Humor als demokratische Notwehr: Wie Ricarda Lang auf X ihren inneren Troll rauslässt

Ex-Grünenchefin

Zwei Personen lächeln vor einem bunten, digitalen Hintergrund mit verschiedenen Symbolen und Grafiken.
Tobias Schmidt hat mit Ricarda Lang über Authentizität und Humor in der Politik gesprochen. Fotos: Robert Feldmann, Elias Keilhauer

Das Wochenende bei der Social Media Academy der Heinrich-Böll-Stiftung neigt sich dem Ende zu, als Ricarda Lang die Bühne betritt. Es geht um ein Thema, das in der Berliner Republik oft misstrauisch beäugt wird: Humor. Doch bevor sie im Gespräch mit Tobias Schmidt tief in die Mechaniken von Pointen und Memes eintaucht, steht eine ganz aktuelle Entscheidung im Raum. Während sich Teile der SPD, der Linken und auch ihrer eigenen Fraktion von der Plattform X (ehemals Twitter) zurückgezogen haben, ist Lang geblieben. Für sie fühlte sich der „X-Exodus“ wie eine Kapitulation an.

Man überlasse den Raum sonst den Rechtsextremen und Konservativen, erklärt sie. X sei in Deutschland zwar nicht so massenwirksam wie in den USA, aber für die öffentliche Meinungsbildung durch Journalisten und Politiker dennoch entscheidend. „Es ist gerade nicht die Zeit, sich in Wohlfühlecken zurückzuziehen“, sagt sie.

„X ist eine Plattform, wo Leute ihren inneren Troll ausleben. Und das kann man sagen, darauf habe ich gar keinen Bock. Mir macht das ehrlicherweise auch Spaß.“
— Ricarda Lang

Der digitale Kampf müsse aufgenommen werden. Dabei spart Lang nicht an deutlichen Worten gegenüber den Besitzern der großen Plattformen. Den Begriff „Tech-Bros“ hält sie inzwischen für eine Verharmlosung. Sie spricht stattdessen von „Tech-Oligarchen“, die ihre finanzielle Macht nutzen, um kommunikative und politische Spielregeln zu diktieren.

Die Maske der Unnahbarkeit ablegen

Die Herausforderung für moderne Politiker liege darin, auf verschiedenen Plattformen unterschiedliche „Sprachen“ zu sprechen, ohne sich selbst zu verlieren. Lang beschreibt Linkedin etwa als einen Ort, der sich wie ein „dauerhaftes Bewerbungsgespräch“ anfühlt – ein Umfeld, das oft Unauthentizität provoziert.

Auf X hingegen dürfe der „innere Troll“ auch mal raus. Doch Authentizität sei kein Selbstzweck, sondern müsse zum Charakter passen. Lang erzählt offen von ihrem Versuch, „Wut-Videos“ im Stil von TikTok-Trends zu produzieren. Das Ergebnis sei „schauspielerisch“ und „total unauthentisch“ gewesen. Sie habe gelernt: Wer von Natur aus nicht der Typ für Dauer-Rants ist, sollte es auch digital nicht erzwingen.

Ein zentrales Missverständnis in der Politik sei die Annahme, dass Ernsthaftigkeit und Humor Gegenspieler seien. Das Gegenteil sei der Fall. Wer die Sorgen der Menschen ernst nehme, müsse nicht zwingend mit versteinerter Miene auftreten.

In den letzten Jahren habe sich jedoch ein Bild der „rechtshaberischen Progressiven“ etabliert, dem Lang mit Selbstironie begegnen will. Humor fungiere hier als Mittel der Selbstreflexion. Er bricht die Unnahbarkeit auf, die viele Bürger gegenüber „denen da oben“ empfinden. Lang sagt:

„Humor und Ernsthaftigkeit müssen für mich kein Widerspruch sein. Wir sollten das, was wir machen, extrem ernst nehmen – aber wir müssen uns selbst nicht immer extrem ernst nehmen.“
— Ricarda Lang

Zwischen Inhalten und Entertainment

Doch wo verläuft die Grenze? Wann wird Politik zum bloßen Klamauk? Lang blickt hierbei kritisch auf Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder. Sie gesteht ein, dass sie von seinem „Polit-Tainment“ durchaus unterhalten wird, sieht aber eine Gefahr: Söder habe aufgehört, sein Handeln ernst zu nehmen. Wenn Entertainment zum alleinigen Faktor wird, verliert die Politik ihre Substanz. Dennoch müsse man anerkennen, dass Politiker heute nicht nur mit ihren Mitbewerbern konkurrieren, sondern mit Netflix, Dokus oder dem Feierabendbier der Bürger. Ein gewisser Anteil an Unterhaltung sei notwendig, um überhaupt noch Gehör zu finden.

Besonders deutlich wird Lang bei der Analyse ihres politischen Gegners Friedrich Merz. Ihr Vorwurf wiegt schwer: Merz fehle es an Empathie und Vertrauen in die Menschen. Sie kritisiert seine Rhetorik gegenüber Arbeitslosen oder Kranken als „Herabblicken“. Vertrauen sei keine Einbahnstraße. Wer wolle, dass die Bürger ihm vertrauen, müsse ihnen erst einmal selbst Vertrauen entgegenbringen. Lang sagt:

„Ich kann kein Land zusammenführen, auf das ich herabblicke. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“
— Ricarda Lang

Diese „Arroganz der Macht“ sei das Gegenteil von dem, was digitale Kommunikation im besten Fall leisten könne: Augenhöhe.

Fehlerkultur und die Macht der Memes

Auch über ihr „Bier-Meme“ spricht Lang. Nach einer schmerzhaften Wahlniederlage in Thüringen wurde ein Foto von Lang mit einer Bierflasche von rechten Kreisen als Spott verbreitet. Lang entschied sich für die Flucht nach vorn: Sie machte selbst ein Meme daraus. Dieser Moment markierte für sie eine Wende weg vom „Michelle Obama Weg“ (When they go low, we go high). Manchmal müsse man die Angriffe des Gegners kapern und umdrehen, um die Deutungshoheit zurückzugewinnen.

Dies führt zu einer breiteren Debatte über die Fehlerkultur in Deutschland. Lang vergleicht ihre Situation mit dem berühmten Lachen von Armin Laschet im Ahrtal. Während ihr Bier-Foto in ein allgemeines Bild einer lebensnahen Politikerin passte, habe Laschets Lachen das Bild eines „tölpelhaften“ Kandidaten bestätigt, dem die Ernsthaftigkeit der Lage fehle. Momente entfalten laut Lang dann eine zerstörerische Kraft, wenn sie ein ohnehin bestehendes negatives Bild einer Person im Kern bestätigen.

Wie Ricarda Lang die Zusammenarbeit mit ihrem Social-Media-Team gestaltet, warum sie ihren Mitarbeitern einen „Vertrauensvorschuss“ gewährt und welche private Anekdote sie über das Gesprächsklima mit Olaf Scholz hinter verschlossenen Türen verrät, hören Sie in der Podcast-Folge. Auch die Frage, wie man als junge Frau in einer Männerdomäne wie der Spitzenpolitik die eigene Stimme behält, ohne zur Karikatur zu werden, wird in der Folge weiter vertieft.

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