Bildersturm aufs Bauhaus? Wie die AfD kulturpolitische Manipulation begeht

DIe Bauhaus-Debatte der AfD

Ein älterer Mann mit Brille und Kamera lächelt vor dem Bauhaus-Gebäude mit großen Fenstern und einem roten Eingang.
Auf die Bauhaus-Kunst sollte man in Sachsen-Anhalt stolz sein, kommentiert Kolumnist Tom Buschardt die von der AfD losgetretene Debatte. Foto: Lars Buschardt, Bearbeitung: Quadriga Media

Irgendwo hinten. Punkt 8 von 10. Und es sind auch nur vier Sätze, mit Kommata und korrekter Rechtschreibung, aber die sollten wir uns einmal genauer anschauen. Die AfD in Sachsen-Anhalt hat sich – ohne jegliche Not oder Notwendigkeit – das Bauhaus als Feindbild vorgenommen. Bauhaus. Das mit der Architektur und dem Design. Nicht das Bauhaus mit Rasenmähern, Presspanplatten und Dübelschrauben. Bauhaus mit Max Bill, Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Oskar Schlemmer und vielen anderen.

Damit wir alle auf dem gleichen Stand sind, ein Auszug aus dem 100 Tage-Sofortprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt:

„8. DEUTSCH DENKEN! Die Landesregierung betreibt unter dem Titel #moderndenken eine Imagekampagne, die versucht, aus dem Bauhaus die Identität des Landes Sachsen-Anhalt abzuleiten. Dabei war gerade diese Architekturschule immer bestrebt, jedes Anzeichen von nationaler Verwurzelung zu vermeiden. Die AfD Sachsen-Anhalt setzt dem eine #deutschdenken-Kampagne entgegen, die darauf hinweist, dass Sachsen-Anhalt Wesentliches zur Entwicklung der deutschen Nation beigetragen hat. Unsere Kampagne #deutschdenken wird die schönsten Beispiele deutscher Geschichte, die Sachsen-Anhalt zu bieten hat, verknüpfen und selbstbewusst herausstellen.“

Bauhaus ist ein Paradebeispiel für deutsche Leistungsfähigkeit

1925 zog das Bauhaus von Weimar (Thüringen) nach Dessau (Sachsen-Anhalt) um. Walter Gropius errichtete dort mit dem Bauhausgebäude einen der einflussreichsten Bauten der Moderne überhaupt. Inzwischen UNESCO-Weltkulturerbe. Die Meisterhäuser, in denen Wassily Kandinsky, Paul Klee, László Moholy-Nagy und Lyonel Feininger lebten und lehrten, stehen bis heute in Dessau. Wer also fragt, was Sachsen-Anhalt der deutschen Nation und der Welt geschenkt hat, braucht nur nach Dessau zu fahren und durch die Stadt zu laufen. Wer als Landesbewohner das Bauhaus nicht als sachsen-anhaltische Identität begreift, kennt die kulturelle DNA seines eigenen Bundeslandes nicht.

„Wer als Landesbewohner das Bauhaus nicht als sachsen-anhaltische Identität  begreift, kennt die kulturelle DNA seines eigenen Bundeslandes nicht.“

Das Bauhaus-Konzept war die deutsche Innovation schlechthin. Gropius, Mies van der Rohe, Marcel Breuer, Anni und Josef Albers, Marianne Brandt, Gunta Stölzl und Oskar Schlemmer entwickelten eine kompromisslos einzigartige Formensprache, die Design, Architektur und Kunst des gesamten 20. Jahrhunderts prägte. Egal ob Sitzmöbel oder Wohnhaus. Wer deutsche Leistungsfähigkeit feiern will, findet im Bauhaus ein Paradebeispiel – nicht dessen Gegenteil. Auf das Bauhaus sollte man in Sachsen-Anhalt so stolz sein wie wir Kölner auf unsere dicke Bahnhofskapelle.

Manipulierte Kunstfreiheit ist manipulierte Gesellschaft

Wer allerdings dem Bauhaus „mangelnde nationale Verwurzlung“ vorwirft, bewegt sich auf historisch allzu bekanntem Terrain, denn genau diese Anklage erhoben bereits die Nationalsozialisten, die das Bauhaus letztlich zur Selbstauflösung zwangen. Bauhaus galt damit als „entartet“ und „kulturbolschewistisch“. Tatsächlich gab es einige überzeugte Kommunisten im Bauhaus. Die Legende vom unpolitischen Bauhaus ist daher ebenso falsch wie die Behauptung, es sei eine rein kommunistische Kaderschmiede gewesen.

Dass die AfD 90 Jahre später fast wortgleich gegen das Bauhaus argumentiert, ist die Wiederholung einer Rhetorik, die in der kulturellen Debatte bereits krachend gescheitert ist.

