Frankreich zeigt, wie der nächste Wahlkampf angegriffen wird

Die neue Front im Wahlkampf

Mann mit dunklen Haaren spricht ernsthaft in ein Mikrofon, umgeben von Kameras und Journalisten.
Frankreichs Präsidentschaftsbewerber wie Gabriel Attal werden mit gezielten Desinformationskampagnen angegriffen. Attal beim Besuch eines Kinder-Sozialzentrums der Vereinigung Droit à l'enfance in Aulnay-sous-Bois, 20. August 2026. Foto: Franck Derouda/picture alliance

Frankreich wählt erst im Frühjahr 2027 einen neuen Präsidenten, doch der Kampf um die politische Wahrnehmung hat längst begonnen. Mehrere Bewerber um die Nachfolge Emmanuel Macrons werden derzeit mit erfundenen Skandalen, gefälschten Dokumenten, manipulierten Videos und KI-generierten Tonaufnahmen gezielt angegriffen. Französische Behörden führen Teile dieser Angriffe auf russische Einflussoperationen zurück. Das Bemerkenswerte daran ist weniger, dass im Wahlkampf die Wahrheit gebogen wird. Neu sind die Professionalität, die technische Qualität und vor allem die Systematik, mit der aus einer erfundenen Behauptung eine scheinbar glaubwürdige Geschichte gebaut wird.

Für Deutschland lohnt sich ein genauer Blick nach Frankreich. Dort zeigt sich aktuell, wie sich politische Desinformation verändert. Hinzu kommt, dass unser eigener Wahlkalender kaum eine Pause lässt: Zwischen September und Ende April 2027 stehen mehrere Landtags- und Kommunalwahlen an. Was Frankreich heute erlebt, ist deshalb keine ferne Warnung für irgendwann. Teile desselben Instrumentariums werden bereits hier eingesetzt.

Frankreich ist uns nur ein paar Monate voraus

Die Angriffe treffen derzeit vor allem drei erklärte Bewerber um die französische Präsidentschaft. Über den ehemaligen Premierminister Édouard Philippe wurde verbreitet, er leide an einer Form von Demenz. Gabriel Attal wurden unter anderem Parkinson, Drogenabhängigkeit und Verbindungen zum Drogenhandel angedichtet. Seit Mitte August kamen weitere Fälschungen hinzu, die sein Umfeld mit Cyberangriffen auf die französische Steuerverwaltung in Verbindung bringen. Gegen Raphaël Glucksmann wurden Geschichten über seine Lebensgefährtin, die Journalistin Léa Salamé, konstruiert. Eine der Kampagnen kombinierte dafür eine imitierte Nachrichtenseite mit gefälschten Dokumenten, einer KI-generierten Tonaufnahme und einem vollständig gefälschten Video.

Glucksmann hat den Angriff kurz darauf auf LinkedIn selbst dokumentiert und die Bestandteile einzeln aufgezählt: eine imitierte Seite des Magazins Blast, gefälschte Dokumente, KI-generierte Stimmen und ein manipuliertes Video mit Léa Salamé und dem Journalisten Edwy Plenel.

Auffällig ist dabei, dass nicht einfach nur wahllos Falschmeldungen produziert werden. Die Geschichten greifen stets persönliche Schwachstellen auf, die intuitiv verständlich sind und sich schnell weitererzählen lassen: Krankheit, Drogen, Korruption, geheime Absprachen. Es sind keine komplizierten politischen Argumente nötig. Die Behauptung muss nur plausibel genug sein, um für einen Moment Unsicherheit zu erzeugen.

Hinter einem Teil der Angriffe stehen nach den vorliegenden Erkenntnissen die prorussischen Netzwerke Storm-1516 und Matroschka. Ihre Methoden unterscheiden sich jedoch deutlich. Storm-1516 produziert aufwendige vermeintliche Enthüllungsgeschichten und setzt dabei teils Darsteller ein. Matroschka arbeitet stärker mit dem Vertrauen etablierter Medienmarken. Gefälschte Beiträge sehen aus, als stammten sie von bekannten Zeitungen, Fernsehsendern oder Nachrichtenagenturen. In Frankreich wurden unter anderem Erscheinungsbild und Logos von Le Monde, BFM und AFP nachgeahmt.

