Carolin Albrecht
Frau Albrecht, bis zum Berlin Global Dialogue sind es nur noch wenige Wochen. Wie hoch ist Ihr Puls?
Carolin Albrecht: Je nach Zu- und Absagen für das Programm geht er täglich hoch oder runter. In dieser Phase braucht man viel Pragmatismus und Kreativität. Hochrangige Gäste sagen uns auch jetzt noch kurzfristig zu. Gerade haben wir eine Zusage vom Premierminister von Lesotho bekommen. Den möchten wir natürlich in angemessener Form ins Programm einbauen. Dabei muss das Programm für alle Beteiligten und Teilnehmer spannend und sinnvoll bleiben.
Und wenn jetzt der Premierminister von Lesotho zusagt: Halten Sie dafür einen Wildcard-Platz frei – oder wird jedes Mal umgeräumt?
Albrecht: Wildcard-Plätze haben wir nicht, dafür sind wir schon viel zu weit. Manchmal können wir zeitlich noch etwas verschieben. Bei über 50 Sessions im Haupt- und Nebenprogramm ist ständig Bewegung: Manche Dinge erübrigen sich, neue Plätze entstehen. Wir können es uns nicht leisten, auf Verdacht Lücken zu lassen. Aber häufig findet sich eine Lösung.
„Uns geht es um Dialog“
Jede Veranstaltung braucht ihre Daseinsberechtigung. Was war die Idee hinter dem Berlin Global Dialogue?
Albrecht: Wir erleben, wie sich die internationale Ordnung auf den Kopf stellt und die Globalisierung neu sortiert. Für diese neue Zeit braucht es neue Formate. Dafür wollten wir mit dem Berlin Global Dialogue eine Plattform schaffen. Die Machtzentren der Welt verschieben sich. An unserem Tisch sollen nicht nur Vertreter Europas und der westlichen Welt sitzen, sondern auch Entscheider aus Asien, Lateinamerika, Afrika und dem Nahen Osten.
Zugleich verändert sich die Beziehung zwischen Wirtschaft und Politik. Marktzugang oder Technologieführerschaft sind keine rein ökonomischen Fragen mehr, sondern auch machtpolitische. Dadurch verändern sich Interessen und Rollen beider Seiten. Darüber muss man sprechen können.
Uns geht es um Dialog. Räume, in denen Monologe gehalten oder längst bekannte Positionen vorgetragen werden, gibt es genug. Bei uns sollen die Redner miteinander in Austausch kommen. Einige Sessions sind öffentlich, die meisten finden unter der Chatham House Rule statt. Das ermöglicht einen ehrlichen, offenen Austausch.
Chatham House Rule – können Sie das in zwei Sätzen erklären?
Albrecht: Auch Medienvertreter haben Zugang. Sie dürfen über das Gesagte berichten, die Aussagen aber nicht einzelnen Personen zuordnen.
„Was bietet ihr mir eigentlich an, damit ihr Zugang zu meinem Markt bekommt?“
Sie wollen nicht die üblichen Verdächtigen versammeln, kein neues G7. Welche Perspektive taucht bei Ihnen auf, die in unserem Diskurs sonst fehlt?
Albrecht: Natürlich haben auch wir „die üblichen Verdächtigen“, was unsere Partner in Europa und den USA angeht. Aber die Dynamik einer Diskussion verändert sich sofort, wenn etwa der indische Wirtschaftsminister dabei ist. Er blickt anders auf Europa, China, die Welt und seinen eigenen Markt. Er kommt nicht mit der Haltung: „Wir möchten auch an eurem Handel teilnehmen.“ Sondern er fragt: „Was bietet ihr mir eigentlich an, damit ihr Zugang zu meinem Markt bekommt?“
In Europa hört man diese Perspektive nicht so häufig. Im Nahen Osten oder in Asien begegnet sie einem viel öfter. Die Vorstellung, Europa sei der Nabel der Welt, wird andernorts längst nicht mehr geteilt. Das merkt man in den Diskussionen beim Berlin Global Dialogue sehr deutlich.
Gehen wir mal ganz an den Anfang: Wenn ich selbst ein Event in Berlin-Mitte aufziehen wollte – welche Entscheidungen muss ich treffen, noch bevor ich an Location oder Catering denke?
Albrecht: Zuerst die Frage nach der Zielgruppe: Wen will ich zusammenbringen? Es macht einen Unterschied, ob ich eine politische Konferenz veranstalte und ein paar Wirtschaftsvertreter einlade, oder eine Wirtschaftskonferenz mit Ehrengästen aus der Politik. Wir wollten von Anfang an die Schnittstelle von Wirtschaft und Politik und Themen aus beiden Perspektiven beleuchten. Dazu gehört auch die geografische Frage: Aus welchen Regionen sollen die Teilnehmer kommen?
