Torsten Albig war Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Oberbürgermeister von Kiel und Pressesprecher: für die SPD-Größen Oskar Lafontaine, Hans Eichel und Peer Steinbrück und für Unternehmen. Heute lobbyiert er für den Tabakkonzern Philip Morris. Noch vor drei Jahren wäre Tabak eine rote Linie für ihn gewesen. „Ich habe in der Familie erlebt, was Zigarettensucht und Krebs für Auswirkungen haben.“ Jetzt sei das anders. „Die Industrie wandelt sich. Heute hat sie Antworten auf Probleme, die sie selbst verursacht hat“, sagt Albig. „Antworten, die der Politik fehlen.“
Wenn es eine Qualität gibt, die alle Tätigkeiten in der Politikblase zusammenhält, dann ist das Kommunikation, sagt Torsten Albig. Auch Politiker haben das als Kernqualität. „Sie können, wenn sie gut sind, gut kommunizieren. Wenn sie es nicht könnten, wären sie wahrscheinlich keine erfolgreichen Politiker gewesen.“ Albig betont: „Kommunikation ist über alles gesehen das größte Defizit unserer Zeit. Menschen, die gut erklären, Wege beschreiben und Visionen verständlich machen können, haben eine gute Vorbereitung für eine Welt der Beratung.“
In Albigs Vita gibt es eine große Konstante: Veränderung. Der politischen Blase ist er aber immer treu geblieben. Dort sind die Aufgaben so vielfältig wie die Karrierewege. In Abgeordnetenbüros, Verbandszentralen und Agenturlounges schreiben Mitarbeiter Pressemitteilungen, bearbeiten Anfragen und posten Social-Media-Beiträge. Wer sind die Menschen, die es in diese Welt zieht? Welche Erfahrungen haben sie gemacht, worauf legen sie Wert? Und wie kann man mitmischen?
Allgemein geht es in der Branche rastlos zu. Ein Beispiel ist der ehemalige Grünen-Abgeordnete Philip Krämer. Der war hessischer Landeschef der Grünen. 2021 wechselte er als MdB nach Berlin. Jetzt lobbyiert Krämer für den Energiekonzern Entega in seiner Heimat Hessen. „Für mich war immer klar, dass ich irgendwann mal in die freie Wirtschaft wechseln will“, sagt Krämer. „Einfach, um auch verschiedene Perspektiven kennenzulernen. Und weil ich immer schon gerne unterschiedliche Perspektiven kennengelernt habe. Ich verspüre nicht die Lust, irgendwas 20 Jahre lang zu machen.“
Wer eine bunt durcheinandergewürfelte Truppe in Berlin-Mitte erwartet, täuscht sich. Die Beraterin Anna Moors hat im Bundestagsbüro des SPD-Abgeordneten Armand Zorn gearbeitet. Sie skizziert das typische Profil von wissenschaftlichen Mitarbeitern als homogene Gruppe. „Jung, bis Anfang 30“, sagt sie. „Die Kerngruppe hat Wirtschafts- oder Politikwissenschaft studiert.“
Wer hier seine ersten Schritte macht, legt ein gutes Fundament, findet Iris Bethge-Krauß. Sie ist Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes Öffentlicher Banken (VÖB). Sie schätzt die Expertise derjenigen, die früher im Bundestag gearbeitet haben: „Sie verstehen, wie Gesetzgebungsverfahren funktionieren und wissen: Wann kann man noch Stellungnahmen oder Positionen einbringen, an welches Gremium kann ich mich wenden und wann macht es keinen Sinn mehr.“ Außerdem wüssten sie über die Politiker: „Wie müssen die Informationen aufbereitet sein, damit die Politiker damit arbeiten können?“
Der Nachwuchs will Details
Es wollen nicht nur Talente in die Blase – die Blase braucht Talente. Im leergefegten Arbeitsmarkt wird es für Arbeitgeber zur zentralen Aufgabe, den Nachwuchs nicht nur zu finden, sondern auch zu überzeugen.
Junge Talente achten nicht nur aufs Geld, sondern auch auf die Perspektive, sagt die junge Beraterin Anna Moors. Sie muss es wissen: Sie ist nicht nur selbst p&k-Kolumnistin („Der Nachwuchs“), sondern gründete mit der Unionskollegin Nina Weise den „Young Political Communicators Club“. Sie betont: „Jungen politischen Kommunikatoren sind Entwicklungsmöglichkeiten massiv wichtig.“
Dabei spielen nicht nur mögliche Karrierepfade eine Rolle. Nachwuchskräfte wollen Details. „Ich möchte wissen: Nach einem Jahr kann ich das und das tun, nach zwei Jahren wäre das eine Perspektive, die mir eröffnet wird“, sagt Moors.
