Fünf Wochen vor dem Urnengang schien das Rennen um die baden-württembergische Landtagswahl entschieden. Die CDU lag klar vorn, die Grünen wirkten abgeschlagen. Doch im Endspurt hat sich das Bild spürbar verschoben: Die Grünen haben zuletzt rund fünf Prozentpunkte aufgeholt und liegen nun nur noch ein bis zwei Punkte hinter der CDU. Aus einer scheinbar stabilen Ausgangslage ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen geworden – mit direkten Folgen für das Kräfteverhältnis in einer wahrscheinlichen schwarz-grünen Koalition. Denn die Koalitionsfrage ist faktisch geklärt. Offen ist nicht das „Ob“, sondern das „Wie stark“.
Wahlkampf-Endspurt: Themenhoheit als Machtfrage
Wie nervös die Schlussphase ist, zeigte eine Episode der vergangenen Tage. Auslöser war ein acht Jahre altes Video, das die Grünen-Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer veröffentlichte. Darin äußert sich Manuel Hagel 2018 bei Regio TV unangemessen über einen Schulbesuch. Hagel räumte ein, der Einstieg sei „Mist“ gewesen, vermied jedoch eine weitergehende Einordnung. Cem Özdemir stellte sich demonstrativ hinter ihn. Einzig Boris Palmer kritisierte das Timing und sprach offen von politischer Instrumentalisierung.
Auffällig war, wie schnell sich der Fokus verschob. Nur einen Tag nach der breiten Debatte über das Hagel-Video beherrschten Berichte über eine SWR-Sequenz mit SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch die Schlagzeilen. In einem Porträt nach einem Besuch bei der Tafel erteilte Stoch seinem Fahrer einen Einkaufsauftrag – unter anderem für Entenpastete solle er ins benachbarte Frankreich fahren. Kommentatoren griffen die Szene intensiv auf, obwohl der SWR sie bereits anderthalb Wochen zuvor gesendet hatte und sie zunächst kaum Resonanz erzeugt hatte.
Ob journalistische Eigendynamik oder gezieltes Verschieben der Agenda – der Effekt war eindeutig: Die Aufmerksamkeit drehte sich. In der heißen Phase genügt ein starkes Bild, um eine Debatte zu überlagern. Wer die Themen setzt, hat Macht.
Systemwechsel mit strategischer Wirkung
Unter der Oberfläche verschieben sich die strategischen Achsen durch eine Reform, deren Bedeutung der Wahlkampf bislang unterschätzt hat: das neue Zwei-Stimmen-Wahlrecht.
Bislang verfügten die Wählerinnen und Wähler nur über eine Stimme für eine Person im Wahlkreis. Wer dort die relative Mehrheit erreichte, zog direkt in den Landtag ein. Die proportionale Sitzverteilung folgte jedoch dem landesweiten Stimmenverhältnis. Zusätzliche Mandate gingen an jene Kandidatinnen und Kandidaten einer Partei, die trotz Niederlage in ihren Wahlkreisen die besten Ergebnisse erzielten. Das stärkte die individuelle Verankerung – ließ den Parteien aber wenig Spielraum, gezielt zu steuern.
Mit dem neuen Modell kommt eine landesweite Zweitstimme hinzu, die über die proportionale Stärke der Parteien entscheidet. Erstmals stellten die Parteien Landeslisten auf und legten selbst fest, in welcher Reihenfolge Kandidierende ohne Direktmandat ins Parlament einziehen. Strategisch verschiebt das die Macht: Die Erststimme bleibt personalisiert, zugleich gewinnen Parteigremien über die Listenaufstellung erheblich an Einfluss.
Befürworter verweisen auf mehr Planbarkeit und eine ausgewogenere Repräsentation. Kritiker sehen politische Macht vom Wahlkreis weg und hin zu innerparteilichen Entscheidungszentren wandern. In jedem Fall zwingt das System alle Akteure zur Doppelstrategie: lokale Personenbindung und landesweite Listenmobilisierung.
CDU: Stärke maximieren statt Alternativen suchen
Für die CDU ist die Ausgangslage komfortabel – und zugleich begrenzt. Sie liegt knapp vorn, kann den personellen Regierungswechsel verkörpern und demonstriert Geschlossenheit, zuletzt unterstrichen durch die Inszenierung ihres Bundesparteitags in Stuttgart.
Manuel Hagel steht für den Generationenwechsel und hat die Partei organisatorisch wie programmatisch stabilisiert. Doch jenseits der Grünen existiert keine realistische Machtoption. SPD und FDP sind zu schwach für alternative Mehrheiten. Der Endspurt kann deshalb nicht auf Koalitionsarithmetik zielen, sondern nur darauf, die eigene Stärke zu maximieren.
