Mit anderen Augen – Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt

Preis

24.90€

Verlag

Dietz-Verlag

Autor

Peter Brandt

Magazin

Noch ein Buch über Willy Brandt? Muss das sein? Bereits über 30 Publikationen, größtenteils Neuauflagen, widmen sich im Jubiläumsjahr – Brandt wäre am 18. Dezember 100 Jahre alt geworden – dem „Kanzler der Herzen“. Nun also eine weitere, sie trägt den Titel „Mit anderen Augen“.


Der Autor des Buches heißt ebenfalls Brandt – und das ist kein Zufall, denn es handelt sich um Willy Brandts ältesten Sohn Peter, seines Zeichens Geschichtsprofessor an der Fernuniversität Hagen. Der 65-Jährige unternimmt auf fast 300 Seiten einen gewagten Versuch: Er will seinen Vater aus zwei unterschiedlichen Perspektiven beurteilen, als Sohn und als Historiker. Kein leichter Spagat.


Rücktrittsdrohung


Vor allem die Schilderung der Privatperson Willy Brandt ist interessant, denn hier erfährt der Leser spannende Details. Die Beziehung zu seinem Vater beschreibt Brandt Junior als intakt; jedoch wird deutlich, dass er sich von ihm mehr Zuneigung und Orientierungsangebote gewünscht hätte. „Er war sicherlich nicht das, was man einen Familienmenschen nennt“, urteilt der Sohn. Kritik, auf die jedoch schnell wieder versöhnliche Töne folgen. Überhaupt: Peter Brandt ist meistens darum bemüht, seinen Vater in einem positiven Licht erscheinen zu lassen.


So auch in dem kurzweiligen Kapitel, in dem es um die Studentenzeit des ältesten Brandt-Sprösslings in den sechziger Jahren geht. Peter Brandt, zeitweise sogar Trotzkist, nahm damals an einer der ersten nicht genehmigten Vietnam-Demonstrationen teil. Sein Vater bekam davon Wind, stellte ihn daraufhin zur Rede und drohte sogar mit Rücktritt von seinen Ämtern, falls der Sohnemann seine Aktivitäten fortführe. Eine solch drastische Reaktion seines Vaters beschreibt Peter Brandt jedoch als Ausnahme. Vielmehr rühmt er eine große Stärke seines Vaters, die sich im Umgang mit der protestierenden Jugend zeigte: die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.


Kein Suchttrinker


In seinem Buch nimmt Peter Brandt zudem Stellung zu einigen hartnäckigen Gerüchten, die sich um seinen Vater ranken. Er gesteht ein, dass sein Vater dem Alkohol zugesprochen habe, jedoch sei er kein Suchttrinker gewesen. Auch depressiv war Willy Brandt in den Augen seines Sohnes nicht, davor habe ihn seine „mecklenburgische Schwermütigkeit“ bewahrt. Und wie war das mit den Frauen? Hier widerspricht der Brandt-Sohn ebenfalls dem öffentlichen Bild, das seinen Vater als hemmungslosen Schürzenjäger zeichnet. Er selbst wisse nur von zwei ernsthaften außerehelichen Beziehungen.


Sohn und Historiker


Der Historiker Peter Brandt sieht insbesondere die Leistungen des Politikers Willy Brandt als Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission zu wenig gewürdigt. Gerade in dieser Rolle jedoch seien dessen menschliche und politische Begabungen am besten zur Geltung gekommen.
Doch die wissenschaftliche Sichtweise kennt nicht nur lobende Worte: Kritik gibt es beispielsweise am Radikalenerlass und der Nominierung von Margarita Mathiopoulos zur Parteisprecherin, die schließlich zum Rücktritt Brandts vom Parteivorsitz führte.


Alles in allem gelingt Peter Brandt der Balanceakt – gleichzeitig als Sohn und Wissenschaftler aufzutreten – recht gut. An manchen Stellen hätte man sich noch mehr den Sohn und weniger den Historiker gewünscht. Zudem ist die Sprache manchmal etwas umständlich, etwa wenn der Autor erklärt, er sei „sine ira et studio aufrichtig um Erkenntnis bemüht“. Dennoch ist das Werk durchaus bemerkenswert, es lebt von manch aufschlussreichen Anekdote und der ganz eigenen Brandt-Perspektive.

(von Felix Fischaleck)

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