Vor allem im Bundestag müssen Nachwuchskräfte auch strategisch denken. „Vor der Bundestagswahl waren viele Mitarbeiter aus Bundestagsbüros verunsichert“, erinnert sich Anna Moors an ihre Zeit im Abgeordnetenbüro. „Ob man überhaupt mit seinem Abgeordneten in den Wahlkampf zieht, haben viele an der Frage festgemacht, ob sie der Person Wiederwahlchancen einräumten.“ Auch ob der Abgeordnete ehrgeizig ist oder nicht, ist nicht unwichtig.
Iris Bethge-Krauß hat festgestellt, dass sich die Erwartungshaltung der Bewerber verändert hat. Themen wie Work-Life-Balance und mobiles Arbeiten sind heute Standard. In das Lamento über neue Generationen möchte sie nicht einstimmen.
Dennoch erwartet sie volles Engagement. „Arbeiten muss man bei uns schon auch noch“, sagt sie und lacht. „Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Mitarbeitenden richtig arbeiten wollen, dass sie sehr engagiert sind und sich ins Zeug legen.“
Ehrliches Interesse beim Netzwerken
Egal ob man angestellt ist oder selbstständig – es hilft immer, wenn Erfahrene einen Einsteiger unter ihre Fittiche nehmen. Bei vielen Arbeitgebern ist das Mentoring bereits institutionalisiert. Mentoring hat für mich einen hohen Stellenwert“, sagt auch VÖB-Hauptgeschäftsführerin Iris Bethge-Krauß. Beim VÖB ist das Mentoring Teil des Onboarding-Prozesses. Ziel sei es, jungen Mitarbeitenden nicht nur Orientierung zu geben, sondern sie gezielt bei ihrer Entwicklung zu unterstützen.
Wichtig ist Bethge-Krauß vor allem, dass das Mentoring geordnet abläuft. Unverbindlicher Kaffeetratsch ist nicht zielführend. Zwischen Mentor und Mentee gibt es feste Termine, in denen konkrete Themen besprochen werden. „Es geht beispielsweise um Fragen wie: Wie gehe ich mit einer mangelhaften Fehlerkultur um und welchen Beitrag kann ich leisten, diese zu verbessern?“, sagt Bethge-Krauß. Auch das Durchsetzen von Interessen in Gesprächen wird in solchen Terminen behandelt.
Auf jeden Fall kann man sich aber auch selbst etablierte Wegweiser suchen. Die Kommunikationsberaterin Theresa Hein hat unter anderem den Online-Wahlkampf von Friedrich Merz organisiert. Sie rät, hochrangige Personen einfach mal anzuschreiben. „Viele sind überraschend offen dafür, von jungen, interessierten Leuten angeschrieben zu werden und ein paar Erfahrungen weiterzugeben“, sagt sie.
Hein gelang es so, einen Vorstand aus einem Medienunternehmen zu treffen. „Wir haben an derselben Uni studiert. Ich habe ihn gefragt, ob er mir vielleicht Karrieretipps geben kann“, erzählt sie. „Er hat sich eine halbe Stunde Zeit genommen. Heute, wo ich die Terminkalender solcher Leute ein bisschen besser kenne, weiß ich, wie krass das eigentlich war.“
Hein rät zu einem organischen Aufbau des Kontaktbuchs. „Man muss nicht jeden Abend mit Leuten trinken gehen, um ein Netzwerk zu haben“, sagt sie. „Es reicht, wenn man tagsüber mal in den Business-Lunch macht.“ Wichtig sei vor allem, ehrliches Interesse an der Person mitzubringen und auch zu zeigen.
Nicht jeder Wechsel fällt leicht
Nur weil man „irgendwas mit Politik“ macht, bedeutet das aber nicht, dass man jede mögliche Tätigkeit in diesem Bereich übernehmen will – oder überhaupt kann. MSLPA- Chefin Amelie Hipp sagt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass jemand erfolgreiche Public-Affairs-Arbeit macht, nur weil er vorher in einem Ministerium oder Verband gearbeitet hat.
„Wir haben in der Vergangenheit gemerkt, dass es manchmal schwierig ist, Rollen mit jemandem zu besetzen, der oder die keine Agenturerfahrung hat“, sagt sie. Es reiche nicht, politisches Geschehen zu verstehen und zu analysieren. „Man muss soziale Situationen mit Kunden managen, Projekte leiten, Teams steuern und dafür sorgen, dass es für die Agentur auch wirtschaftlich ist“, fasst Hipp zusammen.