Die Botschaft ist klar: Je stärker die CDU, desto größer ihr Gewicht in einer schwarz-grünen Regierung – bei Ressorts, Personal und Programmatik. Das neue Wahlrecht verstärkt diesen Druck. Erst- und Zweitstimme müssen gleichermaßen mobilisiert werden.
Grüne: Mobilisierung ohne Amtsbonus
Für die Grünen ist die Dynamik eine andere. Cem Özdemir bringt bundespolitische Bekanntheit und persönliche Popularität mit, aber keinen Amtsbonus. Der Kretschmann-Effekt – über Jahre gewachsenes Vertrauen weit ins bürgerliche Lager hinein – lässt sich nicht ohne Weiteres übertragen.
Die jüngsten Zugewinne zeigen jedoch, dass Mobilisierung und strategische Zuspitzung greifen. Im Endspurt kann die Strategie nur lauten: die eigenen Milieus aktivieren und die Machtfrage klar zuspitzen. Wer Schwarz-Grün will, aber mit sichtbarer grüner Handschrift, muss beide Stimmen den Grünen geben. Die Zweitstimme wirkt dabei als unmittelbare Machtressource.
FDP profitiert vom Zwei-Stimmen-System
Die eigentliche strukturelle Chance des neuen Systems liegt bei kleineren Parteien. Die personalisierte Erststimme kann mit einer strategischen Zweitstimme kombiniert werden. Das eröffnet taktische Spielräume – und Chancen zu überleben.
Für die FDP ist die Lage existenziell. Sie kämpft nicht nur um den Wiedereinzug in den Landtag, sondern um ihre Rolle im liberalen Stammland insgesamt. Dass die Veranstalter sie beim großen SWR-Triell nicht eingeladen haben – dem zentralen medialen Showdown dieser Wahl –, verschärft ihr Problem dramatisch. In einer Phase, in der Reichweite politische Relevanz definiert, fehlt ihr die wichtigste Bühne.
Ein klassischer Plakatwahlkampf mit einem vergleichsweise wenig bekannten Spitzenkandidaten kann diese Lücke kaum schließen. Wenn die Liberalen eine Chance wahren wollen, müssen sie den Charakter ihrer Kampagne verändern: weg von routinierter Wirtschaftsrhetorik, hin zur Existenzfrage. Warum braucht dieses Parlament eine liberale Kraft – gerade in einer schwarz-grünen Konstellation? Die Zweitstimme muss zur Überlebensstimme werden.
SPD: Seismograf für den Bund
Auch die SPD steht unter Druck – aus anderen Gründen. Dass sie beim Triell fehlt, verstärkt ein strukturelles Problem: geringe landespolitische Strahlkraft. In einem Wahlkampf, der stark auf das Spitzenduell fokussiert ist, bedeutet mediale Unsichtbarkeit faktisch: Bedeutungslosigkeit.
Ein schwaches Ergebnis hätte jedoch überregionale Folgen. Als Juniorpartner der CDU im Bund braucht die SPD politische Substanz und Verhandlungsmacht. Eine weitere historische Niederlage in einem mittelständisch industriell geprägten Bundesland würde innerparteiliche Debatten über Kurs und Führung in Berlin verschärfen.
Linke und AfD: Gegensätzliche Stabilitäten
Die Linke profitiert von klaren Konfliktlinien und davon, dass die SPD im progressiven Lager schwächelt. Sie ist weniger auf Spitzenrunden angewiesen als darauf, ihr Kernmilieu zu mobilisieren. Das Zwei-Stimmen-System erleichtert strategische Leihstimmen.
Die AfD wiederum verharrt stabil bei rund 20 Prozent – stark, aber gedeckelt. Im Endspurt setzt sie vor allem auf maximale Eigenmobilisierung. Neue Wählerschichten kann sie kurzfristig kaum erreichen.
Kräfteverhältnis statt Koalitionsfrage
So entsteht eine Wahl mit begrenzten Koalitionsoptionen, aber offenem innerem Machtgefüge. Die letzte Woche entscheidet vermutlich nicht über das Zustandekommen von Schwarz-Grün, sondern über die Gewichtsverteilung innerhalb dieser Konstellation – und über die parlamentarische Existenz kleinerer Parteien.
Das neue Wahlrecht wirkt dabei wie ein Katalysator. Es verändert strategische Anreize, verschiebt innerparteiliche Macht und zwingt alle Akteure, Wählerinnen und Wähler doppelt anzusprechen.
Wer diese Logik im Endspurt überzeugend vermittelt, kann noch gewinnen – vielleicht nicht die Wahl insgesamt, aber seine Position im politischen Gefüge der kommenden Legislatur.