„Alle schauen erst, wer sonst kommt“
Woran merken Sie, dass ein Summit gelungen ist?
Albrecht: Wir freuen uns zum Beispiel, wenn ein CEO für zwei Tage bleibt.
Und wie schafft man das?
Albrecht: Das ist ein bisschen wie bei einer Silvesterparty: Alle schauen erst, wer sonst kommt, und entscheiden dann, ob sie selbst kommen. Man braucht eine kritische Masse. Vieles läuft über Netzwerke. Unser Gründer Lars-Hendrik Röller war zehn Jahre Wirtschaftsberater von Angela Merkel und für Deutschland G7- und G20-Sherpa. Er verfügt in Deutschland und international über ein sehr gutes Netzwerk. Zunächst braucht man genügend Personen, die zusagen und das idealerweise auch öffentlich machen. Darauf kann man aufbauen.
Dann muss sich vor Ort zeigen, ob die Veranstaltung für jemanden relevant ist: Treffen sie die Menschen, die sie treffen möchten? Geht es um Themen, die sie beschäftigen, oder begegnen ihnen neue Gedanken? Bei Roundtables bringen wir zum Beispiel einen Minister mit 15 CEOs zusammen. Solche Runden moderiere häufig ich oder unser Gründer. Wir müssen jedes Jahr aufs Neue beweisen, dass wir diese Relevanz schaffen – durch die Themen und durch die Teilnehmer.
Sie sagten, alle schauen erst, wer sonst kommt. Mit wem wollen denn alle auf der Bühne sitzen – ganz platt: mit dem Kanzler?
Albrecht: Mit Friedrich Merz würden, glaube ich, alle gern auf der Bühne sitzen. Die großen Namen, die alle gern sehen möchten, sind meist klar. Das Interesse folgt auch den aktuellen politischen Themen. In den vergangenen Jahren war zum Beispiel Mario Draghi nach der Veröffentlichung seines Berichts sehr gefragt. Man merkt, wenn Gruppen und Personen tagesaktuell Aufmerksamkeit bekommen.
Bei Unternehmen hängt viel davon ab, was sie selbst diskutieren wollen. Ein Unternehmen aus der Energiebranche möchte vielleicht mit anderen Vertretern seiner Branche sprechen. Vielleicht will es aber lieber auf einem Panel über Europas künftiges Wirtschaftsmodell sitzen und dort die Perspektive der Energiebranche einbringen. Das richtet sich nach den Themen, die für die Beteiligten gerade oben auf der Agenda stehen.
„Es hat sehr viel eigenen Charakter“
Wie wichtig ist die Adresse? Muss ein Ort vor allem gut erreichbar und instagrammable sein – oder zählen am Ende die richtigen Räume?
Albrecht: Für uns stand die ESMT als Ort von Anfang an fest, weil der Berlin Global Dialogue dort gegründet wurde. Das Gebäude ist ungewöhnlich: Es ist das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR und zugleich heute eine Hochschule, die täglich von Studierenden genutzt wird. Wir bauen Auditorien für die Veranstaltung um. Wenn die Teilnehmer darin sitzen, fühlen sie sich ein wenig in die eigene Universitätszeit zurückversetzt.
Die vielen kleineren Räume eignen sich für bilaterale Gespräche. Als wir angefangen haben, habe ich mich gefragt, wie gut wir das Gebäude für unsere Zwecke nutzen können. Aber man kann sehr viel daraus machen. Ich finde es ehrlich gesagt viel charmanter als einen Standardkonferenzraum, den es überall gibt. Es hat sehr viel eigenen Charakter.
Und wie wichtig ist Berlin selbst? Ginge es auch als Mallorca Global Dialogue?
Albrecht: (lacht) Berlin ist für uns entscheidend. Es gibt nicht mehr viele Orte auf der Welt, an denen man Menschen aus so unterschiedlichen Regionen zusammenbringen kann. Berlin hat dazu sein historisches Gewicht. Gerade zu Beginn haben wir oft gehört: Gut, dass ihr das in Deutschland und in Berlin macht. In den USA würde es so vielleicht nicht mehr funktionieren, in China auch nicht. Deutschland und Berlin sollten eine wichtige, eigentlich noch größere Rolle dabei spielen, neue Akteure zusammenzubringen. Für uns ist diese Stadt der Ort, an dem das möglich ist.
„Eine riesige Diskussion darüber, wie groß die Delegation sein darf“
Bei unserem Politikaward läuft das BKA bei hochrangigen Gästen vorab mit Sprengstoffhunden durchs Zelt. Was ist bei Ihnen anders, wenn Staats- und Regierungschefs kommen?
