In Politik und Wirtschaft ist es häufig so, dass der Umgang mit Verfehlungen und Skandalen einen größeren Schaden auslöst als das Handeln der Beteiligten selbst. Bei Berlins Regierendem Bürgermeister Kai Wegner ist es seine Passivität am ersten Tag des massiven Stromausfalls zu Jahresanfang, die ihm schadet. Noch verheerender ist für ihn allerdings, dass er bezüglich seiner Aktivitäten am Samstag, 3. Januar, mehrfach der Lüge überführt wurde. Es ist ein Lehrbuchbeispiel für eine miserable Krisenkommunikation basierend auf irrationalen Fehleinschätzungen.
Wegner hatte in einem TV-Interview bei „Welt“ am 7. Januar gesagt: „Ich habe in der Tat um 8.08 Uhr begonnen, die Telefonate zu führen.“ Der Regierende Bürgermeister wurde recht konkret: Er habe unter anderem mit Krisenstäben, mit der Bundesregierung und mit Stromnetz Berlin telefoniert. Bereits klar war: Die Kontakte fanden am ersten Tag des Blackouts deutlich später statt als von Wegner behauptet. Nun musste die Senatskanzlei einräumen, dass der CDU-Politiker morgens mit niemandem bezüglich des Stromausfalls dienstlich telefoniert hatte. Der Austausch sei über Textnachrichten erfolgt. Vorausgegangen war ein Eilantrag des „Tagesspiegel“, der die Senatskanzlei zur Auskunft verpflichtete. Das legt nahe, dass Wegner und die Senatskanzlei nicht gewillt waren, über die genauen Abläufe von sich aus Transparenz herzustellen.
Erst um 12.45 Uhr habe Kai Wegner mit Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) telefoniert, heißt es jetzt in der neuen Auskunft. Ab 13 Uhr spielte Wegner dann bereits Tennis mit seiner Partnerin Katharina Günther-Wünsch, die in seinem Kabinett als Senatorin für Bildung, Jugend und Familie verantwortlich ist. Das Tennismatch hatte der Politiker vorher verschwiegen, obwohl er in einer Pressekonferenz direkt gefragt worden war, was er am ominösen 3. Januar gemacht habe. Wegner hatte behauptet, er habe zuhause die ganze Zeit gearbeitet und keinesfalls die Füße hochgelegt.
Serie von Unwahrheiten
Angesichts der mehrfachen Unwahrheiten stellt sich nun eine weitere Frage: Was genau hat Wegner an dem Vormittag gemacht, als der Stromausfall bekannt wurde?
Offenbar ist der Politiker zu der Einschätzung gekommen, dass es für ihn günstiger ist, Medien und Öffentlichkeit mehrfach zu belügen, als transparent darzulegen, wie genau sein Vormittag vor dem Tennismatch um 13 Uhr ablief. Am Nachmittag und Abend war er ebenfalls nicht in der Öffentlichkeit aufgetreten, während seine Stellvertreterin Franziska Giffey und andere Lokalpolitiker Interviews gaben. Auch da stellt sich die Frage: Inwieweit hat er sich wirklich um den Stromausfall gekümmert?
Fest steht: Die Zeit auf dem Tennisplatz hat er mit seiner Partnerin verbracht. Sie wurden dabei gesehen. Die Schwere des Stromausfalls und dass dieser für Tausende von Haushalten dazu führen würde, bei Minusgraden für mehrere Tage ohne Strom und Heizung dazustehen, zeichnete sich am 3. Januar erst gegen Mittag ab. Wenn Wegner an einem eiskalten Vormittag kurz nach Neujahr Zeit für private Aktivitäten beispielsweise mit seiner Lebensgefährtin haben wollte, wäre das der Öffentlichkeit durchaus vermittelbar gewesen. Auch ein Spitzenpolitiker hat das Recht auf ein Privatleben. Warum also nicht einen entspannten Vormittag verleben? Wellness machen? In Ruhe frühstücken? Allerdings hätte Wegner, als die Folgen des Stromausfalls absehbar waren, sofort in den Krisenmodus umschalten müssen. Spätestens gegen Mittag. Hier wären Führung und Präsenz gefragt gewesen – Sichtbarkeit. Er tauchte dagegen komplett ab und spielte Tennis.
Was bewegt den Regierenden Bürgermeister zu der Annahme, er würde besser damit fahren, wenn alle Welt über seinen Tagesablauf spekuliert, als wenn er sagt, wie es genau war? Was darf die Öffentlichkeit nicht erfahren?
Hier ist Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Verantwortlich dafür ist Wegner selbst. So lange es nicht irgendwelche unseriösen Aktivitäten sind, die Wegner davon abhalten, alle Details auf den Tisch zu legen, wäre es für ihn deutlich weniger folgenreich gewesen zu erklären, wie es wirklich war, als sich in Lügen zu verstricken. Was soll man einem Politiker, der in so einer Extremsituation mehrfach die Unwahrheit gesagt hat, überhaupt glauben? Diese Frage dürften sich viele Berlinerinnen und Berliner stellen. Im Herbst finden in der Hauptstadt Abgeordnetenhauswahlen statt.
Belog er auch die eigenen Mitarbeiter?
Was ebenfalls überrascht: Offenbar waren sein Team und seine Pressesprecher nicht in der Lage, ihm die Folgen seines Handelns zu erklären oder ihn zu überzeugen, dass sein Vorgehen im Desaster enden kann. Dass seine Lügen rauskommen würden, hätte Wegner klar sein müssen. Dachte er wirklich, er und seine Partnerin – eine Senatorin wohlgemerkt – hätten in so einer Krisenlage unerkannt Tennis spielen können?
Wussten eventuell selbst seine engsten Mitarbeiter nicht, was ihr Chef an besagtem Vormittag gemacht hat? Darauf deutet zumindest die Berichterstattung des „Tagesspiegel“ hin. „Der Regierende Bürgermeister hat zu den Abläufen am 3. Januar nicht nur damals direkt gegenüber der Öffentlichkeit die Unwahrheit gesagt, sondern auch noch Wochen danach gegenüber der eigenen Senatskanzlei“, schreibt das Hauptstadtmedium in Bezug auf die geführten Telefonate.
Wegners Lügen schaden nicht nur ihm selbst, sondern längst auch seiner Partei über die Hauptstadt hinaus. Die CDU kommt in einer aktuellen Umfrage von Infratest dimap nur noch auf 17 Prozent in der Hauptstadt. Sie liegt damit hinter den Linken, den Grünen und der AfD. Die Wahl zum Abgeordnetenhaus im Herbst könnte für die Partei zum Desaster werden. Sein Hang zur Unwahrheit beschädigt zudem die Glaubwürdigkeit der Politik insgesamt.
Ein Rücktritt, wie ihn selbst Teile seines Koalitionspartners SPD fordern, scheint für Wegner unausweichlich. Mit der Wahrheit zum 3. Januar wäre er jedenfalls besser gefahren.