Hagel, Blitz und Shitstorm

Manöverkritik

Foto: picture alliance/dts Agentur

Juli 2021, Biergarten, erstes Treffen mit den Schwiegereltern in spe. Der Vater schaut kurz auf sein Handy, runzelt die Stirn. „Habt ihr gesehen, was Laschet macht? Der steht im Flutgebiet und lacht.“ Empörung am Tisch. Kopfschütteln. Ich bestelle eine Flasche Crémant. „Leute“, sage ich, „jetzt könnten wir diese Wahl wirklich gewinnen.“

Nicht wegen eines Lachers. Sondern weil dieser Lacher perfekt zu dem Mann passte, an dem viele schon zweifelten: Hat Armin Laschet die Gravitas für das Kanzleramt? Ein Shitstorm entwickelt seine Wucht meistens erst dann, wenn er zu einem Bild passt, dessen Umrisse vorher schon erkennbar waren.

Manuel Hagel & rehbraune Augen

2026, Baden-Württemberg. Anderer Kandidat, ähnliches Muster.

CDU-Mann Manuel Hagel war von Anfang an der unbekannte, unbeliebtere Kandidat mit wenig Erfahrung. In die letzte Wahlkampfphase knallt das Video über Schülerin Eva mit den „rehbraunen Augen“. Dann die Erklärung, seine Frau habe ihm dafür „den Kopf gewaschen“. Und kurz darauf ein Schulbesuch, bei dem er den Treibhauseffekt mit dem Ozonloch verwechselt und eine Lehrerin anpfeift.

„Ein Shitstorm entwickelt seine Wucht meistens erst dann, wenn er zu einem Bild passt, dessen Umrisse vorher schon erkennbar waren.“

Jeder dieser Momente für sich genommen wäre vermutlich kein politisches Erdbeben gewesen. Zusammen ergaben sie jedoch ein Muster. Plötzlich wurde jede neue Szene zur Bewährungsprobe. Jedes Interview, jeder Auftritt, jedes Video wurde daraufhin gelesen, ob es den entstandenen Eindruck bestätigt. Das Bild schärfte sich immer mehr: Hagel wirkt unsympathisch, unsouverän und inkompetent.

Kampagne & Kippunkt

Die Stimmung war gekippt. Jeder, der einen guten Gag parat hatte, postete ihn – weil klar war: Das trifft den Ton. Das gibt Reichweite. Mitleid habe ich nicht. Wenn die freundliche Filialleiterfassade schneller bröckelt, als ich ein Glas Crémant trinken kann, dann liegt das Problem nicht bei einer angeblichen „Hetzkampagne“. Dann liegt es beim Kandidaten.

Cem Özdemir hat die Wahl knapp gewonnen. Hagels Kipppunkt hat sie sicher nicht entschieden. Aber sie festigte eine bestehende Situation: Özdemir war während des gesamten Wahlkampfs der deutlich bekanntere – und beliebtere – Kandidat. Bei Landtagswahlen gilt: Die Person ist wichtiger als die Partei. Die CDU war sich einfach zu sicher, dass sie gewinnen würde. Sie war zu zahm, zu bräsig, zu träge.

Und Hagel hatte am Ende das Schlimmste erreicht, was einem Politiker passieren kann: Die Leute interessierten sich für ihn – aber nur noch, um zu sehen, was er als Nächstes falsch macht.

Mut & Therapie

2026 ist Superwahljahr. Was lässt sich aus diesem Fall lernen? Im Kern eine unbequeme Wahrheit: Viele Politiker scheitern nicht an ihren Feinden. Sie scheitern daran, dass sie sich selbst nicht kennen.

Das fängt strategisch an. Wer ist man in der Wahrnehmung der Wähler – und warum? Zu unerfahren, zu unbekannt? Zu abgehoben oder zu hemdsärmelig? Verbindet man die Leute mit einem mit dem falschen Thema, oder haben sie schlicht kein Vertrauen?

„Viele Politiker scheitern nicht an ihren Feinden. Sie scheitern daran, dass sie sich selbst nicht kennen.“

Aber die schwierigeren Fragen sind die persönlichen. Wie reagiere ich, wenn es eng wird – aufbrausend oder eingefroren? Was tue ich instinktiv, um mein Selbstbild zu schützen? Kämpfe ich, oder verliere ich die Nerven? Wer diese Fragen nicht ehrlich beantworten kann, läuft blind in seinen eigenen Kippmoment.

Was es braucht, um das zu ändern? Mut, Ehrlichkeit – und einen verdammt guten Therapeuten.