Es ist eine jener Szenen, die sich ins kollektive Gedächtnis der Berliner Republik eingebrannt haben. Ex-Wahlkampfplaner Frank Stauss erinnert sich an den 10. Juni 2001, den Landesparteitag der Berliner SPD. Er sei damals als Beobachter vor Ort gewesen, in einer Phase extremer politischer Anspannung. Die Stadt sei nach dem Bankenskandal und dem Sturz Eberhard Diepgens im Aufbruch gewesen. Inmitten dieser Unruhe habe Klaus Wowereit jenen Satz ausgesprochen, der ihn weltberühmt machte: „Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“
Journalist Hajo Schumacher, der später gemeinsam mit Wowereit an dessen Biografie arbeitete, betont den „Erweckungsmoment“, den dieser Satz für die schwule Community in Deutschland dargestellt habe. Er fragt Stauss, warum die Partei diesen Moment so gefeiert habe. Stauss erklärt, dass selbst er, der den Wahlkampf begleitete und selbst schwul ist, im ersten Moment erschrocken gewesen sei. Niemand habe damals gewusst, wie sich ein solches Outing auf die Wählerstimmen auswirken würde. Dass dieser Halbsatz spontan fiel und nicht von Redenschreibern konzipiert worden war, macht ihn für Stauss umso bemerkenswerter.
Strategie des Schweigens oder Flucht nach vorn?
Die beiden Hosts blicken zurück auf die Zeit vor Wowereit, als Homosexualität in der Spitzenpolitik zwar gemunkelt, aber nie offen ausgesprochen wurde. Frank Stauss berichtet von einer Begegnung mit Barney Frank, dem damals wohl bekanntesten schwulen Politiker der USA. Dieser habe ihm bereits 1991 den Rat gegeben: „Get elected and then tell them.“ Man solle die Leute erst an sich gewöhnen, damit es ihnen später egal sei. Wowereit habe jedoch einen anderen Weg gewählt, getrieben von einer drohenden Schmutzkampagne bestimmter Medienhäuser.
Hajo Schumacher erinnert daran, dass mancherorts bereits „Enthüllungen“ vorbereitet worden seien. Wowereit habe sich entschieden, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen. Stauss merkt an, dass die SPD in den Umfragen damals zwischenzeitlich bei 35 Prozent gelegen habe, am Ende aber nur 30 Prozent erreichte. Ob dies direkt mit dem Outing zusammenhing, bleibe ein Geheimnis der Wahlkabine. Dennoch sei Wowereit eine Ikone geworden, die mehrfach wiedergewählt wurde – ein Beweis dafür, dass man in Berlin auch mit Authentizität gewinnen könne.
„Weil selbst ich, der sein Wahlkampf mitbegleiten durfte und ja schwul bin, selbst ich bin erschrocken, als er den Satz gesagt hat.“
Der Bogen in die Gegenwart führt die Hosts zu Bärbel Bas und ihrem Auftritt in der Sendung von Caren Miosga. Hajo Schumacher beschreibt, dass es „mehrere Bärbels“ gebe: die Arbeitertochter aus Duisburg, die Bundestagspräsidentin und die SPD-Politikerin. Frank Stauss zeigt sich beeindruckt von Bas’ Stolz auf ihren Hauptschulabschluss und ihren zweiten Bildungsweg. Dennoch sieht er sie in einer schwierigen Rolle, da sie als Sozialpolitikerin einen der größten Haushaltsetats verwalte und gleichzeitig den Sparzwängen unterliege.
Die innerparteiliche Schmerztherapie der SPD
Im Podcast thematisiert Frank Stauss eine interessante kommunikative Diskrepanz innerhalb der SPD. Er beschreibt einen Konflikt zwischen der Arbeits- und Sozialministerin, Bärbel Bas, sowie dem Finanzminister, Lars Klingbeil, die aus derselben Partei kommen und beide SPD-Vorsitzende sind. Während die eine Seite versuche, den Binnenkonsum anzukurbeln und Entlastungen von mindestens 500 Euro pro Jahr verspreche, müsse die andere Seite auf das Budget achten. Dieser „Konflikt“ zwischen Arbeiterführer-Attitüde und Haushaltstreue sei eine ständige Belastungsprobe für das Profil der Partei.
