Als zwischen Merz und Junger Union noch Herzchen flogen, 26. Oktober 2024
Wenn man dieses Bild vom Deutschlandtag der Jungen Union heute betrachtet, sieht man vor allem eines: einen Wahlkampf, der funktioniert hat. Friedrich Merz steht im Zentrum einer Organisation, die ihm damals mit spürbarer Begeisterung folgte. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Erwartung. Erwartung an Führung, an Klarheit, an politische Entscheidungskraft. Die Inszenierung ist klassisch, fast bewusst unironisch: Fahnen, Slogans, Nähe zur Parteijugend. In einer Zeit, in der politische Kommunikation oft auf Distanz, Ambivalenz und Fragmentierung setzt, wirkte dieser Auftritt wie ein Gegenentwurf. Merz präsentierte sich nicht als Projektionsfläche, sondern als Angebot – mit klarer Rolle, klarer Haltung und klarer Adresse. Die Junge Union war dabei weniger Kulisse als Verstärker. Mit dem Wissen von heute liest sich das Foto als Moment maximaler Verdichtung: kurz bevor Wahlkampfenergie in Regierungsrealität übergeht. Was hier sichtbar wird, ist nicht nur Zustimmung, sondern ein politisches Versprechen, das eingelöst werden wollte – und eingelöst werden musste. Gerade deshalb hat das Bild Bestand. Es zeigt nicht die Leichtigkeit des Regierens, sondern den Ernst des Anspruchs, der ihm vorausging. Für die junge Generation.
Theresa Hein, Kommunikationsberaterin und damals im Wahlkampfteam von Friedrich Merz
Merz muss in den zweiten Wahlgang, 6. Mai 2025
Auf diesem Bild wirkt es, als würde Friedrich Merz einmal sehr tief Luft holen; vielleicht aus Anspannung, vielleicht auch mit etwas Wut im Bauch. Die Wahl der Kanzlers war im ersten Wahlgang escheitert. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Mancher hatte es vielleicht geahnt, aber die meisten dann doch nicht geglaubt, dass das wirklich eintreten könnte. Danach war buchstäblich viel Bewegung im Reichstagsgebäude. Für Journalisten und Abgeordnete ging es von der Plenarebene auf die Fraktionsebene, danach gab es ein hin und her der Fraktionsspitzen zwischen verschiedenen Büros, Fraktionssitzungen fanden statt. Es wurde viel telefoniert, Nachrichten geschrieben, das Grundgesetz und die Geschäftsordnung des Bundestages studiert und übereinander gelegt – denn recht schnell wurde deutlich, dass bei einigen große Ratlosigkeit herrschte, wie es nun weiter gehen wird. Am Ende hat der Tag Merz‘ Kanzlerschaft nicht geschadet, dennoch hat er einen Vorgeschmack darauf gegeben, was es heißt, mit einer nur dünnen Mehrheit zu regieren. Und, er hat ein weiteres Mal gezeigt, dass Gewissheiten und gewohnte Abläufe heute nicht mehr garantiert sind, dass Stabilität kein Automatismus ist und, dass man, sprich die Politik, aber auch der Politikjournalismus darauf vorbereitet sein muss.
Katharina Hamberger, Hauptstadtkorrespondentin „Deutschlandfunk“
Merz gibt Hintergrund im Regierungsflieger, 7. Mai 2025
Der erste Moment des Außenkanzlers Friedrich Merz fand in Paris statt, im Innenhof des Élysée-Palastes, im Mai. Auf den Stufen des Eingangs begrüßt ihn der französische Präsident Emmanuel Macron, die beiden fassen sich fest an den Arm, sofort ist eine Nähe zu spüren, wie sie Olaf Scholz nie ausstrahlen konnte. Paris, Warschau, dann schnell die gemeinsame europäische Reise in die Ukraine: Friedrich Merz fand auf den frühen Reisen die richtigen Töne, erlebte einige der erfolgreichsten Momente seiner Kanzlerschaft. Und Merz teilte seine Gedanken mit uns Journalisten in einer großen Offenheit. Ein Hintergrund-Briefing von Friedrich Merz gleich zehn Hintergründe mit Olaf Scholz, das wurde zum inoffiziellen Kanzlerkorrespondenten-Umrechnungskurs. Je mehr die Monate voranschritten, desto mehr begann sich Merz in mancher Frage zu kontrollieren. Als er im Dezember nach Israel fuhr, war ein Kanzler zu beobachten, der nah am Skript blieb und unbedingt den Konflikt mit Benjamin Netanjahu beheben wollte. Der Außenkanzler Merz hat über die Monate gelernt: Die Konflikte sind so zahlreich geworden – und die Beherrschtheit ein echter Wert, den Merz erst erlernen musste.
