Frau Gostrer, Sie haben untersucht, wie Unterbrechungen den Ablauf von Video-Calls verändern. Was passiert denn, wenn plötzlich ein Kind oder eine Katze durch das Bild läuft?
Galina Gostrer: Wenn eine Katze durch das Bild läuft, wird sie oft zuerst ein wenig ignoriert und das Meeting geht einfach weiter – vor allem, wenn die Teilnehmenden gerade in einem Fachgespräch sind. Oft wird die Katze aber einige Sekunden später in den Ablauf integriert. Das Fachgespräch wird dann unterbrochen und es geht um die Katze: was sie macht, wie sie aussieht, wo sie sitzt und was sie wohl beabsichtigt. Da fallen Sätze wie: „Oh, ich glaube, der Kater möchte uns was sagen, weil der die ganze Zeit auf dem Tisch sitzen bleibt.“ Es kann unterschiedlich lange dauern, bis man zum eigentlichen Meeting zurückkehrt. Das hängt davon ab, wie die anderen Teilnehmenden das integrieren. Ich habe alles beobachtet – von fünf Sekunden bis zu 20 Minuten Smalltalk über Katzen im Allgemeinen, das Haaren oder zerkratzte Couches.
Was genau haben Sie methodisch gemacht? Wie haben Sie das untersucht?
Gostrer: Ich habe ein Jahr lang Video-Meetings von zwei Teams aufgezeichnet, hauptsächlich deren Jour Fixes. Untersucht wurden zwei Teams aus den Bereichen Erwachsenenbildung und Arbeitsmarktintegration, beide in einem interkulturellen Kontext. Mein Ziel war es zunächst, ergebnisoffen zu beobachten, was in diesen Meetings passiert. Das war während der Corona-Zeit im Lockdown, als es kaum persönliche Kommunikation gab. In den Medien und der Wissenschaft hieß es oft, virtuelle Meetings seien störungsanfällig, unpersönlich und monoton. In meinen Daten habe ich aber gesehen, dass die Leute oft viel Spaß hatten und herzlich lachten. Ich habe untersucht, wo genau dieses Lachen und dieser Beziehungsaufbau entstehen. Diese Unterbrechungen, ich nenne sie „Noticings“, sind ein großer Teil davon. Ich habe diese Ausschnitte Millisekunden-genau transkribiert – inklusive Pausen, Intonation, Mimik und Körpersprache –, um zu analysieren, ab wann die Katze sichtbar ist, wer sie wie bemerkt und wie die Sequenz schließlich beendet wird, um zum Business-Alltag zurückzukehren. Diese Methode nennt sich „multimodale Konversationsanalyse“.
Fiel es den Teilnehmenden denn leicht, zum eigentlichen Thema zurückzukehren?
Gostrer: In einem größeren Team gibt es natürlich unterschiedliche Absichten. Man konnte beobachten, dass beispielsweise eine Person versucht, zum Meeting zurückzukehren, indem sie sich nach vorne lehnt und „Also…“ sagt, während die anderen noch über eine Unterbrechung – zum Beispiel ein Kind im Bild – sprechen. Das müssen die Teilnehmenden aushandeln. Im virtuellen Meeting ist das nicht so einfach, da wir keinen echten Blickkontakt haben und uns nur durch Bewegungen zum Monitor oder durch namentliche Ansprache orientieren können. Es gab dort immer wieder solche Aushandlungsprozesse zwischen dem Wunsch nach Beziehungsarbeit und dem Zeitdruck des Meetings.
Gibt es Unterschiede, wenn statt Haustieren oder Kindern plötzlich Erwachsene, wie Ehepartner, im Bild erscheinen?
Gostrer: Ja, Partner oder Erwachsene im Bild sind eher mit Peinlichkeit belegt. Es gibt eine Szene, in der ein Mann zwar nicht zu sehen, aber zu hören ist. Man hört ein Telefon klingeln und sieht an den Reaktionen der Teilnehmenden, dass sie es bemerken. Irgendwann hört man eine männliche Stimme. Die Sprecherin versucht, das Beste daraus zu machen und spricht einfach weiter, bis eine Kollegin fragt: „Sagt mal, hört ihr auch den Nico?“ Dann lässt die Sprecherin das Mikrofon und die Kamera an, dreht sich zu ihrem Partner und sagt: „Du kannst hier nicht so laut reden, du musst weggehen.“ Das war ihr offensichtlich unangenehm, auch wenn die anderen gelacht und Grüße ausgerichtet haben.
