Die Diktatur des Gefühls: Warum uns die Echtheit von Bildern plötzlich egal ist

Serie über Desinformation

Zwei Männer stehen nebeneinander, ein Notizblock und ein Stift sind im Hintergrund sichtbar.
Desinformation setzt Journalisten unter Druck, ihre Arbeit gleichzeitig schnell und gewissenhaft zu tun. Fotos: Privat, Marco Urban

In diesem Gespräch fällt eine Anekdote, die mehr über den Zustand unserer digitalen Öffentlichkeit verrät als jede medienwissenschaftliche Studie. Es geht um das Bild eines weinenden Kindes, das während einer Flutkatastrophe gemeinsam mit einem kleinen Hund in einem Boot sitzt. Die Szene ist herzzerreißend – und sie ist komplett falsch. Eine künstliche Intelligenz hat das Bild erstellt. Als eine US-Politikerin, die sich zuvor noch lautstark über gefälschte Nachrichten echauffiert hatte, das Bild teilt und auf die Fälschung hingewiesen wird, reagiert sie unbeeindruckt. Es sei doch egal, ob das Bild echt sei oder nicht, verteidigt sie sich. Schließlich transportiere es genau das richtige Gefühl.

Es ist dieser fatale Vorrang der Emotion vor der Faktenlage, der das Gespräch zwischen dem Kommunikationsberater Marten Neelsen und seinem Gast Konrad Göke antreibt. In der neuen Podcast-Reihe „Fakten und Fakes“ suchen die beiden nach Wegen aus dem Dickicht der Desinformation. Göke, Chefredakteur von p&k, beobachtet die Mechanismen der digitalen Täuschung seit Jahren. Und er weiß: Der Kampf um die Wahrheit ist längst zu einem Kampf um die Deutungshoheit der Gefühle geworden.

Wie tief das Misstrauen in der Gesellschaft bereits verankert ist, zeigt ein Audio-Ausschnitt, der gleich zu Beginn der Folge eingespielt wird. In einer ARD-Fernsehsendung erklärt ein 19-Jähriger dem Moderator Ingo Zamperoni mit ruhiger Selbstverständlichkeit, der Krieg in der Ukraine sei „nur Show“. Die Eliten in den USA, Russland und Europa würden zusammenarbeiten, um der Bevölkerung Angst zu machen. Den Medien dürfe man ohnehin nicht vertrauen. Wer seinen eigenen freien Willen nutze, sehe das.

Geklaute Begriffe und die perfekte Illusion

Für Konrad Göke sind das vertraute Versatzstücke. Solche Erzählungen treten selten isoliert auf. Sie verweben sich zu einem geschlossenen Weltbild, das ironischerweise genau aus jenen Lügengeschichten und Märchen zusammengepuzzelt ist, vor denen die Betroffenen andere warnen. Doch wie spricht man über dieses Phänomen, ohne die Fronten weiter zu verhärten?

„Das klingt schon wieder so wie Oxford-Dissertation.“
— Konrad Göke über den Desinformationsbegriff

Schon bei den Begrifflichkeiten beginnt das Problem. Der Begriff „Fake News“ sei längst bis zur Unbrauchbarkeit verzerrt worden, analysiert Göke. Er verweist auf eine historische Taktik: Man müsse den Gegner sprachlos machen, indem man ihm seine eigenen Wörter wegnehme. Genau das habe Donald Trump getan, als er die etablierten Medien kurzerhand selbst zur „Fake News Media“ erklärte. Der präzisere Begriff wäre „Desinformation“, da er die bewusste Täuschungsabsicht einschließt. Doch Göke hadert mit dem Wort. Es sei sperrig. „Das klingt schon wieder so wie Oxford-Dissertation.“ Wenn man Labels auf Dinge klebe, die für die Menschen nicht fassbar seien, drehe man den eigenen Lautsprecher leiser.

Die Täter haben es da leichter, vor allem, weil sich die technischen Spielregeln drastisch verändert haben. Noch vor kurzem brauchte man Expertise, um ein glaubhaftes Bild zu fälschen. Heute genügt ein frei zugänglicher Chatbot. Um die drohende Ohnmacht zu illustrieren, erzählt der Chefredakteur von einem Selbstversuch. Er fütterte eine KI mit einem einzigen Foto von sich und ließ sich in verschiedene Berufe hineinrechnen. Eines der Bilder zeigte ihn als Piloten in einem Cockpit. Das Bild sah verblüffend echt aus. Doch Göke erkannte das eigentliche Problem: Er selbst wusste gar nicht, ob das Bild plausibel war. Woher sollte er wissen, ob die zahllosen leuchtenden Knöpfe im Hintergrund an der richtigen Stelle saßen? Um den Fake zu entlarven, hätte er einen echten Piloten gebraucht.

Wenn Klickzahlen die Sorgfalt schlagen

Genau hier, in dieser Lücke zwischen perfekter Illusion und fehlender Fachkenntnis, sieht Göke die künftige Kernaufgabe des Journalismus. Wenn Bilder und Videos nicht mehr intuitiv als Fälschungen erkennbar sind – weil die KI längst keine überzähligen Finger oder schwebenden Beine mehr produziert –, braucht es Übersetzer. Journalisten, die Experten befragen und deren Einordnung in eine verständliche Sprache zurückübersetzen.

Doch die Medienbranche steht sich dabei oft selbst im Weg. Die ökonomische Logik des Internets belohnt Geschwindigkeit, nicht Sorgfalt. Als sich auf Twitter die Falschmeldung vom Tod der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verbreitete, schrieben etliche Redaktionen die Nachricht ungeprüft voneinander ab. Wer bei Google News ganz oben landen will, greift nicht erst zum Hörer, um beim Verlag nachzufragen. Die staatsbürgerliche Pflicht trete in den Hintergrund, wenn die Zugriffsraten rufen.
Wie tief Tech-Konzerne eigentlich in der Verantwortung stünden – und warum Plattformen wie Meta oder YouTube sich ausgerechnet jetzt fast lautlos aus dem Faktenchecking zurückziehen –, ist nur einer der weiteren blinden Flecken, die in dem Gespräch aufblitzen. Neelsen und Göke streifen das skurrile Phänomen von Nutzern, die auf der Plattform X plötzlich hitzige Diskussionen mit der künstlichen Intelligenz „Grok“ über die Wahrheit führen, und berühren die Frage, wo juristisch die Grenze zur strafbaren Volksverhetzung verläuft. Es sind Spannungsfelder wie diese, die spürbar machen, wie unübersichtlich das Gelände bereits geworden ist – und die den Raum für die kommenden Episoden der Reihe öffnen.

Gegenwehr am Weihnachtstisch

Am Ende entlässt dieses Gespräch den Zuhörer mit einer unbequemen Erkenntnis. Es wird nicht den einen großen Hebel geben, der die Desinformation stoppt. Weder die stärkere Regulierung der Plattformen, noch automatisierte KI-Filter oder ein besserer Journalismus können das Problem allein lösen. Ein Teil der Verantwortung wandert unweigerlich zurück zu jedem Einzelnen. Etwa dann, wenn der berühmte „rechte Onkel“ bei der Familienfeier wieder eine abstruse WhatsApp-Nachricht vorliest. Die reflexhafte Gegenwehr mit echten Fakten mag mühsam sein. Doch sie ist notwendig in einer Zeit, in der die Lüge oft das schönere Bild liefert.

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