Die Zahlen sind für einen amtierenden Premierminister mehr als nur ein Warnschuss: Über 80 Parlamentarier haben sich bereits gegen Keir Starmers Verbleib im Amt ausgesprochen. Das ist die kritische Schwelle, ab der Labour-intern ein Neuwahlprozess für den Parteivorsitz eingeleitet werden kann. Doch Starmer steht nicht etwa unter Druck, weil er eine klare ideologische Richtung vorgibt, die auf Widerstand stößt. Sein Problem ist fundamentaler: Er wird von einer Welle der Verachtung mitgerissen, die eigentlich seinen Vorgängern galt.
Ein Sieg ohne Liebe
Der Machtwechsel im Jahr 2024 sei weniger ein leidenschaftliches Ja zu Labour, sondern ein verzweifeltes Nein zu den Tories gewesen, so London-Korrespondent Jochen Bittner im Podcast „Berlin Mitte Talk“. Nach 14 Jahren konservativer Regierung, geprägt von einem beispiellosen Chaos unter Boris Johnson und dem Kurzzeit-Experiment von Liz Truss, suchten die Briten nach Stabilität. Jochen Bittner beobachtet in Westminster jedoch, dass dieses Fundament bereits bröckelt. Starmer sei nun derjenige, der das „Establishment“ verkörpere, während er gleichzeitig von den Rändern her aufgerieben werde.
„Keir Starmer ist nicht im Amt, weil die Briten Labour so sehr lieben würden, sondern weil sie die Tories so verachteten.“
Dieser Mangel an echter Rückendeckung wird Starmer nun zum Verhängnis. Die jüngsten Kommunalwahlen haben gezeigt, dass die Wähler keine Berührungsängste mehr mit Alternativen haben. Während Labour in seinen traditionellen Hochburgen wie Wales – der Geburtskammer der Partei – massive Verluste hinnehmen musste, feiert Nigel Farage mit Reform UK Triumphe. Es ist eine Bewegung, die sich aus einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit speist, das Starmer mit seiner technokratischen Art kaum adressieren kann.
Das Gefühl der tiefen Unfairness
Wenn man in den ehemaligen Industrieregionen in Nordengland mit den Menschen spricht, begegnet einem ein „regelrechter Hass“, wie Bittner berichtet. Es gehe um die Kernfragen der Gerechtigkeit: Warum bekommen Zuwanderer Wohnungen, während die Kinder der Einheimischen sich keine Miete mehr leisten können? Warum erhalten Menschen, die nie ins System eingezahlt haben, eine schnellere Gesundheitsversorgung? Sowohl Labour als auch die Tories haben es über Jahrzehnte versäumt, diese Fragen der Globalisierung und Migration zu moderieren.
„Was die Linke über die letzten 25 Jahre versäumt hat, ist zwei riesige Themen anzusprechen: Was machst du in der Globalisierung, um deine nationale Arbeiterschaft zu schützen? Und wie kannst du einen großzügigen Sozialstaat erhalten, wenn du gleichzeitig Massenzuwanderung zulässt?“
Diese Lücke füllt Nigel Farage. Bittner sieht in Reform UK dabei weit mehr als nur eine rechtspopulistische Kopie der AfD. Die Partei gebe sich größte Mühe, Rassisten und Extremisten sofort auszuschließen, um für enttäuschte Tory- und Labour-Wähler gleichermaßen wählbar zu bleiben. Farage verstehe es, als „Unterhaltungsmaschine“ genau die Sprache der Pubs zu sprechen, während Starmer wie ein Fremdkörper wirke.
Die Radikalisierung am anderen Ufer
Doch die Gefahr für Starmer komme nicht nur von rechts. Auf der linken Seite graben ihm die britischen Grünen das Wasser ab. Bei denen solle man jedoch nicht an die deutsche Realpolitik von Annalena Baerbock oder Robert Habeck denken. Die britischen Grünen unter Zack Polanski haben sich zu einer „intersektional verrückten“ Kraft gewandelt, die zum Sammelbecken für die ehemaligen Anhänger von Jeremy Corbyn geworden sei.
„Die britischen Grünen haben mit den deutschen Grünen relativ wenig zu tun – zum Glück der deutschen Grünen. Diese Partei ist eine intersektional verrückte Partei.“
In Städten wie Manchester werde mit einem harten Linkspopulismus Wahlkampf gemacht, der sich weniger um Ökologie als vielmehr um Identitätspolitik und den Gazakrieg drehe. Bittner zitiert Beispiele von grünen Kandidaten, die offen Sympathien für die Hamas bekunden oder antisemitische Narrative bedienen. Für Starmer, der sich intensiv darum bemüht habe, die Labour-Partei nach der Ära Corbyn neu zu positionieren und die Antisemitismus-Vorwürfe während dieser Ära ernst nahm, stelle der Zuspruch für die Grünen eine erhebliche strategische Hürde dar. Er riskiere, Teile der jungen, urbanen Wählerschaft an eine politische Strömung zu verlieren, deren Weltsicht stark von der Unterscheidung zwischen Unterdrückern und Unterdrückten geprägt scheint.
Ein Premier aus dem Aktenschrank
Inmitten dieser Fliehkräfte wirkt Keir Starmer wie ein Mann, der in der Zeit stehengeblieben ist. Als ehemaliger Behördenchef und Jurist fehlt ihm die politische Statur, um eine Vision zu vermitteln, die über Paragrafen und Teleprompter-Reden hinausgeht. Bittner beschreibt den Premier in einem fast schon grausamen, aber präzisen Bild als jemanden, der die emotionale Reichweite einer Maschine hat.
„Er hat das politische Gespür eines Aktenschranks und die Rhetorik eines Chatbots.“
Das wird besonders dann problematisch, wenn die große Politik die Geldbörsen der Menschen erreicht. In Großbritannien sind variable Darlehen für Wohneigentum der Standard. Politische Instabilität schlägt sich hier unmittelbar in höheren Zinsen und damit weniger Geld für die Miete nieder. Wenn Starmer dann in einer programmatischen Rede über Studentenaustausch und die Rückkehr ins Herz Europas spricht, wirkt das auf Menschen, die um ihre Existenz bangen, wie eine Botschaft von einem anderen Planeten.
Keir Starmer versucht derzeit, sich auf das formale Verfahren zurückzuziehen und die Rebellen in den eigenen Reihen herauszufordern. Doch in einer Zeit, in der das politische System Großbritanniens keine sicheren Wahlkreise mehr kennt, könnte dieser juristische Starrsinn sein letzter Fehler sein. Das Land ist in Bewegung – und sein Premierminister scheint der Einzige zu sein, der noch immer festgewurzelt an einem Punkt steht, den die Wähler längst verlassen haben.
Hören Sie das Gespräch auf Spotify und Apple Podcasts.
