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„Außer ein bisschen Currywurst, Arbeiterlieder und Willy Brandt ist von der Identität gar nicht so viel übrig“
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„Außer ein bisschen Currywurst, Arbeiterlieder und Willy Brandt ist von der Identität gar nicht so viel übrig“
SPD-Krise
Foto: Christoph Ebeling
Im Podcast-Gespräch analysiert der Sozialdemokrat und Wahlkampf-Stratege Mattheus Berg den beispiellosen Absturz seiner Partei – und warnt vor einem fatalen Missverständnis im Umgang mit den Wählerinnen und Wählern.
Wahlsonntag in Baden-Württemberg, 18 Uhr. Auf den Bildschirmen erscheint die erste Hochrechnung: 5,5 Prozent für die stolze Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Es ist das schlechteste Ergebnis, das die SPD jemals bei einer Wahl in der Bundesrepublik erzielt hat. Doch wer bei Mattheus Berg an diesem Abend tiefen Schock oder blankes Entsetzen sucht, findet etwas viel Erschreckenderes: Ermüdung. Der Wahlkampfberater und überzeugte Sozialdemokrat empfand in diesem historischen Moment vor allem eine bittere Bestätigung eines schleichenden Prozesses. Man habe sich den Mund fusselig geredet, gewarnt und gemahnt – und doch sehenden Auges die nächste Katastrophe in Kauf genommen.
Im Podcast „Berlin Mitte Talk“ spricht Host Tobias Schmidt mit Mattheus Berg über eine Partei, die vor den Scherben ihrer eigenen Strategielosigkeit steht. Es ist ein Gespräch, das weit über die Analyse eines einzelnen Wahldebakels hinausgeht. Es ist die Obduktion einer Volkspartei, die vergessen hat, warum sie eigentlich existiert.
Die Choreografie des Untergangs
Was Berg an der aktuellen Lage der SPD am meisten frustriert, ist nicht zwingend das schlechte Wahlergebnis an sich, sondern der routinierte, fast schon apathische Umgang der Parteispitze damit. Die Aufarbeitung von Wahlniederlagen folge mittlerweile einer einstudierten Choreografie. Man rufe die existenzielle Krise aus, fordere Demut, um dann doch nahtlos zur Tagesordnung überzugehen. Ein exemplarisches Bild dafür lieferte Baden-Württemberg: Der Generalsekretär tritt für den katastrophalen Wahlkampf zurück, nur um zwei Tage später zum Fraktionschef gewählt zu werden.
Für Berg ist dieses Verhalten ein Symptom einer tiefen strukturellen Arroganz, die den Wählern nicht verborgen bleibt. Auf die Frage nach der internen Stimmung und den Lerneffekten nach solchen Zäsuren zeichnet er ein ernüchterndes Bild der Resignation:
„Wir reden immer wieder über die gleichen Themen, wir reden uns alle den Mund fusselig. Eine Partei, in der viele kluge Leute sind, viele engagierte Leute sind, redet sich seit Jahren den Mund fusselig über den eigenen Niedergang. Ich habe immer schon das Gefühl, dass da eigentlich so eine Choreografie fast schon bei jeder Wahlniederlage aufgeführt hat, weil man sich so sehr daran gewöhnt hat, dass es wieder einen historischen Tiefpunkt gibt.“
— Mattheus Berg
Die FDP 2.0 und das inhaltliche Vakuum
Doch wie konnte es so weit kommen? Berg diagnostiziert ein massives Identitätsproblem. Die SPD leide unter dem Drang, um jeden Preis regierungs- und „anschlussfähig“ zu sein. Man wolle gleichzeitig die Partei der Gewerkschafter, der Arbeitslosen, der Beamten und der Multimillionäre sein. Das Resultat dieser Überanpassung ist eine inhaltliche Entkernung.
Wenn eine Partei für jeden wählbar sein möchte, steht sie am Ende für niemanden mehr. Berg vergleicht diese Strategie fatalerweise mit dem Kurs der FDP, die sich ebenfalls ins Nichts manövriert habe. Die Sozialdemokratie habe versucht, das post-ideologische Zeitalter auszurufen, und dabei übersehen, dass Wählerinnen und Wähler klare Wertegerüste suchen, an denen sie sich reiben können. Berg bringt das Dilemma der strategischen Profillosigkeit auf den Punkt:
„Die SPD muss sich vor allem selbst klar werden, warum es sie braucht. Sie hat ein klares Defizit bei Identität und Ideologie. Sie versucht sich immer irgendwo post-ideologisch zu positionieren, kann das aber gar nicht verkaufen. Und außer ein bisschen Currywurst und ein bisschen Arbeiterlieder und ein bisschen Willy Brandt ist da von der Identität einfach gar nicht so viel übrig.“
— Mattheus Berg
Das Resonanzdilemma: Der Riss zwischen Basis und Funktionärskader
Ein weiterer zentraler Konflikt, der im Gespräch deutlich wird, ist die wachsende Kluft zwischen der Parteibasis und den Funktionären in den Parlamenten. Berg spricht von einem „Resonanzdilemma“. Viele Abgeordnete, die über sichere Listenplätze in die Parlamente einziehen, haben den direkten Kontakt zur Lebensrealität der Menschen verloren. Ihnen fehlt die direkte Rückkopplung, die ein hart umkämpftes Direktmandat erzwingt.
Demgegenüber steht die Basis. Die einfachen Parteimitglieder, die an den Wahlkampfständen die Wut der Bürger abfangen müssen. Wenn Berg über diese Diskrepanz spricht, verlässt er die kühle Analyse und wird emotional. Es geht um den Respekt vor dem demokratischen Ehrenamt, der von der Parteiführung massiv verletzt wird, wenn diese in Berlin oder in den Landeshauptstädten strategische Fehler begeht:
„Wahlkämpfer sind für mich Leute, die ihren Jahresurlaub nehmen, ihre Kinder mal ein bisschen weniger sehen und sich Nächte um die Ohren schlagen, um an demokratischer Willensbildung teilzunehmen. Und das ist dann ab irgendeinem Punkt unwürdig, wenn diese Menschen einfach nicht den nötigen Rückenwind auch von oben bekommen.“
— Mattheus Berg
Der Ruf nach disruptiven Charakteren
Wie also kann der Weg aus der Bedeutungslosigkeit aussehen? Für Berg liegt die Antwort nicht in neuen Eckpunktepapieren oder weichgespülten Kompromisslinien. Die SPD brauche wieder „Vollblutpolitiker“, Typen mit Ecken und Kanten, die eine klare Erzählung haben – so wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Alexander Schweitzer.
Die Partei müsse aufhören, sich hinter Aktenkoffern und technokratischer Verwaltungssprache zu verstecken. Es brauche demonstrative Demut, den Abbau von Privilegien der Funktionärsebene und vor allem den Mut, wieder ins politische Risiko zu gehen. Die SPD muss wieder lernen, Konflikte auszuhalten und klare Positionen zu beziehen, selbst wenn sie damit Teile der Wählerschaft verprellt.
Hören Sie selbst rein: Hören Sie die vollständige Analyse von Mattheus Berg in der aktuellen Folge des „Berlin Mitte Talk“ auf Apple Podcasts oder Spotify.