Eine ungewöhnliche Personalie sorgt für Unruhe im politischen Berlin: Der Komiker Hans-Peter „Hape“ Kerkeling wird als möglicher Nachfolger von Frank-Walter Steinmeier gehandelt. Eine Online-Petition der Kampagnenorganisation Campact, die bereits rund 40.000 Unterstützer gefunden hat, fordert die Parteien auf, den Komiker und Autor als gemeinsamen, überparteilichen Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten am 30. Januar 2027 zu nominieren. Besonders Kerkelings Auftreten in der Gedenkstätte Buchenwald im April dieses Jahres hat die Befürworter verzückt. Dort warnte Kerkeling eindringlich vor einem Erstarken geschichtsumschreibender Kräfte.
In der aktuellen Folge ihres Podcasts „Elefantenrunde“ greifen Journalist Hajo Schumacher und Strategieberater Frank Stauss die Debatte auf. Schumacher beschreibt, wie Kerkeling selbst die Tür für solche Gedankenspiele bereits einen Spalt weit geöffnet habe, als er meinte, er könne angesichts der „komischen Vögel irgendwo an der Spitze von Staaten“, wie es Schumacher zuspitzt, nichts mehr ausschließen. Frank Stauss gibt zu bedenken, dass das Amt des Bundespräsidenten oft „maßlos unterschätzt“ werde. Es gehe nicht nur um das schöne Wort, sondern um eine relevante Position in Zeiten der Regierungsbildung oder Krisen, in denen der Präsident durch seine Taten und die Unterzeichnung von Gesetzen echten Handlungsspielraum besitze.
Es kommen vielleicht noch kritische Phasen auf uns zu, jetzt mit den nächsten Wahlen, wo ein Bundespräsident durchaus eine relevante Position einnehmen kann.
Stauss sagt, Kerkeling sei zwar ein hervorragender Schauspieler, doch solle sich in diesen kritischen Zeiten vielleicht ein anderes „Territorium zum Ausprobieren“ suchen. Er zitiert eine Hörerin des Podcasts, die an die zentralen Säulen des demokratischen Verständnisses erinnert hat, die Kurt Schumacher bereits 1947 auf dem SPD-Parteitag in Nürnberg formulierte: Gegenseitigkeit und Ehrlichkeit, Mündigkeit sowie der Wille zur Objektivität. Diese Werte stünden heute unter massivem Druck, insbesondere durch die Logik sozialer Netzwerke, sagt Stauss.
„Du kannst nicht immer nur jammern oder mit dem Finger auf andere zeigen, sondern du musst auch ehrlich mal innerlich zum Kompromiss bereit sein.“
Für Hajo Schumacher ist diese historische Einordnung von „zeitloser Gültigkeit“. Schumacher hätte kritisiert, dass politische Mittel oft rein technokratisch oder diffamierend eingesetzt würden, statt nach der sachlichen Wahrheit zu streben. Stauss ergänzt, dass die Algorithmen der Aufmerksamkeitsökonomie heute „Krawallmedien“ bevorzugten. Er beschreibt den systemimmanenten Zwang, aus jedem noch so kleinen Ereignis ein riesiges Drama zu machen. Das sei eine Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität.
Psychologie statt nackter Zahlen
In der Wirtschaftspolitik beobachten beide Hosts ein ähnliches Phänomen: Die Stimmung entscheide oft mehr als die harten Fakten. Campaigner Stauss blickt auf das Treffen von Vertretern der Arbeitgeber und Gewerkschaften im Kanzleramt, bei dem DGB-Chefin Yasmin Fahimi für ihn der „heimliche Star“ gewesen sei. Er lobt, dass dort endlich über zwei Dinge gleichzeitig gesprochen werde: notwendige Reformen zur Effizienzsteigerung und die zentrale Frage, wie Deutschland wieder echtes Wachstum generieren könne.
Journalist Schumacher spitzt den Gedanken zu. Er bezeichnet den Binnenkonsum als das „zuverlässigste Wachstumsmaschinchen“ des Landes. Stauss findet, dass Wachstum jedoch weniger mit dem realen Einkommen zu tun habe als vielmehr mit dem Befinden der Menschen. Wer optimistisch in die Zukunft blicke, kaufe sich eher einen neuen Kühlschrank als jemand, der sich in einer „Art Schockstarre“ befinde. Stauss kritisiert zudem, dass die Regierung derzeit eher ein „Management durch Angst“ betreibe, was den Konsum lähme.
„Binnenkonsum heißt, dass die Menschen in Deutschland Geld ausgeben. […] Das hat aber nicht nur unbedingt was mit dem realen Einkommen zu tun, sondern es hat was mit dem Befinden der Menschen zu tun.“
Frank Stauss sagt, dass die sozialen Sicherungssysteme eigentlich noch recht gut funktionierten, die Bundesregierung es aber geschafft habe, durch absurde Debatten – etwa um das Bürgergeld – für eine „absolute Tristesse“ zu sorgen. Er fordert eine Abkehr von der „Kakophonie von Reformen“, bei der jedes Vorhaben sofort als „historisch“ deklariert werde. Stattdessen brauche es Verlässlichkeit und handwerkliche Kunst in der Politik, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.
Die Krise im Glaspalast
Besonders anschaulich wird die psychologische Lage der Nation, als Frank Stauss von seinen jüngsten Erlebnissen beim Autokauf berichtet. Er beschreibt seinen Besuch in verschiedenen Autohäusern großer deutscher Marken als eine Mischung aus Slapstick und Depression. Trotz teurer Marketingkampagnen und glitzernder Glaspaläste hätten die Verkäufer beim Erscheinen eines potenziellen Kunden regelrecht die Flucht ergriffen oder sich hinter ihren Bildschirmen vergraben.
„In dem Augenblick, wo du in das Autohaus kommst, rennen alle Leute weg.“
Diese Anekdote dient ihm als Sinnbild für eine Branche, die den Kontakt zu ihren Kunden verloren hat. Stauss berichtet, dass man ihm teilweise gar keine Neuwagen mehr verkaufen wollte, sondern nur noch Leasingverträge anbot. Er nennt das eine fehlende „Willkommenskultur“.
Wie sich der Streit um die „Brandmauer“ zur AfD durch einen Kriterienkatalog von Peer Steinbrück entschärfen ließe, warum der Einsatz von künstlicher Intelligenz im Journalismus den „Tagesspiegel“ in Erklärungsnot brachte und wieso Dresden als „Silicon Saxony“ gerade zum Hoffnungsträger der deutschen Industrie wird, sind weitere Themen der Folge. Auch Frank Stauss’ endgültige Entscheidung für ein neues Fahrzeugmodell bleibt bis zum Schluss eine spannende Wendung.
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