser Urgedanke sozialdemokratischer Politik:
Da steht einer, bei dem man spürt: einer von uns. Jemand, der nicht erklärt bekommen muss, wie sich Sorgen anfühlen – sondern der sie kennt. Jemand, der weiß, wie sich das anfühlt: morgens raus, anpacken, Zähne zusammenbeißen, weitermachen.

Jemand der weiß, dass daraus Stolz erwächst auf die eigene Leistung. Und eine echte Nähe zu den Menschen, die erwarten, dass die Politik das Gleiche tut: nämlich anpacken, Probleme lösen.

„Politik ist Organisation“ – der Satz von Herbert Wehner war deine Richtschnur. Du hast es gelebt: in jedem Wahlkampf, den du geführt hast. Du wusstest: Jeder Wahlkampf ist ein Unikat. Kein Rezept von gestern taugt für morgen.

Du konntest Dinge sagen, die andere auf drei Seiten Papier nicht hingekriegt hätten. Manchmal denke ich, wir bräuchten heute mehr davon. Mehr Klarheit statt mehr Spiegelstriche. Mehr Volksschule Sauerland.

Und manchmal kommt dieser Müntefering auch mal per Post an – auch bei mir. Mit seiner Erika verfasst – seiner Schreibmaschine. Briefe, die direkt auf den Punkt kamen. Mit dem typischen trockenen Humor. Und genau deswegen so wirksam waren.

Der Reformer

Du warst über 30 Jahre Abgeordneter. Minister. Bundesgeschäftsführer. Der erste Generalsekretär der SPD. Fraktionsvorsitzender. Zweimal Parteivorsitzender. Vizekanzler und Arbeitsminister.

Und Du hast mal gesagt, der SPD-Vorsitz sei das schönste Amt neben dem Papst.

Ihr erinnert euch an den typischen, trockenen Humor, den ich grad erwähnte, oder? Ich lass das mal so stehen.

Wenn wir heute auf Dein Lebenswerk schauen, dann bleibt noch viel mehr als das. Dann bleibt Verlässlichkeit. Du bist ein Mensch, der zusammengehalten hat – das Land und die Partei.

Einer, der den Maschinenraum kannte – und ihn nicht verachtet hat. Einer, der wusste: Es reicht nicht, Recht zu haben. Man muss Mehrheiten auch organisieren können.

Die Rente mit 67. Die Agenda. Die Mehrwertsteuererhöhung.

Das war nicht populär. Das hat Gegenwind gebracht. Franz hat es gemacht. Aus innerer Überzeugung. Weil für ihn eines immer galt: Erst das Land. Dann die Partei.

Das ist westfälische Festigkeit. Nicht Sturheit. Wer eine Vereinbarung trifft, hält sie.

Auch wenn es unbequem wird. Da soll noch mal jemand vom Gerücht erzählen, Sauerländer seien sprunghaft.

Franz hat nie nur nach außen verändert. Er hat auch unsere Partei selbst gefordert. Eine Partei, in der man streitet, um besser zu werden.

In der man junge Menschen nicht zur Deko reinholt, sondern um ihnen Verantwortung zu geben. In der man neue Ideen zulässt, nicht weil sie angenehm sind, sondern weil Stillstand keine Option ist.

Franz hat uns vorgelebt: Stark bleibt eine Partei nicht, wenn sie sich schont – sondern wenn sie Mut hat, die Türen aufmacht, sich in das Gespräch mit der Gesellschaft stürzt.

Wenn ich sein politisches Herzstück benennen soll, dann ist es die Würde der Arbeit. Von ihm stammt der Satz: „Die Priorität heißt: Gute Arbeit zuerst!“

Dieser Satz ist so einfach, dass man ihn überhören könnte. Aber wer ihn ernst nimmt, weiß: Das ist ein politisches Programm. Wenn Menschen Vollzeit arbeiten und trotzdem nicht über die Runden kommen, stimmt etwas nicht.

Wenn Mehrarbeit sich kaum auszahlt, stimmt etwas nicht. Wenn Leistung sich nicht mehr lohnt, dann stimmt etwas nicht.

Dann verlieren wir nicht nur Wachstum. Dann verlieren wir Vertrauen.

Der Demokrat

Du hast schon in den frühen 90er Jahren in deinen Reden immer wieder diese Passage gehabt: Nichts ist auf Dauer sicher. Nicht der Frieden. Nicht der Sozialstaat. Nicht die Bürgerrechte. Nicht die Demokratie. Alles muss immer wieder von jeder Generation neu erkämpft und begründet werden. Wie wahr.

„Sicherheit im Wandel“ – das war nicht nur ein Programmsatz. Das war eine Haltung. Und sie ist heute aktueller denn je. Wie wahr.

