Das Erste, das Zweite, das Dritte vom rbb – unsere öffentlich-rechtlichen Fernsehsender haben unlängst eher enthusiasmiert über den smarten und wohltätigen Einfall berichtet, vor der seit einem Jahrhundert als bekennend links etablierten Berliner Volksbühne ein „Volksbad“ zu errichten. Berlinerinnen, Berliner und Berlinbesuchende (oder wie man sie jetzt nennen mag) dürfen dort noch eine Weile kostenlos planschen und schwimmen. Das Vorübergehende – oder Vorbeischwimmende? – soll dennoch ein nachhaltiger Protest sein: dagegen nämlich, dass Berlin seine Infrastruktur verkommen lasse, nicht zuletzt die Frei- und Hallenbäder, die, wie man vernahm, vielerorts geschlossen seien.
Rund 300.000 Euro koste der Spaß, war in den aktuellen Sendungen zu erfahren. Ein Klacks, wenn man bedenkt, dass ebendiese Volksbühne, weil die Eintrittsgelder nicht annähernd reichen, vom Land Berlin jährlich mit mehr als 20 Millionen Euro Steuergeld bezuschusst wird, was allerdings unerwähnt blieb. Der neue Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal, ein vielseitiger und einfallsreicher Theatermacher, wurde gar nicht erst danach gefragt.
Der Senat bezahlt den Protest
Gleichwohl versäumte der Intendant nicht, dem Fernsehpublikum bundesweit einsichtig zu machen, dass die gute Tat dem Auftrag der Volksbühne entspreche. Schließlich sei das frohe Treiben im Volksbad vor dem martialisch-massiven Theatergebäude durchaus als „theatralisch“ zu werten. Das fand ich allzu bescheiden argumentiert.
„Eine klamme Kommune bezahlt den Protest gegen sich selbst – das hat was, oder?“
Denn es ist außerdem hinreißend komisch: Das mit Steuergeld subventionierte Theater finanziert eine vermutlich populäre Aktion gegen die Sparpolitik seines Geldgebers. Populär dürfte sie schon deshalb werden, weil sie die Nutznießer nichts kostet. Eine klamme Kommune bezahlt den Protest gegen sich selbst – das hat was, oder?
Wegners theatralisches Talent
Intendant Lilienthal zeigte sich denn auch nicht undankbar, als er ohne jede Ironie vor der Kamera kundtat, man habe mit der Aktion dem (noch) Regierenden Bürgermeister Kai Wegner helfen wollen. So gebe man den Bürgern in Berlin-Mitte etwas zurück, was ihnen „Friedrich Merz und andere Influencer geklaut“ hätten. Nun ist ja Merz eh an allem schuld, da kommt’s auf eine Sottise mehr oder weniger nicht an. Und Wegner sei’s gegönnt; schließlich zeigte auch er theatralisches Talent, als er beim großen Stromausfall (nach dem mutmaßlich linksradikalen Anschlag auf ein infrastrukturell wichtiges Stromkabel) den umsichtsvoll agierenden Regisseur der Hilfsmaßnahmen gab. Und erneut, als er kürzlich ankündigte, bei der Wahl nicht wieder anzutreten, und in eigener Sache sprachlich einfühlsam auftrat. Seither wissen wir definitiv, dass ein Politiker nicht lügt, er macht nur einen Kommunikationsfehler.
Einen solchen hat Intendant Lilienthal offenkundig nicht gemacht. Und die öffentlich-rechtlichen Anstalten natürlich auch nicht. Man kann bei knappen Sendezeiten nachrichtlich schließlich nicht alles offenlegen.
