Es klingt nach klassischer Klientelpolitik: Mehreren Landtagen und im Bundestag beschäftigen AfD-Abgeordnete die Angehörigen von Parteifreunden auf Kosten der Steuerzahler. Die eigenen Familienmitglieder kommen in den Büros der Kollegen unter – eine Hand wäscht die andere. „Vetternwirtschaft erschüttert AfD“ würden die Schlagzeilen normalerweise lauten. Doch die Erschütterung bleibt aus. Die Umfragewerte der Partei sind stabil, die Basis zeigt sich unbeeindruckt.
Wie ist diese Resilienz zu erklären? Konrad Göke spricht im Podcast mit einem Mann, der die Mechanismen des Rechtspopulismus seziert: Timo Lochocki, neuer Professor für Politikwissenschaften an der Quadriga Hochschule Berlin. Seine Diagnose ist so ernüchternd wie präzise: Wir messen die AfD mit den falschen Maßstäben – und missverstehen die emotionale Bindung ihrer Wähler komplett.
Warum Maßstäbe der Mitte hier nicht gelten
Wer glaubt, AfD-Wähler würden ihre Partei für moralische Verfehlungen oder interne Querelen abstrafen, irrt gewaltig. Lochocki räumt im Gespräch mit einem weitverbreiteten Missverständnis auf: Rechtsradikale Akteure werden von ihrer Wählerschaft nicht als „Regierung im Wartestand“ betrachtet.
Während etablierte Parteien wie die SPD oder die Union permanent ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen müssen, fungiert die AfD als reines Protestvehikel. Interne Streitigkeiten, die bei anderen Parteien als Indikator für Regierungsunfähigkeit gewertet würden, sind für die AfD irrelevant. Der Wähler sucht hier keine Lösungskompetenz, sondern einen Rammbock gegen den Status quo. Das erklärt, warum die Partei trotz der Vorwürfe der Vetternwirtschaft kaum an Zustimmung verliert.
Der wunde Punkt: Verrat am nationalen Interesse
Ist die AfD also völlig unverwundbar? Nein, sagt Lochocki. Es gibt eine Achillesferse. Skandale schaden der AfD nur dann, wenn sie den Kern ihres eigenen Narrativs verletzen: den Anspruch, die einzige wahre Interessenvertretung des deutschen Volkes zu sein.
Lochocki identifiziert spezifische Szenarien, die für die Partei gefährlich werden könnten:
„Allerdings gibt es gewisse inhaltliche Herausforderungen, die der AfD sehr schaden würden. Das wäre zum Beispiel, wenn klar würde, dass sich die Partei auf Staatskosten bereichert […] als auch, dass sie eine Außen- oder Wirtschaftspolitik betreiben würde, die gegen das nationale Interesse verstößt. Das wird aber weder von Medien noch von den großen Parteien aktuell wirklich betont.“
Die Ironie dabei: Die Vorwürfe, sich „an Russland zu verkaufen“ oder Steuergelder für Parteifreunde zu verschwenden, treffen genau diesen Nerv. Doch sie verfangen oft nicht. Warum? Weil der Absender der Kritik für den AfD-Wähler entscheidend ist.
Das Boten-Dilemma: Warum Kritik von Links verpufft
Es ist eines der zentralen Dilemmata im Umgang mit Rechtspopulisten, das Lochocki im Gespräch herausarbeitet: Die Kritik prallt ab, wenn sie von den „falschen“ Leuten kommt. Progressive Medien oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk besitzen bei der Zielgruppe der AfD – und auch bei den wankelmütigen Wählern der bürgerlichen Mitte – kaum noch „Absenderkompetenz“.
Im Gegenteil: Kritik von dieser Seite wirkt oft wie eine Bestätigung des „Wir gegen Die“-Gefühls. Lochocki formuliert eine klare These: Nur konservative Akteure können die AfD wirksam entzaubern. Er nennt dies die „vier Musketiere“, die hier eine Rolle spielen könnten: Olaf Scholz, Boris Pistorius, Nancy Faeser und Jens Spahn. Nur wenn Politiker, die eine gewisse staatstragende oder konservative Glaubwürdigkeit ausstrahlen, den Finger in die Wunde legen, hat die Kritik eine Chance.
„Der entscheidende Punkt ist, dass damit Kritik an der AfD verfängt, nicht nur der Inhalt zentral ist, sondern vor allem der Absender. […] Umgekehrt ist es aber so, dass bürgerlich-konservative Medien […] als auch vor allem Politiker, die als klar konservativ gebrandmarkt sind […], dass die eine sehr hohe Absenderkompetenz genießen bei AfD-Sympathisanten.“
Eine erkaltete Liebe: Die AfD als Eifersuchts-Strategie
Vielleicht die überraschendste Erkenntnis des Gesprächs ist Lochockis psychologische Deutung des Wahlverhaltens. Viele Wähler der AfD wollen gar nicht, dass die AfD regiert. Was treibt sie also an die Urnen?
Lochocki vergleicht das Verhältnis zwischen konservativen Wählern und der CDU mit einer gescheiterten Liebesbeziehung. Der Wähler ist der enttäuschte Liebhaber, die CDU die Ex-Partnerin, die man eigentlich zurückhaben will.
„Das ist sozusagen ein bisschen so, wie als sind sie enttäuscht von ihrem Liebhaber, den sie aber unbedingt zurückhaben wollen. Aber sie wollen ihn eifersüchtig machen, also fangen sie eine Affäre mit der Nachbarin an. Aber eigentlich wollen sie die Nachbarin gar nicht, sie wollen ihren Liebhaber […] zurück. Genauso kann man sich das Prozedere vorstellen, das für den Großteil der AfD-Wähler gilt.“
Die Wahl der AfD ist demnach oft ein taktisches Manöver, ein Schrei nach Aufmerksamkeit, um die Union wieder auf einen konservativeren Kurs zu zwingen. Solange die Union und andere Parteien der Mitte dies nicht verstehen und die AfD lediglich moralisch verdammen, anstatt die inhaltliche Lücke glaubwürdig zu füllen, wird die „Affäre mit der Nachbarin“ weitergehen.
Strategischer Realismus statt moralischer Empörung
Timo Lochocki macht deutlich: Moralische Empörung über Vetternwirtschaft ist für die eigene politische Blase befriedigend, aber strategisch wirkungslos. Wer die Umfragewerte der Rechtsaußen-Partei senken will, muss verstehen, dass Skandale nur dann wirken, wenn sie von glaubwürdigen Absendern als Verrat am deutschen Interesse geframt werden.
Hören Sie das vollständige Gespräch:
Warum der Vergleich mit den US-Wahlen als düstere Blaupause dienen könnte und wie die etablierten Parteien ihre Strategie konkret anpassen müssten, erklärt Timo Lochocki im Detail in der aktuellen Folge des p&k-Podcasts.
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