Es gibt ein Video des ehemaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck aus der Corona-Zeit, bei dem sein Sohn während eines Interviews ins Zimmer platzt. Was macht so eine Situation mit der Wahrnehmung der Zuschauer?
„Du bist jetzt voll im Fernsehen!“
Es gibt endlich ein deutsches Äquivalent zum „Children interrupt BBC News Interview“. In den Hauptrollen: ein kopfschüttelnder Robert Habeck und einer seiner Söhne. Mit dabei: @MFeldenkirchen. Gerade live in diesem Fernsehen @derspiegel pic.twitter.com/1MML6qTcnM
— Ann-Katrin Müller (@akm0803) April 22, 2020
Gostrer: Man sieht, wie Robert Habeck sich nach hinten dreht und eine Stopp-Geste mit der Hand macht. Er orientiert sich im Raum neu, statt wie üblich nach vorne in die Kamera zu schauen. Der Journalist merkt natürlich, dass die Aufmerksamkeit gerade woanders ist, formuliert seine Frage aber trotzdem zu Ende. Habeck dreht sich dann wieder nach vorne, um zu signalisieren, dass er wieder da ist. Sein Lächeln wirkt dabei wie eine Mischung aus Belustigung und leichter Peinlichkeit. Der Journalist nutzt dann ein verbales „Noticing“, indem er sagt: „Das erleben wir in diesen Zeiten immer wieder.“ Das ist eine interessante Formulierung, weil er es verallgemeinert und als normales Phänomen darstellt. Damit nimmt er den Druck aus der Situation. Für die Zuschauer entsteht der Effekt, dass der Politiker hier auch als Vater in einer ganz normalen Wohnung gezeigt wird, in der die Räume vielleicht nicht strikt trennbar sind. Das macht ihn nahbar.
Gab es in den 44 Meetings, die Sie analysiert haben, einen Moment, der Sie besonders überrascht hat?
Gostrer: Ein sehr spannender Moment war die Sequenz mit dem Sitzball. Eine schwangere Kollegin saß in einem Meeting und man sah nur ihren Kopf und ihre Schultern. Sie rollte und hüpfte immer wieder leicht. Während eines vierminütigen Monologs einer anderen Person fiel das niemandem auf oder es wurde zumindest nicht thematisiert. Erst als das Thema beendet war, fragte eine Teilnehmerin: „Celia, sitzt du auf einem Ball?“ Die Kollegin war völlig überrascht und fragte, woran man das gemerkt habe. Daraufhin machten zwei andere Teilnehmer*innen die Hüpfbewegung übertrieben nach. Über diese nur zehn Sekunden lange Sequenz habe ich 64 Seiten geschrieben, weil sie zeigt, wie wichtig der Körper im virtuellen Meeting ist – selbst jene Teile, die gar nicht sichtbar sind. Wir können vieles erahnen, und das interessiert uns unbewusst, weil wir eine Erklärung für das Verhalten des Gegenübers suchen.
Während Corona hat auch die Tagesschau begonnen, Interviews mit Menschen zu führen, die von zu Hause zugeschaltet waren. Da sieht man Bücherregale, neutrale Wände, Bilderrahmen oder auch sehr private Räume. Was lösen solche Hintergründe aus?

Gostrer: Wir sind alle neugierig und erfassen den Hintergrund in den ersten Sekunden. Ein gut gefülltes Bücherregal vermittelt oft Belesenheit und Professionalität – nach dem Motto: „Das ist mein Arbeitszimmer, ich nehme diesen Termin ernst.“ Ich persönlich arbeite in meiner Wohnküche und stehe auch dazu, um beispielsweise meinen Studierenden zu zeigen, dass das völlig okay ist.