Das ist keine neue, aber eine entscheidende Entwicklung. Die Urheber einer Desinformation müssen ihre eigene Quelle gar nicht mehr glaubwürdig machen. Sie kopieren einfach die Glaubwürdigkeit anderer.

Der Fake will raus aus seiner Blase

Besonders lehrreich ist die Verbreitungsstrategie von Matroschka. Nach Erkenntnissen des französischen Dienstes Viginum wird ein großer Teil des Materials zunächst in russischsprachigen Telegram-Kanälen veröffentlicht. Sogenannte „Seeder“ platzieren die Inhalte anschließend auf X. Weitere Accounts tragen sie gezielt in die Antwortspalten von Medien, öffentlichen Personen und Faktencheckern oder wenden sich per E-Mail an Redaktionen. Sie fragen, ob ein Video echt sei oder was diese von einer angeblichen Information hielten.

Damit wird verständlich, warum Reichweite allein ein schlechter Maßstab für den Erfolg einer Desinformationskampagne ist. Ein Video kann zunächst nur einige Tausend Menschen erreichen und trotzdem seinen Zweck erfüllen, wenn es irgendwann in einer Redaktion landet, von einem Politiker aufgegriffen oder Gegenstand einer öffentlichen Debatte wird. Aus einem obskuren Post wird eine Nachricht, über die plötzlich seriöse Medien sprechen müssen.

„Reichweite allein ist ein schlechter Maßstab für den Erfolg einer Desinformationskampagne.“

Wie heikel diese Mechanik ist, zeigt der Umgang Gabriel Attals mit den Angriffen gegen ihn. Anfang August ging er in die Offensive: Am 6. August erklärte er bei BFMTV, die Einflussoperationen versuchten, „die demokratische Entscheidung der Franzosen zu stehlen“. Zwei Tage später erstattete er Strafanzeige wegen ausländischer Einmischung. Als Viginum am 21. August zwei weitere Operationen gegen ihn bestätigte, bedauerte die Behörde laut AFP ausdrücklich die Publizität, die Attal gewählt hatte: Sie verschaffe Inhalten Sichtbarkeit, die von den Bürgern kaum gesehen würden – und genau das sei das Ziel der Urheber. Attal wollte sich dazu nicht mehr äußern.

Hier entsteht ein unangenehmes Dilemma: Journalismus muss Falschmeldungen überprüfen und einordnen. Parteien müssen sich gegen erfundene Vorwürfe verteidigen. Faktenchecker müssen erklären, warum ein Video manipuliert wurde. Doch jede Reaktion trägt auch dazu bei, dass mehr Menschen überhaupt von der ursprünglichen Behauptung erfahren. Wer Tage später nur noch die Schlagworte „Attal“ und „Drogen“ oder „Philippe“ und „Demenz“ erinnert, hat die Widerlegung vielleicht längst vergessen.

Manchmal genügt es, einen Verdacht in Umlauf zu bringen: Wer weiß, vielleicht steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Vielleicht wird etwas verschwiegen. Vielleicht ist die Widerlegung selbst nur Teil der Geschichte. Wenn diese Zweifel oft genug erzeugt werden, wird aus einer einzelnen Falschmeldung ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Informationen.

Wenn selbst das Echte verdächtig wird

Wie weit dieser Effekt reichen kann, zeigt eine aktuelle Untersuchung von Nicolas M. Müller und Wei Herng Choong zur Wahrnehmung von Audio-Deepfakes. Für ihre Studie sammelten die Forscher 35.532 Bewertungen von 1.768 Teilnehmern. Im Vergleich zu einer Untersuchung aus dem Jahr 2021 hat sich die Fähigkeit der Teilnehmer, künstlich erzeugte Aufnahmen zu erkennen, kaum verändert. Die Trefferquote sank von 72,9 auf 71,2 Prozent. Dramatischer ist etwas anderes: Echte Sprachaufnahmen wurden deutlich seltener korrekt als echt erkannt. Hier sank die Trefferquote von 72,7 auf 64,1 Prozent.

