„Ich will nicht meine Kontakte monetarisieren“

Ex-Kanzleramtschef Schmidt

Mann mit Brille und Anzug lächelt vor einem neutralen Hintergrund in sanften Farbtönen.
Wolfgang Schmidt wechselt aus der Politik in die Beratung. Foto: picture alliance / teutopress

p&k: Herr Schmidt, bei Ihnen werden nach dem Ausscheiden aus dem Kanzleramt viele Beratungen angeklopft haben. Was hat Sie an Macro Advisory Partners (MAP) überzeugt?

Wolfgang Schmidt: Zunächst einmal, um Missverständnissen vorzubeugen: Mein Engagement bei MAP ist kein Vollzeitjob. Ich habe mich für ein Portfolio an Beratungsmandaten entschieden, so bin ich etwa Mitglied in einem Advisory Council bei Microsoft in den USA oder beim Satellitenunternehmen Planet Labs. Und eben Senior Advisor bei MAP.

An MAP hat mich gereizt, dass das Beratungsunternehmen für geopolitische Fragen weltweit sehr renommiert ist und über ein außergewöhnliches Netzwerk verfügt. Gleichzeitig war mir wichtig, keinen klassischen Lobbying-Job zu machen. Ich will nicht meine Kontakte monetarisieren. Bei MAP geht es um Analyse, Einordnung und strategische Beratung – das passt zu dem, was ich machen möchte.

Wolfgang Schmidt (Biografie)
Wolfgang Schmidt, geboren 1970 in Hamburg, ist Jurist und SPD-Politiker. Er war von 2021 bis 2025 Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts unter Olaf Scholz; zuvor arbeitete er unter anderem als Staatsrat in Hamburg und als Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Über Jahre galt Schmidt als einer der engsten Vertrauten von Scholz und als zentraler Koordinator sozialdemokratischer Regierungsarbeit. Nach dem Ausscheiden aus der Bundesregierung hat er verschiedene Beratungsmandate angenommen.

p&k: Für Ihre MAP-Tätigkeit wurde keine Karenzzeit ausgesprochen. Bei Microsoft gab es dagegen eine zwölfmonatige Karenzzeit. Können Sie erklären, wie so etwas entschieden wird?

Schmidt: Das Verfahren ist gesetzlich geregelt. Für ehemalige Mitglieder der Bundesregierung und parlamentarische Staatssekretäre gibt es Anzeigepflichten, wenn sie innerhalb von achtzehn Monaten nach dem Ausscheiden eine Tätigkeit außerhalb des öffentlichen Dienstes aufnehmen wollen. Das Bundeskabinett entscheidet jeweils, die Entscheidung wird im Bundesanzeiger veröffentlicht. Vorher gibt es eine Empfehlung eines beratenden Gremiums, dem Andreas Voßkuhle, früher Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Krista Sager, frühere Hamburger Senatorin und Bundestagsabgeordnete, und Norbert Lammert, früherer Bundestagspräsident, angehören.

Für die Tätigkeit im Advisory Council bei Microsoft wurde eine Karenzzeit von zwölf Monaten ausgesprochen. Ich habe mir diese zwölf Monate dann auch für alle anderen Mandate auferlegt und fange daher erst jetzt mit den Tätigkeiten an.

p&k: Es gibt finanzielle Regeln für ausgeschiedene Minister. Spielt das bei der Bewertung solcher Wechsel eine Rolle?

Schmidt: Die Regelungen gibt es, ja. Ausgeschiedene Minister erhalten zunächst für drei Monate das bisherige Ministergehalt als Übergangsgeld. Danach die Hälfte für maximal zwei Jahre. Jeder verdiente Cent wird angerechnet, so dass eine frühe Arbeitsaufnahme dem Steuerzahler Geld spart.

p&k: Bei MAP sind große Namen versammelt – zum Umfeld von Macro Advisory Partners gehören unter anderem Bruno Le Maire, Ex-Minister in Frankreich, der Politikwissenschaftler Ivan Krastev und Brian Deese, Ex-Wirtschaftsberater von US-Präsident Joe Biden. Aus Deutschland sind Katrin Suder, Ex-Staatssekretärin, und Emily Haber, Ex-Botschafterin in den USA, im Global Advisory Board vertreten. Wie muss man sich die Zusammenarbeit solcher „All-Stars“ vorstellen?

Schmidt: Es gibt wöchentlich interne Calls, in denen geopolitische Entwicklungen diskutiert werden. Und dann gibt es Gespräche mit Kunden. Die Frage lautet immer: Wen muss man zusammenbringen, um ein konkretes Problem bestmöglich zu bearbeiten?

„Die Frage lautet immer: Wen muss man zusammenbringen, um ein konkretes Problem bestmöglich zu bearbeiten?“

Wenn es um europäische Wirtschafts- und Finanzfragen geht, liegt die Zusammenarbeit mit jemandem wie Bruno Le Maire nahe. Für andere Weltregionen gibt es entsprechend andere Fachleute. Jenseits dieser Gespräche gibt es natürlich auch sonst Kontakt. Ivan Krastev zum Beispiel treffe ich immer wieder auf gemeinsamen Veranstaltungen oder zu Gesprächen.