Albrecht: Unsere eigenen Sicherheitsvorkehrungen sind jedes Jahr gleich hoch. Damit sind wir auf unterschiedliche hochrangige Gäste vorbereitet. BKA und LKA ergänzen ihre Maßnahmen. Zu bestimmten Zeiten kommen dann vielleicht noch Spürhunde und kontrollieren. Auch beim Protokoll liefern wir jedes Jahr die gleichen Grundlagen. Einige andere Gäste benötigen ebenfalls besonderen Schutz.
Die Einladungsliste ist exklusiv. Welche protokollarischen Finessen kennt man als Normalsterblicher nicht?
Albrecht: Beim Protokoll gibt es immer eine riesige Diskussion darüber, wie groß die Delegation sein darf.
Alle wollen viel, oder?
Albrecht: Genau. Wir haben genaue Vorgaben, je nachdem, ob ein Staats- und Regierungschef oder ein Minister kommt.
Kann man sich hier eher eine Fußballmannschaft oder ein Football-Team vorstellen?
Albrecht: Kleiner als eine Fußballmannschaft, eher eine Basketballmannschaft. Je nachdem, woher die Gäste anreisen, kann es aber auch mal ein erweiterter Fußballkader werden, sagen wir es mal so. Dann geht es nicht nur um die Gesamtgröße, sondern auch darum, wie viele Personen aus der Delegation im Hauptraum bei den Sessions sitzen dürfen. Das ist ein großes protokollarisches Thema.
„Essen darf man nicht unterschätzen“
Was ist die klassische Veranstaltungspanne, die sich mit guter Vorbereitung verhindern lässt? Ich tippe als Journalist auf: zu wenig Essen.
Albrecht: Das auf jeden Fall, Essen darf man nicht unterschätzen. Kaffee übrigens auch: Wir haben Barista-Maschinen vor Ort, und in den Umfragen danach loben die Teilnehmer oft unseren Kaffee. Für viele ist das entscheidend.
Beim Essen kommt noch die Kommunikation hinzu. Wir bauen draußen einen zusätzlichen Pavillon für das Catering auf. Die Leute müssen wissen, wo es etwas gibt, damit sie nicht durchs Gebäude irren und sich fragen, warum sie nichts zu essen finden. Das gilt auch für andere Informationen während der Veranstaltung. Wir brauchen eine gute Wegeleitung, können Benachrichtigungen über die App verschicken und müssen Änderungen vor Ort schnell kommunizieren können. Wenn eine Information nicht angekommen ist, müssen wir die Teilnehmer noch erreichen.
Und womit holt man Gäste von Indonesien bis Argentinien kulinarisch ab? Mit Berliner Currywurst wohl kaum.
Albrecht: Lustig, dass Sie das sagen: Wir hatten im vergangenen Jahr tatsächlich Berliner Currywurst, und das hat gut funktioniert. Manchmal wollen Gäste gerade das haben, was sie am Veranstaltungsort erwarten, und nicht das, was sie von zu Hause kennen.
Dann ist die Currywurst also die sichere Bank?
Albrecht: Ob sie dieses Jahr wieder auf dem Menü steht, weiß ich gerade nicht. Aber sie stand schon ein paar Mal darauf, sogar für Präsident Macron. Insofern: Ja, das geht immer.
„Ein kleines, aber schlagkräftiges Team“
Zurück zu den Menschen hinter dem Event: Auf der Homepage wirkt Ihr Kernteam recht kompakt für so ein großes Format. Wie viele sind Sie?
Albrecht: Wir sind 15 Personen – ein kleines, aber schlagkräftiges Team. Sobald ein Summit vorbei ist, beginnen wir mit der Vorbereitung des nächsten. Diese lange Vorlaufzeit ist entscheidend. Wir betreuen mehr als 50 Sessions und über 120 Speaker. Sie alle haben Fragen und Abstimmungsbedarf. Wenn wir früh möglichst viel vorbereiten, haben wir in den letzten sechs Wochen die nötige Zeit dafür.
Für die Produktion arbeiten wir mit einem erweiterten Netzwerk. Außerdem sind wir an der ESMT angesiedelt und können auf deren Organisation zurückgreifen.
Begleiten Sie den Summit auch selbst redaktionell – und bereiten Sie Themen gezielt für Medien außerhalb der Partnerschaften auf?
