Jobmarkt: Jung, studiert, arbeitslos

Kolumne

Wer sich für eine Karriere in der politischen Kommunikation entscheidet, bringt Ehrgeiz mit. Diese Branche macht schließlich keinen Hehl daraus, wie kompetitiv sie ist: Lange Nächte, Wochenenden, Überstunden und unbezahlte Praktika gelten als der Standard. Schon früher war der Einstieg hart. Heute aber scheint er unmöglich.

2024 waren 39.000 Akademiker unter 30 Jahren arbeitslos gemeldet. Das sind 25 Prozent mehr als 2023 – das ist ein ein deutlich stärkerer Anstieg als in der Gesamtbevölkerung. Da nahm die Arbeitslosenquote lediglich um 7 Prozent zu. Der höchste Anteil wurde für die Branche Marketing und Werbung ausgewiesen. Und wie geht’s den Politikwissenschaftlern?

Im Durchschnitt waren bundesweit lediglich 60 Stellen gleichzeitig offen. Nochmal: Sechzig. Bundesweit.

„Die gemeldeten Arbeitsangebote, die sich an Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler richteten, blieben 10 Prozent unter dem Vorjahresniveau“, kann man im Arbeitsmarktbericht für Akademiker der Agentur für Arbeit vom August dieses Jahres lesen. „Insgesamt verzeichnete die Bundesagentur für Arbeit im Laufe des Jahres 2023 rund 250 Stellenzugänge.“ Im Durchschnitt waren bundesweit lediglich 60 Stellen gleichzeitig offen. Nochmal: Sechzig. Bundesweit.

Und jetzt?

Die politische Kommunikation ist ein nischiger Bereich. Es überrascht nicht, dass hier keine konkreten Zahlen vorliegen. Aber auf Basis dieser Statistiken – und der gelebten Erfahrung – fällt es nicht schwer, anzunehmen, dass Berufseinsteiger und -anfänger gerade Anlass zur Sorge haben. Und jetzt?

Das Thema hat mich in den letzten Wochen sehr bewegt. Viele meiner Freunde, ehemaligen Kollegen und Kommilitonen sind ganz persönlich betroffen. Deshalb habe ich herumgefragt – und mir vier Tipps eingeholt, die zwar keine Wunder bewirken, aber zumindest Grund zur Hoffnung geben.

Jeder muss wissen, dass du einen Job suchst. Wirklich jeder.

Die Realität ist: Die guten Jobs – vor allem im parlamentarischen und parteilichen Umfeld – werden noch immer unter der Hand vergeben. Die einzige Lösung dafür ist, dafür zu sorgen, dass in solchen Momenten jemand an dich denkt.

Denn, auch wenn du grundsätzlich ein wohlwollendes Netzwerk hast: Man kann dir nur helfen, wenn man weiß, was du willst. Das bedeutet konkret: Sag deiner ehemaligen Chefin Bescheid. Schreib der Dozentin, mit der du dich immer gut verstanden hast. Triff dich mit der Freundin, die seit zwei Jahren in der Agentur arbeitet.

Initiativbewerbungen machen nicht immer Sinn. Manchmal aber eben doch.

Nicht jeder Arbeitgeber in unserer Branche hat die gleiche Flexibilität, wenn es um Neueinstellungen geht. Im parlamentarischen und parteilichen Umfeld sind die Mitarbeiteretats oft bereits gebunden. Da hilft die beste Initiativbewerbung wenig, wenn schlicht kein Budget da ist.

Anders sieht es in der freien Wirtschaft aus: Agenturen, Beratungen, Lobbyverbände. Genau da, wo Gelder flexibler sind und wo eine richtig gute Bewerbung manchmal dazu führt, dass man sich überlegt: „Eigentlich könnten wir jemanden wie Sie gebrauchen.“

Initiativbewerbungen gehören vorbereitet.

Klar, manchmal klappt es auch ohne Vorbereitung – aber die Chancen steigen enorm, wenn du vorher den Boden bereitet hast. Triff dich vorher mal mit jemandem aus dem Hiring-Team auf einen Kaffee. Wer dafür zuständig ist, kriegt man mit etwas Zeit und einem Linked-Premium-Probeabo relativ einfach heraus.

Versuch ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Stimmung ist, ob überhaupt Bedarf besteht, ob die Kultur passt. Das spart dir auch Aufwand, solltest du hier Einblicke gewinnen, die gegen eine Bewerbung sprechen.

Mach das Anschreiben. Und mach es gut.

Ich habe bisher noch niemanden getroffen, der vor Freude in die Luft springt, wenn es darum geht, ein Anschreiben zu formulieren. Aber, auch wenn es nervt: Macht das Anschreiben. Es macht den Unterschied. Denn ja, diese Branche vergibt auch nach Bauchgefühl.

Ein gutes Anschreiben gibt einen Eindruck, wer du bist, wie du denkst, warum du diesen Job wirklich willst. CVs sehen sich alle ähnlich. Anschreiben nicht.

Ihr habt euch diese Karriere nicht ausgesucht, weil sie bequem ist, sondern weil ihr etwas bewegen wollt.

Ich weiß: Diese Tipps sind keine Jobgarantie. Sie fühlen sich vielleicht sogar banal an, wenn man gerade die 47. Absage bekommen hat oder seit Monaten auf Rückmeldungen wartet.

Die Situation ist beschissen. Das lässt sich nicht schönreden. Viele von euch machen gerade alles richtig und haben trotzdem keinen Job. Das ist unfair, das ist frustrierend, und das darf auch mal laut ausgesprochen werden. Aber: Sie ist nicht hoffnungslos. Die Branche wird sich wieder erholen.

Neue Projekte werden kommen, Personalbudgets werden freigegeben, Teams werden wachsen. Bis dahin gilt: Bleibt sichtbar, bleibt hartnäckig, und verliert nicht den Mut. Ihr habt euch diese Karriere nicht ausgesucht, weil sie bequem ist, sondern weil ihr etwas bewegen wollt. Und das wird auch jemand sehen.

Diese Branche braucht euch.

Wichtige Zahlen aus dem Artikel
  • 2024 waren 39.000 Akademiker unter 30 Jahren arbeitslos gemeldet.
  • Das sind 25 Prozent mehr als 2023; in der Gesamtbevölkerung stieg die Arbeitslosenquote nur um 7 Prozent
  • Arbeitsangebote für Politikwissenschaftler lagen 10 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
  • Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnete 2023 rund 250 Stellenzugänge.
  • Im Durchschnitt waren bundesweit lediglich 60 Stellen gleichzeitig offen.