Olaf Scholz und Wolfgang Schmidt sitzen an einem Tisch während einer Kabinettssitzung in Berlin.
Der ehemalige Kanzler und sein wichtigster Mann: Olaf Scholz (SPD) mit Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt, März 2025. Foto: picture alliance / REUTERS / Liesa Johannssen.

p&k: Wie kann man sich Ihr Aufgabenprofil konkret vorstellen? Was machen Sie selbst?

Schmidt: Ich fange gerade erst an, daher kann ich noch nicht aus der Praxis vieler Fälle berichten. Aber grundsätzlich geht es um politische Analyse und strategische Einordnung. Was bedeutet europäische Souveränität konkret? Wie funktioniert der Europäische Rat? Wie ist die Stimmung in Brüssel oder in den Hauptstädten? Wie bilden sich Positionen der Bundesregierung heraus? Dazu lese ich viel, arbeite Papiere durch, spreche mit Leuten, gleiche Einschätzungen ab und versuche, daraus eine belastbare Perspektive zu entwickeln.

p&k: Was wäre eine typische Ausgangsfrage, mit der Kunden zu einer geopolitischen Beratung kommen?

Schmidt: Auch das weiß ich noch nicht und bin gespannt. Abstrakt kann ich sagen: Die Unsicherheit ist enorm. Wie entwickelt sich das Verhältnis zwischen den USA und der Europäischen Union? Gibt es einen Bruch? Muss ein Unternehmen seine rechtliche Struktur an unterschiedliche Regulierungsräume anpassen? Wo liegen Daten? Was bedeutet das angespannte Verhältnis für geistiges Eigentum? Für europäische Unternehmen sind das sehr konkrete Fragen. In den USA wiederum geht es stark um das Verhältnis zu China. Dann gibt es die Frage, wie sich der Krieg mit Iran weiterentwickelt. Unternehmen suchen in solchen Lagen Orientierung.

p&k: Wie erleben Sie den Rollenwechsel – von der Gestaltung von Politik hin zur Beratung über Politik?

Schmidt: Das ist natürlich ein großer Unterschied. Viele, die diesen Schritt gegangen sind, haben mir das auch so beschrieben. Es ist etwas völlig anderes, ob man Politik gestaltet und exekutiert oder ob man Politik analysiert und Unternehmen für deren Entscheidungen berät.

Aus meiner politischen Erfahrung glaube ich, dass zwischen Unternehmen und Politik oft zu wenig inhaltlich gesprochen wird. Als Chef des Bundeskanzleramts habe ich zusammen mit Jörg Kukies immer wieder mit Unternehmen über den Standort Deutschland gesprochen: Investieren Unternehmen hier? Planen sie ihre Zukunft in Deutschland? Was brauchen sie dafür?

„Zwischen Unternehmen und Politik wird oft zu wenig inhaltlich gesprochen.“

Ich bin bei den Baden-Badener Unternehmer-Gesprächen. Das ist einer dieser Orte, in denen es über lange Zeit einen intensiven Austausch zwischen Unternehmen und Politik gibt. Wir brauchen diesen Austausch und Perspektivwechsel. Im Moment ist die Stimmung auch bei den Unternehmen sehr schlecht. Das verstehe ich. Wir sollten allerdings aufpassen, dass es nicht unrealistische Heilserwartungen an die Politik gibt. Einen Zauberstab hat niemand. Umso wichtiger ist es, zu vermitteln: zwischen Unternehmen und Politik, zwischen Unternehmensrealität und politischer Entscheidungslogik. Gerade in Hinblick auf ausländische Unternehmen will ich weiter mithelfen, den Standort Deutschland zu fördern.

p&k: Mit wem haben Sie vor diesem Schritt gesprochen?

Schmidt: Mit vielen. Mich hat einerseits interessiert, was ein solcher Rollenwechsel mit meiner Reputation macht. Ist das okay oder wird es komisch angesehen. Zum anderen wollte ich wissen, wie der Perspektivwechsel ist – und wie er gelingen kann. Also aus der Entscheider-Rolle in die des Beraters, der auf die Umsetzung durch andere vertrauen muss.

„Ich will nicht meine Vergangenheit bewirtschaften, sondern Neues lernen.“

Dazu habe ich auch mit ehemaligen Vorständen gesprochen, weil sie solche Vorher-nachher-Fragen aus ihrer eigenen Karriere in Unternehmen kennen. Für mich war klar: Wenn ich in die Beratung gehe, dann in eine Form, die analytisch ist und die zu mir passt. Die Mandate sollen sich wechselseitig befruchten und mir auch neue Einblicke ermöglichen. Ich will nicht meine Vergangenheit bewirtschaften, sondern Neues lernen.