Und nicht jeder Seitenwechsel wird in der Berliner Blase gleich wohlwollend aufgenommen. Besonders für Grüne kann der Schritt in den Lobbyismus mit kritischen Blicken einhergehen.
Philip Krämer, selbst ehemaliger Abgeordneter der Grünen, kann ein Lied davon singen. „Als Grüner ist es nicht ganz einfach zu wechseln“, sagt er. „Das ist dort nicht der klassische Ablauf und wird immer auch kritisch gesehen.“ Er gibt aber zu bedenken: „Die Gesellschaft verändert man nicht nur im Parlament, sondern auch darüber hinaus. Es ist wichtig, dass Grüne auch Positionen in der freien Wirtschaft besetzen.“
Bethge-Krauß vom VÖB fordert deshalb, dass zwischen Politik und Wirtschaft häufiger gewechselt wird – in beide Richtungen. „Es ist wichtig, beide Seiten gut zu kennen“, sagt sie. „Wir müssten in Deutschland eigentlich viel durchlässiger sein. Dann könnten wir noch bessere Arbeit leisten“.
Oder einfach bleiben?
Amelie Hipp hat eine steile Karriere bei demselben Arbeitgeber gemacht. Vor sechs Jahren startete sie als Beraterin bei der Agentur MSL. Heute ist sie dort Public- Affairs-Chefin. In der Branche ist das ungewöhnlich. Entscheidend dafür war, dass das Gras auf der anderen Seite Hipp nie grüner vorkam. „Ich hatte das Gefühl, mich bei MSL entwickeln zu können“, sagt sie. „Mir wurden Perspektiven aufgemacht. Deswegen hatte ich gar nicht das Bedürfnis, zu sagen, okay, ich habe das Gefühl, ich stagniere hier, ich muss irgendwie woanders hin.“
Die Vorteile liegen für Arbeitgeber und -nehmer auf der Hand: Man kennt und schätzt sich. Prozesse sind ebenso bekannt wie die Corporate Identity. Jahrelange Einarbeitung wäre hinfällig, wenn man sich nicht auch darum kümmert, seine Mitarbeiter zu halten – so sieht die Agentur das.
Torsten Albig hat deutlich mehr Jobs gesehen. Gefragt nach dem größten Unterschied zwischen den Tätigkeiten, sagt er: die Freiheit. „Wenn du Kommunikation für einen Gips-Hersteller machst, dreht sich jeder Gedanke, den du hast, um Gips“, sagt er. Journalisten etwa sollten sich vor einem Seitenwechsel in die PR überlegen, ob sie sich wirklich so einengen wollten.
Diese thematische Beschränkung führt zu rhetorischer Akrobatik, die nicht jedermanns Sache ist. „Gute Kommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass du eben nicht jeden Tag denselben Satz sagst, sondern dass es dir gelingt, diesen selben Satz in immer ein anderes Korsett zu packen, so dass er immer wieder anders wirkt“, sagt Albig. „Aber du selbst merkst natürlich: Ich sage jeden Tag denselben Satz.“
Die Selbstständige
Für die Politikberaterin Theresa Hein führte der Wunsch nach Freiheit in die Selbstständigkeit. Während viele Führungskräfte die Erfahrungen aus ihrer Karriere in der Beratung vergolden, ging Hein
den Schritt am Anfang ihrer Karriere. Sie gründete noch vor ihrer Promotion, um ihren Gestaltungsdrang zu verwirklichen und sich eine eigene Marke aufzubauen. Der andere Grund war: „Ich hatte
schon so viele Projekte.“
Unter anderem hat Hein ein Online-Magazin für ihre Heimatstadt Hannover gestartet.
Während einige Mitstreiter aus dem Wahlkampf mit Posten im Kanzleramt oder im Ministerium belohnt wurden, winkte Hein deshalb ab. „So eine Struktur ist momentan ehrlich gesagt nicht der passende Weg, wo ich aufblühen kann“, sagt sie. Die Unabhängigkeit hat schlagende Vorteile, findet Hein. „Selbstständigkeit gewährleistet die Freiheit, auch andere Jobs anzunehmen und sich eine Personal Brand aufzubauen.“ Sie selbst pflegt ihr Image in sozialen Netzwerken wie Linkedin oder Instagram. Für selbstständige Young Professionals sei das leichter. „Man ist ja primär für seinen Arbeitgeber tätig. Wenn dieser persönliche Markenpflege nicht gewährleistet oder fördert, dass man sich zeigt, wird es schwer.“
Kein Nine-to-Five-Job
Karriere in der Politik ist fordernd. Der Workload ist immens, der Druck hoch. Die selbstständige Beraterin Theresa Hein beschreibt die Arbeitsbelastung im politischen Betrieb als eine Mischung
aus Leidenschaft und Notwendigkeit.
