Die Macht des gesprochenen Wortes

Reschs Rhetorik Review

Bundeskanzler Friedrich Merz spricht bei der Eröffnung der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 im Hotel Bayerischer Hof.
Foto: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Ständig über andere zu sprechen, das ist ein kräftiges Indiz für einen rhetorischen Offenbarungseid. Und das ist deutlich zu beobachten in der gesamten europäischen Politik seit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump. Zwei Seismographen für den rhetorischen Umgang mit großen Herausforderungen sind die beiden Konferenzen, die den Jahresanfang bestimmen, nämlich das Weltwirtschaftsforum in Davos und die Münchner Sicherheitskonferenz.

Wir erinnern uns: im vergangenen Jahr. In München. JD Vance. Mit seiner Rede, bei der einem der Mund offen blieb ob der Angriffe und Schuldzuweisungen in Richtung Europa und Deutschland. Die Reaktion: ein rhetorisches Abarbeiten an den Provokationen von Vance. Alle haben nur über ihn gesprochen. Ein Sieg für seine Haudegen-Rhetorik.

Dabei gilt in der Rhetorik folgende goldene Regel: Solange man über die anderen spricht, führen eben auch die anderen – weil sie die Themen setzen. So kommt man rhetorisch nie aus der Defensive.

Das Gegenmittel: ein eigenes Narrativ

In meinen Coachings in der Wirtschaft stehen neue CEOs vor einer ähnlichen Herausforderung. Sie treten meist in die Fußstapfen großer Vorgänger. Und könnten sich ewig am großen Vorbild abarbeiten. Das Antidot: eine eigene Strategie. Ein eigenes Narrativ.

Dabei tut sich die europäische Politik traditionell schwer mit eigenen Strategien und eigenem Narrativ. Das letzte wirklich gestaltende Narrativ in Europa war möglicherweise genau jene Europa-Idee von Helmut Kohl. Und seitdem? Wenig.

Merz übernimmt die Führung

In diesem Jahr dann: ein Switch. Mark Carney, der kanadische Premier, der in Davos selbstbewusst und stark die Geschichte einer neuen Zukunft erzählt hat. Und nun, in München, Friedrich Merz. Starke Worte. Eine klare Zukunftsidee. Selbstbewusst. Gestaltend.

Das Resümee: Mehr davon! Mit Provokationen das Gesprächsthema diktieren, das gehört zur klassischen Taktik rhetorischer Kriegsführung. Trump & Co können das. Aber: Mit einer eigenen Idee, einer eigenen Vision, einem eigenen Narrativ, Zukunft zu formulieren, das ist das wirksamste Antidot gegen die rhetorische Manipulation von außen. Der macht-lahme Franzose Macron hat diese rhetorische Führung über Europa abgegeben. Merz hat übernommen. Gut so! Und wenn er schon dabei ist, könnte er bitte schnell auch für unser Land ein solches Zukunftsnarrativ entwerfen. Die Menschen und die Wirtschaft dürsten danach.