„Eine gute Besetzung beginnt nicht mit einer Liste von Namen“

Personalberaterin erklärt

Frau mit blonden, schulterlangen Haaren in einem grauen Blazer, vor einem hellen, neutralen Hintergrund.
Julie von Wangenheim. Foto: Privat, Collage d. Red.

Frau von Wangenheim, Sie haben zu Ihrem Start bei Quadriga Executive Search geschrieben, dass wir es uns gerade jetzt nicht leisten können, die falschen Menschen auf die falschen Positionen zu setzen. Werden Schlüsselpositionen im politischen Berlin aus Ihrer Sicht professionell genug besetzt?

Julie von Wangenheim: Nicht immer. Ich habe selbst in Politik, Unternehmen und zuletzt in einem Ministerium erlebt, wie unterschiedlich Organisationen funktionieren. Eine fachlich hervorragende Person ist nicht automatisch die richtige Besetzung. Entscheidend ist auch, ob Persönlichkeit, Arbeitsweise und Organisation zusammenpassen.

Gerade der Wechsel zwischen unterschiedlichen Systemen kann für beide Seiten enorm bereichernd sein. Ministerien können von Perspektiven außerhalb des politischen Betriebs profitieren, genauso wie Unternehmen von Menschen mit politischer Erfahrung. Entscheidend ist aber, ob Person und Organisation wirklich zueinander passen, in ihrer Arbeitsweise und ihren Erwartungen.

Im politischen Umfeld spielen außerdem Vertrauen und persönliche Empfehlungen traditionell eine große Rolle. Das hat seine Berechtigung. Eine Empfehlung kann ein hervorragender Ausgangspunkt sein, sollte aber nicht das Ende eines Auswahlprozesses sein. Für mich beginnt eine gute Besetzung deshalb auch nicht mit einer Liste von Namen, sondern mit der Frage: Welches Problem soll diese Person eigentlich lösen? Daraus ergibt sich, welche Erfahrung, Persönlichkeit und Arbeitsweise gefragt sind.

Julie von Wangenheim
Julie von Wangenheim ist Senior Consultant bei Quadriga Executive Search und baut dort das Berliner Geschäft auf. Zuvor war sie Pressesprecherin im Bundeswirtschaftsministerium. Weitere Stationen führten sie in leitende Kommunikationsfunktionen bei der Wort & Bild Verlagsgruppe und der Produzentenallianz sowie in den Deutschen Bundestag. Heute konzentriert sie sich auf die Besetzung von Führungs- und Schlüsselpositionen an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Kommunikation.

Was wird bei der Auswahl von Führungskräften im politischen Umfeld häufig überschätzt und was unterschätzt?

Julie von Wangenheim: Manchmal wird das sichtbare Netzwerk überschätzt und die interne Wirksamkeit unterschätzt. Natürlich braucht eine Führungskraft im Public-Affairs-Bereich politischen Zugang und ein tiefes Verständnis für politische Prozesse. Entscheidend ist aber, ob sie politische Entwicklungen in unternehmerische Konsequenzen übersetzen und eine Geschäftsführung strategisch beraten kann. Wie geht sie mit Widerstand um? Kann sie unterschiedliche Interessen zusammenbringen? Kann sie auch dann eine klare Position vertreten, wenn diese intern unbequem ist? Die entscheidende Frage ist nicht nur, wen jemand in Berlin kennt, sondern was diese Person mit diesem Zugang für eine Organisation bewirken kann.

Hat sich damit auch das Profil verändert, das Unternehmen und Verbände heute für solche Schlüsselpositionen suchen sollten?

Julie von Wangenheim: Definitiv. Politische Entscheidungen berühren heute viel unmittelbarer das Geschäftsmodell. Damit verändert sich auch die Rolle von Public Affairs. Aus Interessenvertretung nach außen wird zunehmend eine strategische Beratungsfunktion nach innen. Gefragt sind Persönlichkeiten, die politische Urteilskraft mit wirtschaftlichem Denken verbinden, intern durchsetzungsfähig sind und führen können.

