Die Regierung muss ihr Sommermärchen selbst schreiben

Fußball-WM 2026

Friedrich Merz fotografiert mit einem Smartphone im Wembley Stadion während des Spiels Borussia Dortmund gegen Real Madrid.
Friedrich Merz hat angekündigt, im Falle eines deutschen Finaleinzugs zum Spiel nach New York zu reisen. Foto: picture alliance/dpa | Tom Weller.

Gestern hat in den USA, Kanada und Mexiko eine Weltmeisterschaft begonnen, auf die das politische Berlin große Hoffnungen setzt. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte zuletzt bei „Caren Miosga“, ein gutes Abschneiden der Nationalmannschaft „hätte für Deutschland, für das Binnenklima, sicherlich eine große gute Wirkung“. Folgerichtig lockerte die Bundesregierung im März den Lärmschutz für die Turnierwochen, damit Kommunen auch spätabends Leinwände aufstellen und Fanmeilen genehmigen dürfen.

Die Hoffnung ist nicht naiv. Das Sommermärchen 2006 brachte einen unverkrampften, offenen Patriotismus; der WM-Titel von Rio 2014 berauschte das Land über Wochen. Dahinter steht ein gut belegtes Muster: Der „Rally-around-the-flag“-Effekt besagt, dass große, das ganze Land erfassende Ereignisse die Menschen vorübergehend hinter Nation und Regierung zusammenrücken lassen. Das kann eine WM sein oder – man verzeihe mir die Äpfel und Birnen – eine Naturkatastrophe oder gar ein Konflikt.

Auf diese Weltmeisterschaft können wir dieses Muster nur eingeschränkt übertragen. Allein schon die Mechanik dieses Turniers: Wegen der Zeitverschiebung fallen viele Anstoßzeiten in den späten Abend oder in die Nacht – das Institut der deutschen Wirtschaft warnt bereits vor schwächeren Gastronomie-Umsätzen und mühsamerem Public Viewing. Das auf 48 Mannschaften aufgeblähte Format streckt die Vorrunde und verwässert die Dramaturgie, die frühere Turniere so dicht erzählbar gemacht hat. Und der wichtigste Gastgeber ist diesmal ein Amerika unter Donald Trump, dessen Politik jedes Verbrüderungsgefühl sabotiert.

Deutschland steckt in einem realen Abstiegskampf

Der entscheidende Unterschied zu früheren Turnieren liegt aber im Zustand unseres Landes. Vor allem 2014 feierte eine im Kern selbstsichere Wohlstandsgesellschaft. Heute stehen viele Tausend Arbeitsplätze auf der Kippe und die demografische Schieflage bedroht nachhaltig unseren Reichtum. Deutschland steckt in einem realen Abstiegskampf.

Die Regierung wird um heikle Beschlüsse nicht herumkommen. Bleibt ihr wenigstens der alte Trick, sie im Schatten des Anpfiffs durchzubringen? Wir erinnern uns an die im WM-Sommer 2006 verabschiedete Mehrwertsteuererhöhung oder die in 57 Sekunden durchgewinkte Meldegesetz-Reform während des EM-Halbfinals 2012. Doch diese Kleinmanöver funktionieren diesmal nicht: Was die Koalition vorhat, ist eine umfassende Rosskur für 2026. Spätestens seit CSU-Chef Markus Söder verlangte, die großen Reformen müssten bis zum Sommer stehen – rechtzeitig vor den heiklen Landtagswahlen im Osten –, ist daraus eine selbst gesetzte Frist geworden.

Die Weltmeisterschaft fällt damit mitten in eine Bewährungsprobe, deren Ausgang völlig offen ist. Kommt die Nationalmannschaft weit, gewinnt die Koalition allenfalls Wochen, in denen weniger über ihre Probleme geredet wird. Das würde ihr dennoch keine einzige der schwierigen Antworten abnehmen. Ob aus diesem Sommer mehr wird als eine kurze Ablenkung, entscheidet am Ende nicht der Bundestrainer, sondern das Kabinett.