„Dass die AfD 90 Jahre später fast wortgleich gegen das Bauhaus argumentiert, ist die Wiederholung einer Rhetorik, die in der kulturellen Debatte bereits krachend gescheitert ist.“

Gescheitert an der Wirkungsmacht genau jener Ideen, die sie auslöschen wollte. Das Bauhaus hat überlebt (Stand: heute), seine Verfolger nicht.

Das Bauhaus suchte nach einer Formensprache, die Funktion, Material und Mensch verband – unabhängig von jeglicher Herkunft. Das ist kein Mangel an Verwurzelung, sondern eine andere Sichtweise: Verwurzelung in Handwerk, in Bildung, in gesellschaftlicher Verantwortung. Nicht in seiner Abstammung. Wer daraus ein Identitätsdefizit konstruiert, verwechselt Heimatverbundenheit mit Abschottung. Sachsen-Anhalt braucht keine Kampagne, die sich an Kandinsky. Klee und Schlemmer. abarbeitet, um „deutsch“ zu wirken. Es hat mit den gesamten Bauhaus-Akteuren bereits einen kulturellen Ort von Weltrang. Das Bauhaus wirkt deshalb wie eine Form kultureller Außenpolitik. Internationale Besucher, Hochschulen, Museen und Forschungseinrichtungen kommen über das Bauhaus mit Dessau und Sachsen-Anhalt in Kontakt. Das Land verfügt damit über eine Kulturmarke, die weder künstlich erfunden noch durch eine Werbeagentur aufgeblasen werden musste. Sie ist historisch gewachsen und global anerkannt.

Wenn eine Gesellschaft totalitär verändert werden soll, dann muss man an die Kunstfreiheit ran. Und angesichts der Bauhaus-Debatte, die die AfD angestoßen hat, ist auf der anderen Seite schnell vom Bildersturm die Rede. Doch ein Bildersturm erfolgt heute subtiler als mit einer öffentlichen Bücher- und Bilderverbrennung, wie die Nationalsozialisten es uns vorgemacht haben. Man sollte deswegen nicht behaupten, eine absehbare Kürzung der Fördermittel bei einer AfD-Regierung sei automatisch dasselbe wie nationalsozialistische Kulturpolitik. Diese Gleichsetzung wäre historisch zu grob und politisch wohlfeil.

Wie man die Gesellschaft umbaut

Aber eine strukturelle Warnung ist durchaus angebracht: Zunächst stellt man eine Kunstbewegung als fremd, wurzellos oder schädlich dar und bestreitet ihre gesellschaftliche Legitimität. Anschließend wirft man Fragen nach ihrer Finanzierung auf und verlangt eine inhaltliche Neuausrichtung. Kulturelle Einrichtungen geraten dann unter den Druck, sich politisch anzupassen.

Gerade weil diese Mechanismen historisch bekannt und aus heutiger Sicht sehr transparent sind, muss eine Demokratie früh reagieren. Sie kann nicht sagen, davon nichts gewusst zu haben.

„Gerade weil diese Mechanismen historisch bekannt und aus heutiger Sicht sehr transparent sind, muss eine Demokratie früh reagieren. Sie kann nicht sagen, davon nichts gewusst zu haben.“

Die „Stiftung Bauhaus Dessau“ ist eine Stiftung des öffentlichen Rechts. Eine AfD-Landesregierung könnte deshalb nicht völlig geräuschlos über das Bauhaus verfügen. Haushaltsrecht, Stiftungsgesetz, Kunstfreiheit, Gleichbehandlungsgrundsatz, Bundesbeteiligung, Gerichte und (hoffentlich auch) internationale Aufmerksamkeit setzen solchen Plänen Grenzen. Artikel 5 des Grundgesetzes schützt die Kunstfreiheit, Artikel 36 der Landesverfassung verpflichtet Sachsen-Anhalt zudem, Kunst und Kultur zu schützen und zu fördern. Doch wie sieht dieser Schutz genau aus?

Fakt ist: Diese Sicherungen verhindern nicht jede Kürzung.

Sachsen-Anhalt hat viel zu bieten: Martin Luther, Hans-Dietrich Genscher, Otto von Bismarck, Georg Friedrich Händel, Gurt Weill, Didi Hallervorden, Erich Ollenhauer, Friedrich Nietzsche und sogar Kai Pflaume und Susanne Daubner. Aber halt auch das Bauhaus, über dessen Existenzberechtigung eine Diskussion zu führen so überflüssig ist, wie ein Pickel. Sachsen-Anhalt bräuchte sich kulturell und politisch wirklich nicht zu verstecken. Aber wer im Volk Oskar Schlemmer für den Bruder einer Kunstfigur von Hape Kerkeling hält, und das Bauhaus nur mit Rasenmähern und Türbeschlägen verbindet, der wird nicht bemerken, wenn man dem Land schleichend etwas Bedeutendes von Weltrang abwertet und wegnimmt.

Bildung. Selten ist sie so wichtig gewesen, wie in diesen Zeiten.