Hajo Schumacher zieht hier den Vergleich zu Franz Müntefering, der für ihn Maßstäbe als „Sozialonkel“ gesetzt habe, obwohl er gleichzeitig harte Reformen wie die Rente mit 67 durchsetzte. Stauss hält dagegen, dass Münteferings Reformen eigentlich ein „Genickbruch“ für die SPD war. Die Partei habe dieses Trauma nie ganz überwunden, zumal die Wähler sie 2009 massiv für die Anhebung des Rentenalters abgestraft hätten. Heute stehe die Koalition vor genau derselben Debatte, was die Kommunikation massiv erschwere.
„Auf der einen Seite musst du der Arbeiterführer sein oder die Arbeiterführerin, also die Interessen der sogenannten kleinen Leute verteidigen, auf der anderen Seite musst du auf den Haushalt achten, also auf die Gesamtausgaben.“
Ein weiteres Thema ist die überraschende rhetorische Wende von Friedrich Merz. Hajo Schumacher wundert sich über Merz’ jüngste Äußerungen in Mecklenburg-Vorpommern, wo dieser plötzlich den Merkel-Satz „Wir schaffen das“ zitiert habe. Schumacher analysiert dies als den Versuch eines neuen „Sounds“. Merz wolle weg von der reinen „Schmerztherapie“ und den permanenten Untergangsszenarien, so Stauss. Er versuche nun, Optimismus und den Glauben an die Innovationskraft Deutschlands zu vermitteln, um nicht nur als Bote schlechter Nachrichten wahrgenommen zu werden.
Die Normalisierung des Bösen in der Provinz
Besorgt zeigen sich die Hosts über die politischen Entwicklungen in Sachsen, speziell in Aue. Dort habe ein CDU-Kandidat nur knapp gegen einen Vertreter der „Freien Sachsen“ gewonnen. Hajo Schumacher berichtet von Meldungen, wonach dieser Herausforderer im Ort als „netter Kerl“ und „guter Nachbar“ wahrgenommen werde, obwohl seine politische Haltung eindeutig rechtsextrem sei. Er nennt diesen Prozess die „Normalisierung des Bösen“. Die Menschen vor Ort würden die radikalen Programme ignorieren, solange die Person im Alltag präsent sei – etwa im Sportverein oder beim Dorffest.
Frank Stauss ergänzt, dass diese Entwicklung symptomatisch für eine Gesellschaft sei, die keine Kompromisse mehr in sich selbst finde. Die Wähler suchten nach Parteien, die zu einhundert Prozent ihrer Meinung entsprächen, und seien sofort beleidigt, wenn dies nicht der Fall sei. Er sieht hier eine gefährliche „Nostalgie-Debatte“, die vor allem von rechts befeuert werde und das Land daran hindere, notwendige Schritte in die Zukunft zu gehen. Anstatt über technologische Offenheit zu schwadronieren, müsse man die Realitäten des Weltmarktes anerkennen.
„Der Kandidat der Freien Sachsen, der nun wirklich also Neonazi durch und durch [ist], [wird] überhaupt nicht als solcher wahrgenommen.“
Dass die deutsche Autoindustrie diesen Anschluss zu verlieren droht, belegen die Hosts mit drastischen Zahlen. Während Deutschland rund vier Millionen Autos pro Jahr produziere, seien es in China mittlerweile über 31 Millionen. Frank Stauss weist darauf hin, dass innerhalb der EU eine Minderheit von Staaten, darunter Spanien und Frankreich, den deutschen Kurs beim Verbrenner-Ausstieg kritisch sehe. Vor allem Spanien habe sich unter Marken wie Cupra längst massiv auf die Elektromobilität spezialisiert und wolle keine Unruhe durch nostalgische Debatten im Markt.
Welche bizarren Anekdoten Frank Stauss aus Robert Harris’ Cicero-Biografie über das Catering im alten Rom bereithält, warum Hajo Schumacher bei der „Berliner Blase“ und den dortigen Preisverleihungen an seine Grenzen stößt und welche Rolle ein abgehackter Fuß auf einer Buchpremiere spielt, wird im weiteren Verlauf deutlich. Auch die Frage, warum die „New York Times“ plötzlich über eine Bürgermeisterwahl im Erzgebirge berichtet, bleibt ein zentraler Moment der Analyse.
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