Albrecht: Wir haben verschiedene Medienpartner, in diesem Jahr Bloomberg, Deutsche Welle, Politico und FAZ. Deutsche Welle und Bloomberg übertragen die öffentlichen Sessions, dazu gibt es einen Livestream auf unserer Website. Auf Linkedin, unserem wichtigsten Social-Media-Kanal, veröffentlichen wir während der Veranstaltung Updates aus den Sessions. Es sind bereits fast hundert Journalisten angemeldet. Zum Beispiel nimmt EU-Kommissar Valdis Dombrovskis teil, kurz zuvor findet ein Europäischer Rat statt. Wir bereiten den Kontext auf und überlegen, was er in die Diskussion einbringen könnte. Bei so vielen Gästen müssen wir herausarbeiten, wer für welche Journalisten besonders interessant ist.
Und während des Summits selbst: Schaffen Sie es überhaupt, sich mal in eine Diskussion zu setzen und sie einfach zu genießen?
Albrecht: Leider seltener, als ich möchte. Wir haben ein super Team und super Partner. Ich freue mich während der Veranstaltung immer, wenn ich möglichst wenig von ihnen höre. Dann gibt es nichts, bei dem ich eingreifen muss. Ich verbringe viel Zeit draußen und begrüße ankommende Gäste. Natürlich bin ich auch in einigen Sessions. Aber manchmal kann ich nur kurz hineinhören und ein Gefühl für die Diskussion bekommen.
Umso wichtiger ist das Feedback von Team und Gästen. Danach müssen wir fragen: Was haben wir mitgenommen? Was bedeutet das für den nächsten Summit, und was können wir verbessern? Meine zwei bis drei Tage dort bestehen vor allem daraus, viele Menschen zu begrüßen und zu sprechen.
Wann kommt nach dem Summit der große Spannungsabfall – und wann dürfen Sie in den Urlaub?
Albrecht: Wir gehen nach dem Summit sofort in die Planung des nächsten, deshalb ist das nicht so einfach. Die Intensität verändert sich aber. Je näher der Summit rückt, desto häufiger klingelt das Telefon. Wenn er vorbei ist, fragt man sich plötzlich, ob es überhaupt noch funktioniert (lacht). Es folgen Nachbereitung und neue Vorbereitung. Dazwischen schieben wir Urlaub ein. Meist dauert es ein bis zwei Wochen, bis man von den vielen Eindrücken wieder herunterkommt.
Welches Thema im diesjährigen Programm treibt Sie persönlich am meisten um?
Albrecht: Vor allem unser Überthema für dieses Jahr: „Advancing Alliances for the New Era“. Für uns heißt das: Wie stellen sich Regierungen neu auf, und welche Partnerschaften entstehen? Europa hat gerade ein Abkommen mit Indien geschlossen, es gibt das Mercosur-Abkommen. Es ist gut, dass sich etwas bewegt. Im Vergleich zur Entwicklung der Welt hängen wir aber noch hinterher. Mich interessiert, wie sich solche Vereinbarungen in der Praxis auswirken: Merken Unternehmen bereits etwas davon? Investieren sie mehr? Entstehen neue Kooperationen? Diese Fragen greifen wir an verschiedenen Stellen auf.
Das andere Thema ist die Veränderung im Verhältnis von Politik und Wirtschaft. Wer übernimmt welche Verantwortung, und was erwartet jede Seite von der anderen? Diese Fragen fand ich von Beginn an spannend. Die Diskussion entwickelt sich von Jahr zu Jahr weiter.
Und in welche Richtung entwickelt sich die Diskussion?
Albrecht: Das Verständnis dafür wächst, dass beide Seiten stärker miteinander sprechen müssen. Weniger: „Das hättet ihr doch machen müssen.“ – „Nein, das ist eure Aufgabe.“ Eher: „Vielleicht sollten wir das gemeinsam machen.“
Unsere Konferenz kann nur einen Anstoß geben. Danach müssen andere Prozesse beginnen oder bestehende weitergeführt werden. Ich glaube, in der Haltung verändert sich bereits etwas. Im vergangenen Jahr hatte die Diskussion eine andere Qualität als im ersten. Zugleich erleben wir eine Normalisierung der Unsicherheit auf der geopolitischen Agenda. Die Frage ist, wie jeder damit umgeht und welche neuen Werkzeuge wir dafür brauchen.
Bei Gipfeln wie dem G20 sorgt schon die Gästeliste für Streit: Kommt Putin, kommen manche anderen nicht. Wie gehen Sie bei Einladungen mit Staaten um, die miteinander im Konflikt stehen?
Albrecht: Als Nichtregierungsorganisation müssen wir nicht allen diplomatischen Vorgaben und Gepflogenheiten folgen. Bisher hat das gut funktioniert. Wir haben uns aber bewusst entschieden, keine Regierungsvertreter aus Russland einzuladen.
Also kommt Nordkorea auch nicht?
Albrecht: Nordkorea auch nicht.