Aber wer dachte, Du hättest Dich zur Ruhe gesetzt, täuscht sich. Du bist beim Arbeiter-Samariter-Bund aktiv, Du setzt Dich bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen ein.

Demokratie kennt keine Altersgrenzen. Da sitzt einer, der die Demokratie kennt und Demokrat ist mit jeder Faser seines Körpers. Ein Demokrat der klar benennt, was auf dem Spiel steht. Die Heuschrecken-Debatte damals. Die klaren Worte zur AfD heute. Das ist Franz Müntefering: einer, der nicht schweigt, wenn es darauf ankommt.

Aber ich will auch einen anderen Moment erwähnen. Als Deine Frau Ankepetra wieder schwer erkrankte, hast Du nicht gezögert. Du hast den Posten niedergelegt.

Nicht der Job war in diesem Moment das Wichtigste. Die Familie war es. Ich finde: Das sagt alles über den Menschen Franz Müntefering. Das ist Haltung. Das ist Kompass.

Der Auftrag

Vor kurzem hast du in einem Interview gesagt, wie außergewöhnlich diese Zeit heute ist – gerade im Vergleich zu der Zeit, in der Du selbst Politik gemacht hast. Und wenn Du das sagst, dann ist das für mich nicht nur eine Beschreibung. Dann ist das ein Auftrag.

Ich will, dass Deutschland ein starkes Land bleibt.

Immer wieder höre ich: Zu viel bleibt liegen. Zu viel dauert zu lange. Zu vieles wird vertagt. Wir sind ein blockiertes Land.

Manche reagieren darauf mit Zurückhaltung: Lieber nichts anfassen, lieber am Status quo festhalten – doch dieses Denken schafft keine Sicherheit und keine Zukunft. Diese Gedanken konservieren den Stillstand. Ein blockiertes Land wird nicht durch Debatten entblockt. Sondern durch den Mut zur Veränderung. Den Mut zur Entscheidung.

Mut heißt nicht die nächste Schlagzeile zu jagen. Mut heißt ehrlich zu sagen, was nicht funktioniert – und es zu ändern. Reformen bedeuten Kompromisse – aber niemals ohne Kompass. Nicht wegen äußerer Zwänge. Sondern aus innerer Überzeugung. Das ist der sozialdemokratische Anspruch.

Gerade jetzt braucht es genau das, wofür Franz steht. Nicht Lautstärke, sondern Verlässlichkeit. Den Mut, Dinge zu entscheiden, auch wenn sie nicht bequem sind.

Mit dem Wissen, dass es Gegenwind geben wird. Mit dem Wissen, dass es nicht jedem Gefallen wird. Aber am Ende allen zugutekommt.

Der Kompass dabei bleibt die Frage: Ist es gerecht? Profitieren die, die jeden Tag arbeiten, tatsächlich davon? Wir entscheiden, ob aus diesem Wandel mehr Spaltung entsteht. Oder ob Zusammenhalt und Zuversicht wachsen. Ob am Ende wenige gewinnen oder viele. Unser Kompass im Wandel ist klar: Fortschritt ist für uns nur dann Fortschritt, wenn er gerecht ist.

Franz hätte es jetzt vermutlich in drei Worten auf den Punkt gebracht: Nicht klagen. Machen.

Lieber Franz,

Wenn ich auf deine Arbeit, deine Reden blicke, dann ist es immer ein klarer Appell gegen die gedankliche und praktische Trägheit. Stark kann man werden, wenn man politisch kämpft, nicht wenn man lamentiert. Die Demokratie lebt nur dann, wenn wir uns alle praktisch einsetzen. Wohlstand und Zusammenhalt braucht Reformwillen und langen Atem.

Lieber Franz,
Dir ist nie die Energie ausgegangen, um für Demokratie, Freiheit und Zusammenhalt zu kämpfen. Jeden Tag gehst Du hinunter ins Tal und schiebst mit aller Kraft den Stein nach oben. Das tust Du unbeirrt. Diszipliniert.

Ich glaube, wir können uns Franz Müntefering als glücklichen Menschen vorstellen.

Danke für Deinen langen Atem. Für Deine Klarheit. Danke dafür, dass Du gezeigt hast, was es heißt, Sozialdemokrat zu sein: Nicht bequem – aber verlässlich. Nicht laut – aber wirksam.

Nicht der, der erklärt, warum etwas nicht geht – sondern der, der zeigt, wie es geht.

Und danke dafür, dass Du unserem Land, unserer Partei – und mir persönlich – etwas mitgegeben hast, das mehr wert ist als jedes Amt:

Einen Kompass. Und eine Haltung.

Lieber Franz: Ich freue mich schon auf den nächsten Brief von Dir.

Danke für Alles.