Erben und erben lassen

Kolumne

2026 soll das Jahr der Reformen werden. Zumindest dann, wenn es der politischen Mitte gelingt, die großen Strukturfragen nicht nur anzusprechen, sondern auszuhandeln. Den ersten Aufschlag hat die SPD gemacht – mit der Erbschaftsteuer. Doch kaum ein Thema polarisiert so zuverlässig zwischen Leistungsversprechen, dem Erhalt mittelständischer Strukturen und sozialer Balance.

Balkendiagramm zeigt Umfrageergebnisse zur Bewertung eines SPD-Vorschlags zur Erbschaftssteuer in Deutschland.
Foto Civey

 

Das Meinungsbild in der Bevölkerung ist knapp und ambivalent. Den SPD-Vorschlag eines Lebensfreibetrags von einer Million Euro befürwortet eine schmale  Mehrheit – zugleich lehnt rund ein Drittel den Vorschlag ab. Ähnlich eng ist das Bild bei deutlich größeren Freibeträgen für Unternehmensnachfolgen. Zustimmung und Skepsis liegen dicht beieinander. Das ist weniger ein Zeichen von Beliebigkeit als ein Hinweis auf einen Zielkonflikt.

Es geht um mehr als Steuersätze. Im Zentrum der Debatte steht die Grundfrage, ob sich Leistung lohnt – oder ob am Ende doch die Wiege entscheidet, welchen Lebensstandard und welche Absicherung man im Alter einmal erreicht. Wer arbeitet, zahlt verlässlich Steuern; wer erbt, kann – je nach Ausgestaltung und Gestaltungsspielraum – deutlich privilegierter davonkommen. Das trifft einen Nerv, weil der ausschließlich über Erwerbstätigkeit erfolgte Vermögensaufbau schwerer geworden ist.

Auf der anderen Seite steht der wirtschaftliche Realitätssinn. Eine Reform, die gut gemeint, aber schlecht gemacht ist – mit zu wenig Differenzierung, zu hoher Liquiditätslast im falschen Moment oder zu viel Bürokratie – kann Unternehmensnachfolgen erschweren. Dann würde aus einem Gerechtigkeitsprojekt eine Regulierung, die ausgerechnet jene schwächt, die Investitionen und Beschäftigung sichern sollen.

Balkendiagramm zur Bewertung eines SPD-Vorschlags: 49% richtig, 20% unentschieden, 31% falsch.
Foto Civey

 

Die Erbschaftsteuer sollte nicht als Glaubensfrage verhandelt werden, sondern als ordnungspolitische Aufgabe. Es geht um eine Balance, die das Leistungsversprechen einer offenen Gesellschaft ebenso ernst nimmt wie den Schutz mittelständischer Strukturen. Dass das Meinungsbild dabei knapp ist, gehört zur politischen Realität. Entscheidend ist, ob es gelingt, dieses Spannungsfeld konstruktiv zu bearbeiten. Zu Beginn des Jahres darf man vorsichtig zuversichtlich sein, dass die politische Mitte diese Debatte nicht zuspitzt, sondern ordnet – und am Ende zu einer tragfähigen Lösung findet.

Die verwendeten Umfragen finden Sie hier.