Keine Experimente

Preis

22.90€

Verlag

Kein & Aber Verlag

Autor

Markus Feldenkirchen

Magazin

Das Buch beginnt wie ein Krimi. Der konservative Bundestagsabgeordnete Frederik Kallenberg ist verschwunden, auf seinem Schreibtisch im Büro liegt ein Abschiedsbrief mit nur vier
Worten: „Alles hat seine Zeit“; den Federhalter hat er fein säuberlich auf den oberen Rand des Papiers gelegt. Bald darauf tauchen Gerüchte auf: Der verheiratete Familienpolitiker, der für die Einführung des Müttergeldes kämpfte, soll eine Geliebte aus der links-alternativen Szene gehabt haben und obendrein einen handfesten Streit mit der Kanzlerin.
Doch das zweite Buch von „Spiegel“-Redakteur Markus Feldenkirchen ist kein Polit-Krimi, sondern ein empfindsamer Gesellschaftsroman. Er erzählt vom politischen Aufstieg und Fall eines Jungen aus dem Sauerland. Aufgewachsen im Schatten der katholischen Kirche, der Vater ein Taugenichts, die Mutter eine „Dorfschlampe“. Mit zwölf Jahren entwickelt Frederik seine ersten Zwangsneurosen, die ihn hauptsächlich nachts beherrschen. Das Martyrium hört erst auf, als er sich Pfarrer Schmiedebach anvertraut.


Provinzielle Tristesse


Irgendwann hat der junge Frederik nur noch einen Wunsch: Nicht so sprachlos und rhetorisch hilflos zu werden wie sein Vater, der sich irgendwann ganz den Besuchen in der Dorfkneipe verschreibt. Und so sieht Frederik ein Treffen der Jungkonservativen, zu dem ihn ein frühreifer Mitschüler eines Tages mitnimmt, als ein Zeichen des Himmels für eine besser Zukunft.
Feldenkirchens zweiter Roman „Keine Experimente“ besticht aus drei Gründen: Erstens beschreibt er die provinzielle Tristesse des Schauplatzes („An manchen Tagen war das Sauerland eine einzige Einladung, sich das Leben zu nehmen.“) derart eindringlich, dass dem Leser ein Besuch dieser Gegend in nächster Zeit schwerfallen dürfte.
Er sei extra zwei Wochen ins Sauerland gefahren, um sich alles anzuschauen, sagte der 38-Jährige in einem Interview mit dem „Deutschlandradio“. Die teils bitterbösen Kommentare über das Sauerland sind also keine heimliche Abrechnung mit seiner eigenen Heimat, Bergisch Gladbach nahe Köln.


Verstecktes Merkel-Porträt


Zweitens enthält der Roman ein verstecktes Porträt der Kanzlerin, mit der die fiktive Figur Kallenberg eine längere Unterredung über konservative Werte im Wandel hat („Wenn wir uns so richtig schön treu geblieben wären, dann wären wir noch heute gegen die Demokratie.“) und die ihm interessanterweise einen Eierlikör zur Begrüßung anbietet.
Köstlich sind zudem Feldenkirchens Einlassungen über eine Ikone der Emanzipation namens Dagmar Kappler, die Kallenberg bei einem Polit-Talk geradezu niedermetzelt. Man braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen, von welcher realen Person der Autor sich dabei hat inspirieren lassen.


Brechreiz der Ernüchterung


Und drittens und das ist zugleich der wichtigste Grund: Kein Gefühl, kein Gedanke und keine Denkstruktur des „Willy Brandts der Konservativen“, wie Kallenberg in den Medien oft genannt wird, bleiben dem Leser unerklärt. Das Buch könnte genauso gut den Titel „Sozialisation eines Konservativen“ tragen, so akribisch beschreibt der Autor das Seelenleben seiner Hauptfigur; ein Held, der mit einem richtig guten Gefühl nach Berlin gekommen ist, um etwas zu bewegen, und der am Ende von dem Gefühl der Ernüchterung mit solcher Wucht übermannt wird, dass er sich im Vorgarten der Kanzlerin fast übergeben muss.
Die innere Zerrissenheit des konservativen Idealisten wird noch verstärkt durch den Gegensatz seiner eigenen moralischen Grundsätze und der Anziehungskraft einer jungen Studentin, die das genaue Gegenteil seines Lebensentwurfes verkörpert.
Er wolle erzählen, wie dieser Kerl so geworden ist, sagt Feldenkirchen. Das ist ihm gelungen.
(von Christina Bauermeister)

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