Der Großmeister der Politik-Phrasen hat seinen Posten geräumt und bei uns Kommunikationstrainern eine unterhaltsame Lücke hinterlassen: Olaf Scholz ist nicht mehr Phrasenkanzler der Phrasenrepublik Deutschland. Das ist sprachlich und rhetorisch nicht unbedingt ein Verlust – aber Olaf Scholz hat durchaus Verdienste, die man würdigen sollte. Er ist der Meister der Projektionsbegriffe, jenem Sprach-Glutamat, was irgendwie immer passt: „Das ist ein sehr wichtiges Thema und wir sind uns der Verantwortung durchaus bewusst. Wir werden das besprechen und im Kabinett eine Entscheidung treffen. Diese Entscheidung wird eine gute sein und das teilen wir Ihnen dann auch zeitnah mit.“
Es ist das Maggi der Suppenküche. Passt immer – es darf nur nicht zu viel davon sein. Wer Sprach-Maggi braucht, ist bei Menschen wie Olaf Scholz gut und zuverlässig bedient. Wunderschön.
Projektionsbegriffe als Kommunikationskomfort
Sprachlich entspricht das der „einzigartigen Customer Experience“ auf PowerPoint-Folien, die man unverändert einem Controller, dem Marketing und dem Aufsichtsrat zeigen kann: Jeder liest das heraus, was er dort vermutet.
In unserem Alltag ziehen diese Sprach- und Sprechmuster an uns vorbei. Wir fühlen uns gut – denken aber nicht mehr darüber nach.
Floskelalarm: Politische Standardformulierungen
- „Wir sind uns der Verantwortung bewusst.“
- „Wir werden das im Kabinett besprechen.“
- „Wir ergreifen Maßnahmen.“
- „Wir übernehmen Verantwortung.“
- „Wir stehen fest an der Seite von …“
Masterfrage und Phrasenkiller: „Was bedeutet das denn konkret?“ Sie brauchen nur diese eine Frage, um ganze Kaskaden politischer Kommunikation auszuhebeln.
„Wir stehen fest an der Seite des iranischen Volkes.“ Und jetzt? Die Seite ist offenbar nicht im Iran, sondern in Berlin. Das ist eine sogenannte Glittering Generality – ein schön klingender Begriff, der positive Emotionen weckt, ohne zu erklären, was konkret gemeint ist: Geht es um Waffenlieferungen, wirtschaftliche Hilfe, diplomatischen Druck?
Das ist eine Versicherung ohne Police – warm ums Herz, aber ohne klare Konditionen.
Solche Phrasen packen große Solidarität in kleine Worte mit viel Schein, lassen aber oft die Frage im Raum stehen, was genau jetzt passiert und was nicht. In der Beratung sagen die Kommunikationstrainer ganz klar ihren Coaches: Das ist eine Versicherung ohne Police – warm ums Herz, aber ohne klare Konditionen.
Konkretion wirkt – egal wie man dazu steht
Zugabe gefällig? Gern: „Wir müssen weiterhin Verantwortung übernehmen“. „Wir verurteilen die Handlungen des iranischen Regimes aufs Schärfste“. – Die US-Amerikaner verlegen einen Flugzeugträger in die Region. Egal wie man dazu steht: Das wirkt ziemlich konkret.
Für erfolgreiche Politik-Phrasen bemühen wir das Wörterbuch der sprachlichen Zauberbegriffe als Ergänzung: „Freiheit“, „Fortschritt“, „Zukunft“, „Staatengemeinschaft“, „Allianz“, „Verantwortung“, „Märkte“ und vor allem: „Maßnahmen“!
„Wir ergreifen Maßnahmen“ – das ist zu fluffig, merkt jeder. „Wir ergreifen unbürokratische Maßnahmen“ – wirkt schon wesentlich aktiver oder?
Und jetzt greifen wir tief in die Adjektiv-Wunderkiste: „Wir ergreifen sofortige/unverzügliche/nachhaltige/umweltfreundliche/sicherheitspolitische/finanzpolitische/stützende/humanitäre Maßnahmen“ – und schon haben Sie 80 Prozent der täglichen Politik-Kommunikation absolviert.