Gordon Repinski, Executive Editor „Politico“
Gelungene Feuerprobe im Weißen Haus, 5. Juni 2025
Das Bild zeigt: Friedrich Merz scheint sich tatsächlich wohlzufühlen. Donald Trump albert herum, tätschelt Merz das Knie, klopft auf den Arm – Gesten, die nicht jeder schätzen würde, doch Merz wirkt cool und lächelt amüsiert. Das Oval Office gleicht inzwischen einem güldenen Thronsaal voller wertvoller Goldfiguren. Trump hält Hof; es ist aus seiner Sicht eine Gunst, bei ihm zu sitzen. Jeder ausländische Besucher muss diesen Spagat schaffen: Nicht zu unterwürfig für die heimischen Wähler auftreten, aber bloß nicht arrogant oder spöttisch wirken, was Trump in seinen eigenen vier Wänden nie dulden würde. Obwohl Trump 90 Prozent der Redezeit beanspruchte, setzte Merz seine Akzente: Deutschland habe bei der Verteidigung aufgeholt und die USA würden für die Ukraine gebraucht – ein Moment, so wichtig wie einst der D-Day. Ein kluger Schachzug war das Geschenk: die Geburtsurkunde von Trumps Großvater. Während Wolodymyr Selenskyj zuvor quasi hinausgeschmissen wurde, war dies ein erfolgreicher Besuch im Weißen Haus, voller Wertschätzung. Merz versucht nun, darauf aufzubauen, auch wenn Trump unberechenbar bleibt.
Juliane Schäuble, USA-Korrespondentin „Die Zeit“
Unter Männern beim CEO-Gipfel im Kanzleramt, 22. Juli 2025
Mit diesem Foto wollte die Bundesregierung zeigen: Es geht wieder nach vorne mit der deutschen Wirtschaft. Für uns wirkt es eher wie ein Blick zurück – gerade einmal zwei Frauen sind zu sehen. Dabei zeigt Commerzbank-CEO Bettina Orlopp aktuell eindrucksvoll, wie man einen DAX-Konzern auch in schwierigen Zeiten zukunftsfest führt. Frauen in Führungspositionen machen einen messbaren Unterschied und ohne ihre stärkere Beteiligung wird es mit dem wirtschaftlichen Aufschwung kaum gelingen. Das Motiv spiegelt jedoch die Realität deutscher Führungsetagen wider: mehr Männer, die Thomas heißen, als Frauen an der Spitze. Gut, dass es Diskussionen auslöst. Denn es ist ein Skandal, dass aktuell nur drei Frauen DAX-Unternehmen führen – bei zuletzt sogar sinkendem Frauenanteil im Management. Es geht nicht um ein einzelnes Foto. Es geht um Strukturen, Machtverteilung und verpasste Chancen. Genau deshalb setzen wir uns bei FRAUEN100 für eine vielfältigere, weiblichere und zukunftsfähige Führung ein.
Janina Hell und Felicitas Karrer, Gründerinnen der Initiative FRAUEN100
Tränen in der Münchner Synagoge Reichenbachstraße, 15. September 2025
Als Friedrich Merz im September 2025 bei der Einweihung der Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße spricht, kämpft er – berührt von den Worten Rachel Salamanders, einer Tochter von Holocaust-Überlebenden, und ihrer Geschichte – mit den Tränen. Die Frage, die Rachel Salamander sich als Kind immer wieder stellte, „ob denn den Juden niemand geholfen habe“, zwang Friedrich Merz, um Fassung zu ringen. Der Kanzler wich damit von der üblichen Choreografie offizieller Termine ab und gewährte den Anwesenden, der jüdischen Gemeinde und den Menschen in Deutschland einen unverfälschten Blick in seine Gefühlswelt – und zeigt, was es bedeutet, Worte für etwas zu finden, „womit wir alle nicht mehr fertig werden“ (Hannah Arendt 1964).
Kai Diekmann, Gründer der Agentur Storymachine und ehemaliger „BILD“-Chefredakteur
Verrutschtes Stadtbild, 15. Oktober 2025
Eigentlich wollte Friedrich Merz, der Plauder-Kanzler, nur einen Erfolg verkünden. Wäre da nicht dieser vermaledeite Nachsatz gewesen. „Man habe die Asylzahlen um 60 Prozent nach unten gebracht“, verkündete der Bundeskanzler Mitte Oktober in Potsdam. „Aber wir haben im Stadtbild immer noch dieses Problem.“ Und neben ihm nickt Dietmar Woidke von der SPD. In der Woche darauf bricht eine der unnötigsten Debatten dieser erst kurzen Kanzlerschaft über ihn herein. Merz heizt sie mit dem Satz „Fragen Sie mal Ihre Töchter“ selbst an, erklärt sich später doch: Er habe nur auf Ausländer ohne Aufenthaltsrecht hinweisen wollen. Da ist es längst zu spät: Es gibt Proteste, auch aus der CDU. Plötzlich wird „Stadtbild“ zum problematischen Wort erklärt, der Kanzler von linken Aktivisten in die Nähe von Joseph Goebbels gerückt und statt mit ihm zu streiten, verlassen Stipendiaten bei seiner Rede den Saal. Gesprächsabbruch. Vielleicht sagt all das genauso viel über diese Zeit wie über diesen Kanzler und doch bleibt Friedrich Merz: ewig missverstanden.
