Kampfkandidatur mit Folgen: Warum nur Erfolg die FDP zusammenführen kann

Analyse

Wolfgang Kubicki erhält Glückwünsche von Marie-Agnes Strack-Zimmermann beim FDP Bundesparteitag, umgeben von applaudier...
Nach dem Wahlsiegt gratulierte Marie-Agnes Strack-Zimmermann dem neuen Parteichef Wolfgang Kubicki zur Wahl. Kubicki sagte nach seinem 60-40-Sieg gegenüber der BILD, Strack-Zimmermann wisse nun "wo der Hammer hängt". Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Welchen Geist dieser Parteitag anstrebte, ließ sich schon aus der Ferne erahnen. Wer sich dem Berliner Kongresshotel Estrel näherte, konnte die beiden FDP-Flaggen erspähen: Die eine mit gelber Schrift auf dunkelblauen Grund, die andere mit dunkelblauer Schrift auf gelbem Grund. In diesem Stil hielt sich auch die gesamte Parteitagsoptik sowie der Online- und Social-Media-Auftritt der Partei.

Das Magenta, das Christian Lindner nach der Wahlniederlage 2013 zur optischen Modernisierung und Verjüngung eingeführt hatte, ist verschwunden. Die Partei orientiert sich also wieder stärker an den eigenen Wurzeln. Look and Feel erinnern an die FDP von Guido Westerwelle. Man kann der Partei nur wünschen, damit erfolgreicher zu sein als der VfL Wolfsburg, der wenige Wochen nach der Reaktivierung seines alten und traditionsreichen Vereinswappens aus der ersten Fußball-Bundesliga abgestiegen war.

Zu einem Rückgriff auf die (im wahrsten Wortsinn) „alte“ FDP kam es dann auch bei der überraschenden Kampfkandidatur, die dem durchinszenierten Parteitag urplötzlich doch noch reichlich Spannung verschaffte: der 74-jährige designierte Parteivorsitzende Wolfgang Kubicki wurde ohne Vorankündigung und mit der Unterstützung von 33 Parteitagsdelegierten von der 68-jährigen Europaparlamentarierin Marie-Agnes Strack-Zimmermann herausgefordert. Aus der Krönungsmesse wurde eine Schlammschlacht.

Grobes Foulspiel oder gelungener Coup?

Man kann die Art und Weise der Kandidatur als (satzungsgemäßes) Foulspiel werten, mit dem Parteivorstand und Parteitagspräsidium düpiert wurden. Andererseits ist Strack-Zimmermann mit ihrer unerwarteten Kampfkandidatur auch ein Coup gelungen. Aus dem Stand 40 Prozent zu holen ist keine Kleinigkeit. Ohne Gegenkandidaten wäre Kubicki wohlmöglich mit 70 oder 80 Prozent Ja-Stimmen durchgegangen. Nun für jeden sichtbar, wie groß die Vorbehalte sind.

Strack-Zimmermanns Kandidatur diente jedoch nicht nur dem Zweck, Kubicki das Ausmaß seiner innerparteilichen Opposition vor Augen zu führen. Mindestens ebenso sehr schien sie darauf angelegt zu sein, dessen designierten Generalsekretär Martin Hagen zu beschädigen. Strack-Zimmermanns verbale Attacken richteten sich gerade zu Beginn kaum gegen Kubicki, umso heftiger gegen Hagen – dessen Namen Sie in ihrer Rede bewusst nicht aussprach.

Sie traf damit die Stimmung des Parteitages offenbar recht gut: Hagen erhielt ohne Gegenkandidaten ein schlechteres Ergebnis (58 Prozent) als Kubicki (59 Prozent). Einzig den Apellen an die Geschlossenheit verdankte Hagen wohl, überhaupt eine Mehrheit auf sich vereint zu haben.

Martin Hagen ficht das nicht an. Ein schlechtes Ergebnis scheint er einkalkuliert zu haben. Als Generalsekretär hat er jetzt mindestens ein Jahr Zeit, die Partei umzugestalten und für die insgesamt sieben anstehenden Wahlkämpfe zu rüsten. Während Kubicki das Gesicht der neuen FDP darstellt, ist Hagen ihr Hirn: der strategische Kopf hinter dem Impulspolitiker Kubicki.

Kein Brückenbauer mehr

Dennoch wissen beide nun, woran sie sind. 40 Prozent der Partei haben sich auf dem Parteitag gegen Kubicki und Hagen gestellt. Strack-Zimmermann hat mit ihrer Kandidatur dafür gesorgt, dass sich dieser Teil formiert hat und um seine innerparteiliche Stärke weiß. Nur mit Wahlerfolgen kann Kubicki diese Fraktion ruhigstellen. Im September hat er dazu direkt drei Mal die Möglichkeit.

Auf die Unterlegenen zugegangen ist Kubicki noch nicht. Sein Plan, den Strack-Zimmermann-Flügel in Person des neuen ersten Stellvertreters Henning Höne einzubinden, darf jedenfalls als gescheitert betrachtet werden. Beim Showdown am Samstag stand Höne auf der Gegenseite: hinter Kubicki. Damit verlor er seine mögliche Rolle als Brückenbauer. Hönes relativ schwaches Ergebnis (71 Prozent) spricht für sich. Für einen als Integrationsfigur gedachten Stellvertreter ist das kein Vertrauensvorschuss.

Ob das Hönes Stellung innerhalb der Partei nachhaltig schwächt, bleibt abzuwarten. Relevant wird diese Frage vor allem mit Blick auf die mittelfristige Zukunft der FDP, sollte sie tatsächlich den Turnaround schaffen und durch einen Sieg bei der wichtigen Landtagswahl in NRW 2027 ihr politisches Überleben sichern. Höne würde dann den größten und letzten wichtigen Landesverband führen, Hagen säße an den Schalthebeln der Partei in Berlin. Ein Diadochenkampf zwischen Hagen und Höne um die Führung einer Post-Kubicki-FDP scheint vorprogrammiert.