Rücktritt als rhetorische Nebelkerze
Ein Klassiker der sprachlichen Augenwischerei ist der Satz „Ich übernehme die Verantwortung und trete zurück.“ Presse und Volk sind zufrieden, bei der Opposition schäumt der Dom Pérignon: Es hat jemanden erwischt und jetzt schauen wir nach vorne. Das klassische Bauernopfer – nur diesmal im Range einer Ministerin oder eines Ministers.
Falsch gedacht: Denn wer hatte die Verantwortung denn vor dem Rücktritt, mit dem die Verantwortung angeblich jetzt erst übernommen wird?
Erstaunlicherweise fragt selbst auf Pressekonferenzen niemand nach, wenn jemand mit dem Satz „Ich übernehme damit die Verantwortung“ schließt. Sicher: Ein Minister kann operativ nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sich jemand aus dem nachgeordneten Bereich bestechen lässt. Geschenkt. Aber mit der Übernahme des Amtes, hat er die Verantwortung. Für alles, was in seiner Behörde passiert. Was will er dann noch an Verantwortung übernehmen?
Im Grunde genommen hat jemand Chaos angerichtet und bevor er es korrigieren und aufräumen kann, zieht er die Tür hinter sich zu und geht. Vielleicht sogar zu einem lukrativeren Job in der Industrie.
Fake-Entschuldigungen und saubere Worte
Das „Ich übernehme die Verantwortung“ klingt wie ein letztes Aufbäumen, ein letzter Dienst an Volk und Staat und nach einem persönlichen Opfer. Mir wäre es lieber, wenn diejenigen, die die Verantwortung haben schleifen lassen, sich nicht durch Rücktritt aus der Affäre ziehen können – sondern dass sie lernen, ihren Mist auch weg- und aufzuräumen. Und dass diejenigen, die die Verfehlungen operativ begangen haben auch spüren mögen, dass da jemand mit viel Macht in der Behörde unheimlich sauer geworden ist.
Zugegeben, das mag nicht überall und immer so funktionieren. Aber es würde dazu führen, dass die Öffentlichkeit gelegentlich darüber nachdenkt, wo ein Rücktritt sinnvoll ist – und wo man jemanden zu leicht mit einem Rücktritt davonkommen lässt.
Für die Zurücktretenden wirkt der Rücktritt in Summe wie ein Befreiungsschlag. Absolut geschummelt – und auch ich rate gelegentlich in der Krise zu derartigen Formulierungen – ist die Formulierung: „Ich sehe mich seit einigen Wochen mit Vorwürfen konfrontiert, die ich nicht entkräften kann. Deshalb trete ich von meinem Amt zurück.“
Oh, da ist ein Haufen, der stinkt. Ich bedaure, dass es Ihre Nasen irritiert.
Merken Sie es? Hier sagt niemand: „Ich habe Mist gebaut und den räume ich jetzt weg“. Sondern sinnbildlich „Oh, da ist ein Haufen, der stinkt. Ich bedaure, dass es Ihre Nasen irritiert.“
Eine klassische Fake-Entschuldigung: Klingt wie ein Sorry, sagt aber nichts aus. Nicht: „Ich hab‘s gemacht und bin schuld“, sondern „Ich kann das nicht entkräften“. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Derartige Empfehlungen spreche ich auch aus und bin damit keinen Deut besser. Ich nutze es in Situationen, wo jemand (vielleicht auch juristisch korrekt) sich nichts hat zu Schulden kommen lassen (oder es sich nicht eingestehen möchte), die Öffentlichkeit aber nun eine Entschuldigung erwartet.
Merz, Sprache und Kommerz
Der DADA-Künstler Kurt Schwitters kuratierte in den 1920er Jahren eigene Texte, indem er aus Tageszeitungen Wörter ausschnitt, sie in einen Hut warf und dann per Zufall herauszog. Er wusste damals schon, wie es heute funktioniert.
Er nannte diese Collagen übrigens „Merzbilder“.
Das stammte aus einem Schnipsel des Wortes „Kommerz“– Kein Zufall, sondern programmatischer Akt: Aus dem Rest, aus dem Abfall der Sprache, wurde Kunst.
