Axel Springers Glaubwürdigkeits-Dilemma

Krisenkommunikation

Vertrauen ist für die meisten Unternehmen einer der wichtigsten Reputationswerte. Im aktuellen „Digital News Report“ des Reuters Institute gaben die Befragten „Bild“ die schlechtesten Noten, wenn es darum geht, ob Nachrichten eines Mediums als glaubwürdig angesehen werden. Nur 23 Prozent halten „Bild“ für „trustworthy“. Die „Welt“ schneidet besser ab. Sie liegt bei 53 Prozent. Öffentlich zugängliche Zahlen für das Unternehmen Axel Springer gibt es nicht. Da bei Medienkonzernen die Marken das Image besonders stark prägen, ist davon auszugehen, dass Axel Springer insgesamt als wenig glaubwürdiges Unternehmen angesehen wird. Boulevardjournalismus hat seinen Preis.

„Boulevardjournalismus hat seinen Preis.“

Vor etwa einer Woche hat der Verlag bekannt gegeben, dass der ARD-Mann Helge Fuhst Vorsitzender der Chefredaktionen der Premium-Gruppe wird. In derselben Pressemitteilung verkündete Axel Springer, dass der bisherige Chefredakteur der „Welt“-Gruppe, Jan Philipp Burgard, seine Funktionen mit sofortiger Wirkung aus gesundheitlichen Gründen niederlege. Der schrieb zusätzlich auf Linkedin von einem „schweren körperlichen Zwischenfall“, den er auf dem Rückflug aus dem Urlaub erlitten habe. Die Ärzte hätten ihm geraten, sich mehr auf seine Gesundheit zu konzentrieren.

Bereits zum Zeitpunkt der Meldung gab es Gerüchte, dass etwas mit Burgard auf einer Weihnachtsfeier im Dezember vorgefallen sein könnte. In der Pressemitteilung von Axel Springer wurde darauf keinen Bezug genommen, was der Verpflichtung von Helge Fuhst auch einen Teil der Wirkung genommen hätte. Befeuert wurden die Gerüchte von „Correctiv“-Chefredakteurin Anette Dowideit, die lange für die „Welt“ tätig war und die Burgard 2024 schon einmal einen Artikel widmete, in dem sie dessen Verhalten gegenüber einer Frau während dessen Zeit beim WDR verarbeitete.

Die „New York Times“ berichtete als erstes über eine angebliche Untersuchung bei Axel Springer im Anschluss an die Weihnachtsfeier, ob sich Burgard unangemessen gegenüber Mitarbeiterinnen verhalten haben könnte. Der Journalist soll in dem Zuge intern geantwortet haben, dass er auf der Party getrunken habe und sich nicht mehr erinnern könne. Das Portal „Medieninsider“ berichtete zudem von Erzählungen, dass Burgard mit einer Mitarbeiterin „intim“ geworden sei, betont aber, dass es keine Hinweise gebe, dass eventuelle Küsse nicht einvernehmlich gewesen sein könnten. Axel Springer erklärt, Hinweisen auf ein angebliches Fehlverhalten nachgegangen zu sein. Diese hätten sich nicht erhärtet. Beschwerden habe es auch keine gegeben.

Anwalt will gegen Medien vorgehen

Unabhängig davon ist Jan Philipp Burgard seinen Job als Chefredakteur los. Einen Medienanwalt hat er bereits in die Spur gebracht. „Ich werde für meinen Mandanten mit allen rechtlichen Mitteln gegen diese Verleumdungskampagne vorgehen“, zitiert unter anderem der „Tagesspiegel“ den Anwalt mit Verweis auf dpa. Es dürfte bei den Warnschreiben vor allem darum gehen, Medien vor weiteren Recherchen abzuschrecken und die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung generell in Zweifel zu ziehen.

Natürlich berichten Leitmedien trotzdem. Der „Spiegel“ schreibt zum Beispiel: „Der Anwalt von Jan Philipp Burgard hält indes daran fest, dass die Gesundheit seines Mandanten allein der Grund für den Rückzug als Chefredakteur sei.“ Einige Absätze vorher berichtet das Magazin mit Verweis auf Aussagen von Mitarbeitern allerdings: „Burgard habe, soweit von außen beurteilbar, nicht krank gewirkt.“ Er habe gearbeitet und an wichtigen beruflichen Terminen teilgenommen. Auch auf dem TV-Bildschirm war er in dem besagten Zeitraum zu sehen.

Mit anderen Worten: Es gibt Zweifel daran, dass allein gesundheitliche Gründe dafür ausschlaggebend dafür waren, dass Burgard seinen Job aufgab. Hinzu kommen die zeitlichen Abläufe: Bereits zum Zeitpunkt des vermeintlichen gesundheitlichen Zwischenfalls dürfte festgestanden haben, dass Helge Fuhst zur Premium-Gruppe wechselt. Inwieweit das Burgards Rolle geändert oder seinen Abschied bedeutet hätte, ist unklar.

Interessenlage und mögliche Folgen

Der Journalist und Axel Springer dürften jetzt ein Interesse daran haben, dass die Berichterstattung sich nicht in die Länge zieht und Recherchen eventuell sogar noch weitere Ansatzpunkte für potenzielles Fehlverhalten im Unternehmen liefern.

Möglicherweise schläft das mediale Interesse an der Causa ein, weil Burgard nicht die Bekanntheit wie andere Journalisten aus dem Hause Axel Springer besitzt. Einvernehmliche Küsse auf einer Weihnachtsfeier taugen nicht als Skandal. Das wäre das optimale Szenario für die Beteiligten.

Wollen Burgard und Axel Springer einen Beitrag leisten, die Spekulationen über den Abschied zu beenden, bliebe ihnen die Möglichkeit, selbst mehr Details über die Hintergründe bekannt zu machen. Es wäre die Flucht nach vorne. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Weihnachtsfeier und Burgards Rückzug als Chefredakteur? Hätte Burgard trotz der Verpflichtung von Helge Fuhst noch eine Führungsrolle in der Redaktion spielen sollen? Wie steht es um seine Gesundheit? Sagen, was ist, hat sich in der Krisenkommunikation schon häufiger bewährt.

„Sagen, was ist, hat sich in der Krisenkommunikation schon häufiger bewährt.“

Um die Glaubwürdigkeit von Axel Springer mag es nicht zum Besten bestellt sein. Allerdings glaubt die Öffentlichkeit auch gerne, was sie glauben will, wenn etwas ins Gesamtbild passt und Vorurteile sich bestätigen.

Ein betrunkener Chefredakteur, der auf einer Weihnachtsfeier mit einer Kollegin rumgeknutscht hat – das klingt so realistisch, dass man es Axel Springer ohne Weiteres abnehmen würde. Das Unternehmen könnte der Öffentlichkeit zudem zeigen, dass die Führung bereits im Ansatz bei Compliance-Themen nicht wegschaut. Die Details von der Weihnachtsfeier sind sowieso in der Welt.

Am Ende bleibt die Gesundheitsfrage

Die Frage ist, inwieweit Burgard Auskunft zu seinem Gesundheitszustand geben will. Er hat sich jedenfalls in eine unglückliche Lage gebracht. Dass Medien Zweifel an gesundheitlichen Ursachen als alleinigen Grund für seinen Rückzug haben würden, hätte ihm eigentlich klar sein müssen. Die Gerüchte über die Weihnachtsfeier hatten sich bereits verbreitet. Was hat er erwartet? Dass kein Medium das thematisieren würde?