Es gab einen Moment, kurz bevor seine Reise in die USA begann, da zweifelte Rana Deep Islam am Sinn seiner Mission.
Der Unternehmensberater und Sozialwissenschaftler hatte sich für ein prestigeträchtiges Stipendium im Thomas-Mann-House in Los Angeles beworben. Sein Thema: Die Verantwortung der Wirtschaft für die Demokratie. Inspiriert von den massenhaften Protesten gegen Rechtsextremismus in Deutschland, wollte er im „Land der Freien“ erforschen, wie Unternehmen als Bollwerk der Demokratie fungieren.
Doch dann drehte sich der Wind. In den USA formierte sich unter Donald Trump eine aggressive „Anti-Woke“-Agenda, Gleichstellungsprogramme gerieten ins Visier, und die Stimmung schien zu kippen. Islam befiel der „Fellowship Blues“, wie er es im Gespräch mit Chefredakteur Konrad Göke nennt. War sein Thema noch relevant, oder jagte er einer Utopie hinterher, während die Realität bereits den Rückwärtsgang eingelegt hatte?
Die Antwort, die er in Kalifornien fand, war überraschend: Der Kampf ist nicht vorbei – er hat die Lautsprecher abgeschaltet.
Jenseits von Washington: Die „California Republic“ probt den Eigensinn
Wer aus der Ferne auf die USA blickt, sieht oft nur das politische Theater in Washington D.C. oder die polarisierten Schlagzeilen. Doch Rana Islam erlebte in Los Angeles eine andere Realität. Das Thomas-Mann-House, einst Exil-Zuflucht für den Literaturnobelpreisträger vor den Nazis, diente ihm als Observatorium für eine Gesellschaft, die sich nicht so leicht gleichschalten lässt.
Kalifornien, für sich allein die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, zeigt sich unbeeindruckt vom Getöse der Hauptstadt. Islam beschreibt eine tiefe Ambivalenz: Zwar sind Themen wie Budgetkürzungen und der Einsatz der Nationalgarde präsent, doch dominiert ein fast trotziger Lokalpatriotismus. Die „California Republic“ lässt sich ungern Vorschriften machen – schon gar nicht, wenn es um ihre ökonomische DNS geht. Diese Unabhängigkeit ist mehr als nur Folklore; sie ist der Nährboden für einen wirtschaftlichen Pragmatismus, der sich ideologischen Vorgaben widersetzt.
Das große Schweigen: Warum Diversity-Programme unsichtbar werden
Das vielleicht brisanteste Ergebnis von Islams Recherchen betrifft den sogenannten „Vibe Shift“ – die Annahme, US-Unternehmen würden aus Angst vor politischen Repressalien ihre Diversity-, Equity- und Inclusion-Programme (DEI) massenhaft einstampfen.
Islam verweist auf Studien, die ein anderes Bild zeichnen: Die Mehrheit der Unternehmen hält an den Programmen fest oder baut sie sogar aus. Aber sie tun etwas, das für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlich ist. Islam analysiert:
„Eine Studie ergab, dass die übergroße Mehrheit der Unternehmen ihre Diversity-Programme beibehält oder ausbaut. Aber die übergroße Mehrheit dieser Firmen redet nicht mehr darüber. Sie streichen die Bezugnahme auf Diversity aus ihrer öffentlichen Kommunikation, aus den Jahresberichten. Wir behalten die Vielfalt bei, aber wir reden nicht drüber.“
Es ist eine Strategie der Tarnung. Während eine kleine, lautstarke Gruppe libertärer Tech-Milliardäre um Elon Musk die öffentliche Wahrnehmung dominiert und den Eindruck eines Rechtsrucks der Wirtschaft erweckt, machen 90 bis 95 Prozent der Unternehmen einfach weiter wie bisher – nur leiser.
Die kühle Rechnung: Demokratie als Business Case
Warum knicken die Unternehmen nicht ein? Islam argumentiert, dass es hier nicht um linken Idealismus geht, sondern um harte ökonomische Vernunft. Diverse Teams und demokratische Strukturen sind schlichtweg profitabler.
Der Sozialwissenschaftler warnt davor, den ökonomischen Schaden von Populismus und Polarisierung zu unterschätzen. Er bezieht sich auf Untersuchungen des Ökonomen Moritz Schularick, die zeigen, dass populistische Regime langfristig immer zu wirtschaftlichen Einbußen führen.
Für Islam ist die Verknüpfung von demokratischen Werten und betriebswirtschaftlichem Nutzen der Schlüssel zum Verständnis der aktuellen Lage:
„Wir dürfen nicht vergessen: DEI und Nachhaltigkeitsprogramme sind nicht im luftleeren Raum vom Himmel gefallen. Sie hatten an ganz vielen Stellen eine pragmatische, utilitaristische Logik, weil sie Unternehmertum besser gemacht haben. […] Eine diverse Mitarbeiterschaft zu haben, hat ganz viele unternehmerische Vorteile, die man nicht einfach einstampfen kann, nur weil man denkt, es würde sich jetzt politisch so gehören.“
„Zombie Democracy“ und der Arbeitsplatz als letzte Bastion
Gegen Ende des Gesprächs wird der Ton ernster. Islam zitiert den Essayisten George Packer und dessen Konzept der „Zombie Democracy“. Während der Faschismus früherer Epochen auf Mobilisierung der Massen setzte, zielen moderne Autokratien auf Demobilisierung – auf Rückzug, Apathie und Schweigen. Genau hier sieht Islam die Gefahr, aber auch die Chance für Unternehmen.
In einer Zeit, in der sich Menschen aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen, bleibt der Arbeitsplatz einer der wenigen Orte echter sozialer Begegnung. Konflikte machen nicht an den Werkstoren halt. Führungskräfte können es sich nicht mehr leisten, unpolitisch zu sein. Wenn Unternehmen erkennen, dass eine liberale Demokratie die Geschäftsgrundlage ihres Erfolgs ist, könnten sie zu den entscheidenden Verteidigungsakteuren werden – nicht aus Moral, sondern aus Eigeninteresse.
Hören Sie das ganze Gespräch: Wie genau sich das Leben im legendären Thomas Mann Haus anfühlt, warum der Grenzbeamte am Flughafen für Islam zum Symbol der Hoffnung wurde und welche konkreten Lehren deutsche Manager aus der US-Situation ziehen können, erfahren Sie in der vollständigen Podcast-Folge.