Schwierig finde ich Hintergründe wie Betten oder Wäscheständer im institutionellen Kontext. Ein neutraler Hintergrund mit einem Bild oder einer Pflanze ist oft ein „Safe Topic“. Man kann darüber sprechen, ohne zu persönlich zu werden. Der Hintergrund ist ein bisschen wie Mode: Man setzt ihn ein, um etwas Bestimmtes zu vermitteln, sei es Professionalität oder Vertrautheit.
Wenn Journalisten oder Expertinnen mit der Tagesschau sprechen und von zu Hause zugeschaltet sind: Welchen Hintergrund würden Sie ihnen empfehlen?
Gostrer: Gegen ein Bücherregal ist nichts einzuwenden, genauso wenig wie gegen einen Schrank. Es kommt darauf an, was ich vermitteln möchte. Das ist ein bisschen wie mit Mode: Ziehe ich ein Hemd an oder ein T-Shirt? Bin ich eher im Business-Look unterwegs oder leger? Genauso können wir auch den Hintergrund einsetzen. Nehme ich aus meiner Wohnküche teil? Oder sitze ich in meinem Büro oder Arbeitszimmer, das sehr professionell aussieht? Das sagt auch etwas darüber aus, wie ich die Interaktion einschätze: Ist das etwas Wichtiges, ist es professionell? Oder vertraue ich meinem Gesprächspartner, kenne ich ihn bereits gut und möchte etwas von mir zeigen?
Videogespräche nehmen zu. Hat sich unser Verständnis davon verändert, was in der professionellen Kommunikation als privat oder öffentlich gilt?
Gostrer: Definitiv. Gerade in Meetings oder in der Hochschullehre hat sich ein neuer Zwischenraum aufgetan, eine Verschmelzung von institutionellem und privatem Kontext. Es ist für uns mittlerweile normal, dass mal ein Kind durch das Bild läuft oder jemand kurz zur Tür gehen muss, um ein Paket anzunehmen. Wir haben zwar eine begrenzte Kontrolle darüber, was wir zeigen, aber diese persönlichen Einblicke schaffen eine neue Ebene der Verbundenheit.
In Präsenzmeetings sitzt man sich gegenüber, kann sich vor oder nach dem eigentlichen Termin noch unterhalten. Wie unterscheidet sich das von der Nähe, die in virtuellen Meetings entsteht?
Gostrer: Es ist nicht besser oder schlechter, sondern anders. In Präsenz sehen wir den ganzen Körper, können Blickkontakt halten, uns nebenbei austauschen oder uns die Hand geben. Das fehlt im virtuellen Meeting. Dafür bekommen wir online private Einblicke, die es in Präsenz oft nicht gibt: die Wohnung, eine Katze, ein Kind, eine Pflanze im Hintergrund. Gerade dadurch entsteht eine andere Form von Nähe.
Kann diese Nähe auch Hierarchien in Unternehmen beeinflussen – etwa wenn der CEO im T-Shirt vor einem schlichten Regal sitzt?
Gostrer: Ja, das hat sich in meinen Daten deutlich gezeigt. Die Führungskraft hat zwar oft immer noch den größten Redeanteil und setzt den Ton, was ein klarer Hinweis auf Hierarchie ist. Aber wenn diese Person im T-Shirt dasitzt und vielleicht erzählt, dass ihr Kind gerade in Quarantäne ist, schafft das eine enorme Nähe. Man begegnet sich dann auf einer menschlichen Ebene: Man ist nicht mehr nur Chef*in und Mitarbeiter*in, sondern auch Katzenbesitzer*in oder Mutter. Das schafft eine zusätzliche Ebene, auf der man sich verbinden kann.
Gab es auch Momente, in denen eher Distanz entstand?
Gostrer: Ja. Etwa wenn eine Person zum Meeting zurückkehren wollte, während andere noch über ein Kind oder eine Katze sprachen. Dann wird sichtbar: Jemand priorisiert gerade die Arbeit, andere die persönliche Situation. Auch bei Themen wie Corona gab es Momente, in denen unterschiedliche Meinungen problematisch hätten werden können. Meist wurde das aber professionell gelöst, indem das Thema gewechselt wurde.