Die Forscher sprechen von einem „skepticism shift“. Menschen werden offenbar nicht schlechter darin, Fälschungen zu erkennen. Sie beginnen stärker daran zu zweifeln, ob echte Aufnahmen tatsächlich echt sind.

„Menschen beginnen stärker daran zu zweifeln, ob echte Aufnahmen tatsächlich echt sind.“

Für politische Kommunikation verändert das einiges. Die klassische Sorge vor einem Deepfake lautet, dass jemand eine gefälschte Aufnahme eines Politikers veröffentlicht und Menschen sie für authentisch halten. Inzwischen müssen wir über das umgekehrte Szenario genauso ernsthaft nachdenken. Eine echte Aufnahme kann veröffentlicht werden und Betroffene können behaupten, sie sei künstlich erzeugt. Wer die Aussage ohnehin nicht glauben möchte, bekommt mit generativer KI eine plausible Erklärung dafür geliefert, warum vermeintliche Beweise nicht mehr zählen müssen.

Damit verändert sich das Ziel erfolgreicher Desinformation. Es reicht irgendwann möglicherweise, so viele Zweifel über die Authentizität von Informationen zu erzeugen, dass niemand mehr sicher weiß, welchem Material er trauen kann. Die Gefahr besteht dann nicht mehr nur darin, dass die Fälschung glaubwürdig wird. Sie besteht darin, dass auch das Original seine Beweiskraft verliert.

Deutschland hat keine Schonfrist

Das Problem ist nicht französisch. Die Entwicklung ist auch in Deutschland nahe. Im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt wurden in diesem Sommer Falschinformationen über Kandidaten von CDU, SPD, Grünen und Linken verbreitet. Dafür wurden unter anderem Logos etablierter deutscher Medien missbraucht. Das Bundesamt für Verfassungsschutz schreibt die beobachteten Aktivitäten inzwischen der Informationsmanipulationskampagne Matroschka zu. Einen eindeutigen staatlichen Urheber hat die Bundesregierung für diese konkrete Welle bislang nicht benannt. Ähnliche Videos sind inzwischen auch im Berliner Wahlkampf aufgetaucht.

Auch die zuletzt verbreitete erfundene Geschichte über einen angeblich geplanten Rücktritt von Friedrich Merz folgt diesem Prinzip. Die Deutsche Welle hat den Fake geprüft: Ein Video verwendete ihr Erscheinungsbild und verwies zusätzlich auf eine gefälschte Handelsblatt-Seite. Neuere Einschätzungen aus Sicherheitskreisen und von Desinformationsexperten sprechen dafür, dass dieser Fake eher Storm-1516 als Matroschka zuzuordnen ist. Wieder wird Vertrauen nicht selbst hergestellt, sondern von etablierten Medienmarken übernommen. Dass sich solche Muster rund um Wahlen häufen, sollte uns beschäftigen, denn bis Ende April 2027 ist der deutsche Wahlkalender dicht. Das bedeutet, dass Deutschland praktisch bis zur französischen Präsidentschaftswahl in einer Abfolge politischer Wahlkämpfe steckt. Die Zielgruppen und Konflikte unterscheiden sich von Land zu Land, die grundlegenden Möglichkeiten zur Einflussnahme jedoch nicht.

Was wir von Frankreich lernen müssen

Frankreich zeigt uns damit, wie Wahlbeeinflussung bereits heute vorbereitet wird: lange vor dem Wahltag, über mehrere Plattformen hinweg und mit einer Mischung aus politischen Narrativen, gestohlenem Vertrauen und immer besseren technischen Werkzeugen.

„Eine Demokratie kann mit Lügen umgehen, solange sie noch gemeinsame Wege besitzt, Wahrheit festzustellen.“

Deutschland sollte diese Entwicklung nicht erst nach der nächsten großen Kampagne diskutieren. Die kommenden Monate bieten genügend Anlässe, um zu lernen, wie wir die politische Öffentlichkeit unter diesen Bedingungen schützen. Dabei geht es am Ende um mehr als die Frage, ob wir einen einzelnen Fake erkennen. Eine Demokratie kann mit Lügen umgehen, solange sie noch gemeinsame Wege besitzt, Wahrheit festzustellen. Gefährlich wird es dort, wo selbst das Echte nur noch als eine weitere mögliche Fälschung erscheint.