Julius Betschka, Hauptstadtkorrespondent „Stern“
Oh, wie schön ist… Brasilien? 19. November 2025
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal bei einer Maniküre in Brasilien über den deutschen Bundeskanzler diskutieren würde. Nach dem Merzschen Fauxpas gab es in meinem zweiten Heimatland aber kaum ein anderes Gesprächsthema. Mit seinem unhöflichen Kommentar zu Belém, dem Austragungsort der diesjährigen Klimakonferenz, hat er das ganze Land vor den Kopf gestoßen. Brasilien wollte die COP30 bewusst in einer armen Metropole am Amazonas ausrichten, um auf die Klimakrise und soziale Ungleichheit aufmerksam zu machen. Merz konnte offenbar nach nicht einmal einem Tag vor Ort nicht nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die gerne dort leben. Die Empörung Brasiliens war heftig, aber berechtigt: Diplomatie erfordert Respekt und Augenhöhe – etwas, das der sogenannte Außenkanzler im Umgang mit Ländern des „Globalen Südens“ offenbar noch lernen muss. Immerhin scheint er daraus gelernt zu haben: Sein Vorschlag, beim nächsten Besuch mit Präsident Lula tanzen zu gehen, zeigt, dass sich Zuhören lohnt.
Clara Pfeffer, Reporterin Politik und Wirtschaft „RTL/ntv“
In der Ukraine-Krise übernimmt Merz die Führung, 6. Januar 2026
Was haben PURL-Programm, „Reparations Loans“ – jetzt EU-Kredite für die Ukraine – und „Berlin-Gruppe“ gemeinsam? Man glaubt es kaum, aber alle drei sind Ergebnisse deutscher Führung. Das PURL-Programm mit dem sperrigen Namen der „Priorisierten Ukraine Ressourcen Liste“, mit dem NATO-Europäer in den USA Waffen, Munition und Ausrüstung für die Ukraine kaufen, geht auf ein Telefonat zwischen Friedrich Merz und Donald Trump zurück. Für die Finanzierung der Ukraine ging Merz ins Risiko. Er erreichte die Entscheidung zur Nutzung der beschlagnahmten russischen Gelder zwar nicht, doch eine überlebenswichtige Finanzierungshilfe für die Ukraine steht. Und die „Berlin-Gruppe“ – auf dem Foto teilweise zu sehen – war die diplomatische Feuerwehr, um überfallartige Versuche, die Ukraine in die Kapitulation zu drängen, in bessere ukrainisch-amerikanische Abstimmung umzuwandeln. Auch wenn nicht alles gelingt – Versuche der Führung sollte man nicht hämisch zerreden, sondern weiter ermutigen!
Nico Lange, Senior Fellow bei der Münchner Sicherheitskonferenz
Drachensteigen mit Modi, 12. Januar 2026
Ein Foto aus Indien allein bedeutet nichts. Entscheidend für unsere Klienten ist, wie viele belastbare Verträge zwischen deutschen und indischen Partnern in den kommenden Quartalen unterschrieben und welche Umsätze damit generiert werden. Die Indienreise des Kanzlers war ein notwendiger Schritt. Aber jetzt müssen Ergebnisse her. Erstens: Marktzugang. Wir brauchen zügig ein neues Investitionsschutzabkommen, damit deutsche Unternehmen wieder Planungssicherheit in Indien haben. Zweitens: Industrieprojekte. Aus den schönen Bildern müssen konkrete Joint Ventures und Aufträge z.B. bei Verteidigung, Digitalisierung und Raumfahrt werden. Mit verbindlichen Zielgrößen für Auftragsvolumen, lokale Wertschöpfung und Technologiekooperation. Drittens: Standortagenda für Deutschland. Wer Indien als Partner und Herausforderer ernst nimmt, muss zuallererst zu Hause z.B. Planungs- und Genehmigungszeiten halbieren, Strompreise für die Industrie durch Ausweitung des Angebots senken und Fachkräftezuwanderung entbürokratisieren. Sonst wandern Wertschöpfung und Unternehmen weiter ab. Auch nach Indien.
Georg Fuchs, Managing Partner bei Fuchs & Cie