„Aus Interessenvertretung nach außen wird zunehmend eine strategische Beratungsfunktion nach innen.“
— Julie von Wangenheim

Dabei gibt es nicht die eine ideale Besetzung. Entscheidend ist, wer für diese Organisation, diese Aufgabe und diesen Zeitpunkt die richtige Person ist.

Sie haben selbst viele Jahre in der Kommunikation gearbeitet. Wie verändert sich diese Funktion gerade?

Julie von Wangenheim: Gute Kommunikation muss heute politischer gedacht werden als noch vor einigen Jahren. Die Grenzen zwischen politischer, öffentlicher und unternehmerischer Debatte verschwimmen zunehmend. Eine regulatorische Entscheidung kann innerhalb kürzester Zeit zum Reputationsrisiko werden, eine öffentliche Debatte zum politischen Thema und beides zur unternehmerischen Herausforderung.

Gleichzeitig werden Unternehmen heute stärker daran gemessen, wie sie sich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen verhalten. Nicht zu jedem Thema braucht es eine Position. Unternehmen müssen aber sehr bewusst entscheiden, wann Haltung gefragt ist. Denn in einer politisierten Öffentlichkeit hat nicht nur das, was ein Unternehmen sagt, Wirkung, sondern auch das, wozu es schweigt.

„In einer politisierten Öffentlichkeit hat nicht nur das, was ein Unternehmen sagt, Wirkung, sondern auch das, wozu es schweigt.“
— Julie von Wangenheim

Das verändert auch die Anforderungen an diejenigen, die Kommunikation verantworten. Sie müssen politische Entwicklungen verstehen, gesellschaftliche Dynamiken früh erkennen und einordnen können. Gleichzeitig müssen Verantwortliche im Bereich Public Affairs verstehen, welche öffentliche Dynamik politische Themen entwickeln können. Die Grenzen zwischen den Disziplinen werden durchlässiger.

Berlin ist ein sehr eng vernetzter Markt. Welche Rolle spielt das für Ihre Arbeit im Executive Search?

Julie von Wangenheim: Eine sehr große. Berlin ist ein Markt, in dem vieles über persönliche Beziehungen funktioniert. Das ist wertvoll, weil man früh mitbekommt, wo sich etwas bewegt und Zugang zu Menschen bekommt, die über klassische Wege oft schwer erreichbar sind.

Aber genau hier beginnt für mich der Unterschied zwischen einem guten Netzwerk und professionellem Executive Search. Ein persönlicher Kontakt liefert vielleicht einen interessanten Namen. Unsere Aufgabe bei Quadriga Executive Search ist es, daraus einen strukturierten Blick auf den gesamten relevanten Markt zu machen, unterschiedliche Kandidatinnen und Kandidaten vergleichbar zu machen und auch diejenigen zu identifizieren und anzusprechen, die niemand spontan auf dem Zettel hatte.

Das Netzwerk öffnet also Türen, aber es entscheidet nicht über die Besetzung. Genau die Verbindung aus persönlichem Zugang, systematischer Suche und professioneller Bewertung macht für mich den Mehrwert von Executive Search aus.

„Das Netzwerk öffnet Türen, aber es entscheidet nicht über die Besetzung.“
— Julie von Wangenheim

Was reizt Sie persönlich an Ihrer neuen Rolle besonders?

Julie von Wangenheim: Ich treffe gerade unglaublich unterschiedliche Persönlichkeiten und bekomme Einblicke in Unternehmen, Verbände und Organisationen, die ich so vorher nicht hatte. Jeder bringt eine eigene Geschichte, Perspektive und Motivation mit.

Am Ende geht es im Executive Search bei aller Strategie immer um Menschen. Genau das macht mir an meiner neuen Rolle besonders viel Freude.