Hein selbst ging vor allem im Wahlkampf für den heutigen Bundeskanzler Friedrich Merz an ihre Grenzen. „Von 9 bis 23 Uhr war immer was“, sagt sie. „Wir sind in die hintersten Ecken Deutschlands gefahren, haben am Wochenende wahnsinnig viel gearbeitet oder wenn eine Lage war, dann mussten wir natürlich erreichbar sein.“
In Wahlkampfzeiten wächst man über sich hinaus. Für viele Bundestagsabgeordnete wird das Pensum allerdings auch danach nicht kleiner.
Der grüne Ex-MdB Philip Krämer sieht diese Kultur, permanent im Dienst zu sein, kritisch. „Man kommt abends um 22 Uhr vom Termin und setzt sich dann noch zwei Stunden ins Büro und arbeitet E-Mails ab“, schildert Krämer einen typischen Abend während der Sitzungswochen in Berlin. „Ehrlicherweise muss man da mal überlegen, ob man nach zwölf Stunden immer noch gute Entscheidungen trifft.“
Eine erfreuliche Nachricht ist immerhin, dass sich das Feld für Frauen spürbar geöffnet hat. Dennoch ist noch viel zu tun. „Viele Frauen schlittern eher zufällig in den Bereich politische Kommunikation hinein“, sagt die Kommunikationsberaterin Anna Moors. Klischees über Zigarren rauchende Männerrunden schreckten Frauen immer noch ab.
Wichtig, auch für Moors selbst, waren weibliche Vorbilder. Wer mehr Diversität in der Branche will, muss die bestehende Vielfalt sichtbar machen. „Wir müssen einen Weg finden, als Frauen nicht so schambehaftet über unsere eigene Arbeit zu sprechen“, fordert Moors. „Wie stolz manche Männer mittelmäßige Arbeit präsentieren, so selbstbewusst aufzutreten, das traue ich mich teilweise nicht.“
Start, Wechsel, Aufstieg – immer wieder muss man Herausforderungen meistern und Prüfungen überstehen, so wie in jedem anderen Job auch. Egal, wie ein Weg verläuft und welche Aufgabe man übernimmt: Philip-Morris-Lobbyist und Ex-Ministerpräsident Torsten Albig rät in jedem Fall dazu, sich mit seiner Arbeit zu identifizieren. Wer nicht hinter dem steht, was er kommuniziert, verliert seinen wertvollsten Besitz.
„Dein wahrer Wert als Kommunikator ist immer deine Glaubwürdigkeit“, sagt Albig. „Wenn du das Gefühl hast: ‚Eigentlich kann ich das gar nicht, also ich finde‘ es ganz schrecklich, was ich erzähle, und der Mensch, für den ich das erzähle, ist unerträglich‘, dann dauert es nicht lange, bis die anderen das merken. Deine Reputation kannst du immer nur einmal richtig verspielen.“
Berlin, Berlin?
Also, auf in die Hauptstadt? Der ehemalige Grünen-Abgeordnete Philip Krämer war auch vor seiner Berliner Zeit zufrieden in seiner Heimat Hessen. „Wenn ich durch Darmstadt laufe, denke ich bei manchem Bauprojekt: Hier hast du dafür gestimmt“, sagt Krämer. Ein Vorteil der Arbeit auf Landesebene sei die unaufgeregtere Medienpräsenz. „Das ermöglicht eine vertraulichere Zusammenarbeit.“
Lobbyist Torsten Albig sieht zudem ein erhebliches Potenzial außerhalb der Hauptstadt. „Die Kommunikationsberatung des großen deutschen Mittelstands in Städten wie Köln, Stuttgart oder Düsseldorf existiert praktisch nicht“, sagt Albig. Dabei werde Expertise in kommunalen und landespolitischen Prozessen dringend benötigt, etwa bei Bauprojekten. „Berlin ist in diesem Bereich fast schon überbesetzt. In vielen Landeshauptstädten hätten Kommunikations- und Public-Affairs-Berater ein Alleinstellungsmerkmal.
Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 152 – Thema: Karriere. Das Heft können Sie hier bestellen.



