Sechs Monate hat man nichts vom Bundeskanzler a. D. Olaf Scholz gehört. Er selbst hat sich die Schweigepause auferlegt. Aber unlängst galt „jetzt spricht er!“, wie der Boulevard getitelt hätte. Natürlich hat Scholz aber nicht im Boulevard gesprochen, sondern in der altehrwürdigen „Zeit“. Die rang sich immerhin zum nicht boulevardesken, eher seitenstraßigen „Olaf Scholz meldet sich zurück“ durch.
Scholz sagte im Interview rückblickend etwas, was mich nachdenklich gemacht hat: „Mir ist aus der Betrachterperspektive noch deutlicher geworden, wie wenig man in der medialen Begleitung der Politik von dem mitbekommt, um das es wirklich geht.“ Als Beispiel nennt der Altkanzler die Migration. Dort sei es immer um Sprechverbote gegangen, aber nie um „konkrete Gesetzesvorhaben“.
„Mir ist aus der Betrachterperspektive noch deutlicher geworden, wie wenig man in der medialen Begleitung der Politik von dem mitbekommt, um das es wirklich geht.“
Das Scholz-Gespräch hat wenig Nachhall gehabt. Denn Deutschlands Medien waren damit beschäftigt, das Thema Rente zur High-Noon-Schießerei mit zahlreichen Teilnehmern (Merz, Bas, Klingbeil, Söder, junge Unionsabgeordnete und so weiter) hochzujazzen und sich über Sprechverbote bezüglich verwahrloster Städte in Brasilien zu erregen, statt konkrete Schritte des Klimagipfels, der dort stattfindet, zu diskutieren.
Liegt Scholz richtig?
Hat Scholz also recht? So einfach ist es nicht. Erstens sind viele politische Themen so trocken, dass man als Journalist fürchten muss, dass einem zwei von drei Lesern beim ersten Nennen von „Rentenpunkten“ oder vom „Nachhaltigkeitsfaktor“ von der Stange gehen.
Zweitens brockt sich die Politik die Debatten selbst ein. Sowohl im Wahlkampf als auch bei den Koalitionsgesprächen werden strittige und unangenehme Punkte unter den Teppich gekehrt. Es wird viel über das „was“ geredet und ungern über das „wie“. Das „wie“ wird aber spätestens akut, wenn es an die Umsetzung geht.
Regierende sollten vor dem Abschluss der Regierungsbildung sagen, was sie zu sagen haben.
Wenn Regierende also wollen, dass die Presse nicht das „Er sagt, sie sagt“-Theaterstück aufführt, dann sollten „er“ und „sie“ einfach schon vor dem Abschluss der Regierungsbildung sagen, was sie zu sagen haben. Manche Koalition, die geräuschvoll auseinanderzufliegen droht, käme dann vielleicht gar nicht zustande.
