Der „Spiegel“ lag mit seinem Cover richtig – egal wem es nützt

Titelseite mit AfD-Spitzenkandidat

Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat, hält mehrere Ausgaben des "Spiegel" beim AfD-Familienfest in Sachsen-Anhalt.
Ihn hat es gefreut: AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund präsentiert die Spiegel-Ausgabe, die vor ihm warnt. Foto: picture alliance/dpa/Peter Gercke.

Bislang galt für AfD-Wahlkandidaten die Besenstiel-Regel: Gewählt wird die Partei, nicht die Person. Ulrich Siegmund beendet diese Ära. Damit verschiebt er die Bedeutung der Partei erheblich.

Der „Spiegel“ hat das zum Anlass genommen, Siegmund wenige Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt auf seinem Titel zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ zu erklären. Kritiker werfen dem Magazin vor, den AfD-Spitzenkandidaten damit größer zu machen und ihm unfreiwillig Wahlwerbung zu liefern. Siegmund selbst nennt den Titel inzwischen „sehr gute Werbung“ und inszeniert das Cover demonstrativ für seinen Wahlkampf.

Die Zustimmung zu diesem AfD-Kandidaten ist nicht mehr nur anonymer Denkzettel an Berlin. Sie ist die bewusste Entscheidung für Siegmund und für sein Umfeld potenzieller Minister mit Vergangenheit in einer verbotenen Neonazi-Organisation.

Dass die AfD das SPIEGEL-Cover als Trophäe instrumentalisiert, war vielleicht absehbar. Das darf nur kein Maßstab sein. Wer von einer Redaktion verlangt, ihre Arbeit danach auszurichten, was die Gegenseite daraus macht, ersetzt Nachrichten- durch Kampagnenlogik.

Relevanz bleibt als Maßstab

In der Konsequenz schreiben die Kritiker des Covers dem Magazin die Rolle eines politischen Akteurs zu. Und genau da möchte die AfD den Großteil der deutschen Medien ja ohnehin sehen.

Was einer Redaktion als Maßstab bleibt, ist Relevanz. Und relevant ist, was diese Titelgeschichte zeigt: der „Spiegel“ beschreibt die Person Siegmund mit dem, was zu ihr gehört. Der Artikel dazu ist kein journalistischer Scoop im klassischen Sinn, aber er liefert sehr wichtige Erkenntnis für die Zukunft: Die AfD sprengt das ihr bislang zugeschriebene Wählerpotenzial und hätte auch woanders noch Luft nach oben: Mit Kandidaten, die als Personen ziehen.