Die Frage „Wie hältst Du’s mit der AfD?“ beschäftigt derzeit Unternehmensvorstände und Verbandsgremien wie noch keine parteipolitische Frage zuvor. Es bringt die etablierten Mechanismen der Entscheidungsfindung an die Grenzen ihrer Möglichkeiten und meist auch darüber hinaus. Es gibt in den meisten Fällen sehr unterschiedliche Perspektiven auf das Thema, die bei der Suche nach einer Haltung oft unüberwindlich sind: die Ebenen von vor Ort bis Bundesebene und die persönlichen Einstellungen der verantwortlichen Führungskräfte.
Vor Ort stellt sich die Situation oft ganz praktisch dar und erfordert auch glaubwürdig pragmatische Lösungen: „Das sind doch die Mitarbeiter in unseren Unternehmen“, wird da gesagt oder „Ich brauche doch Bürgermeister und Stadtrat für die Erweiterung der Produktion“.
Auf der anderen Seite stehen der bundespolitische Gestaltungsanspruch, die entsprechende Notwendigkeit des Dialogs mit Union, SPD, Grünen und wertebasierte Haltungen, die geteilt und gemeinsam für richtig erkannt sind: „Wir müssen als Branche Position beziehen“ oder „Wir stehen für Vielfalt und sind international tätig“. Die persönlichen Einstellungen sind in der Regel sehr deutlich und entschlossen – aber umso heterogener. Es ist also nicht trivial.
Als weitere Herausforderung kommt hinzu, dass eine festgelegte Haltung auch den Anspruch haben soll, für die Zukunft ein richtiger und ein verlässlicher Kompass zu sein. Doch was tun, wenn die AfD die Mehrheit, gar den Kanzler stellt? Heute schon bekommen wir Berater internationale Anfragen nach Kontakten zur AfD, besonders aus Ländern, in denen rechtspopulistische Parteien schon regieren – allen voran die USA, aber beispielsweise auch aus Italien.
Keine Lex AfD
Die Suche nach einer allgemeingültigen Haltung ist durch die internationale Kriegs- und Krisensituation noch einmal beschleunigt worden. Es braucht Antworten und vor allem auch deshalb, weil es das Kerngeschäft von Branchen und Unternehmen betrifft, wie die Rekrutierung von Mitarbeitenden oder internationale Handelsbeziehungen.
Hier beginnt auch die Suche nach Lösungen. Diese Frage darf nicht als parteipolitische Frage verstanden und sie darf auch nicht als solche formuliert werden. Die AfD polarisiert wie oben geschildert durch Stil und Inhalt – das gehört ja zum Erfolgsrezept. Die gesuchte Haltung zum Umgang mit populistischer Kommunikation und deren Akteuren darf aber keine Lex AfD sein. Das würde deren Opfernarrativ verstärken. Es muss vielmehr eine Haltung mit klar formulierten Kriterien sein, die auf andere und künftige Strömungen ebenso angewendet werden kann, hier gültig und wirksam ist.
Drei strategische Wege
Grundsätzlich – und das ist intern ein guter Start der Diskussion – gibt es hier drei Wege: Ignorieren, Informieren, Neutralisieren.
Populistische Parteien, heute vor allem die AfD, zu ignorieren heißt: Sie sind in keinem Verteiler enthalten, sie bekommen keine Informationen und wenn sie eine Anfrage stellen, antwortet man nicht.
Zu informieren ist eine abgeschwächte, oft intern als Kompromiss vermittelbare Position. Sie bedeutet, die aus der eigenen Sicht guten und richtigen Informationen durchaus allen zukommen zu lassen, aber keinen Dialog aufzubauen. Keine Einladungen zu Veranstaltungen, keine Antworten auf Fragen oder Angebote zum Dialog.
Neutralisieren ist eine radikale aber auch letzte Bastion, auf die man sich zurückziehen kann. Sie bedeutet sinngemäß: „Wir behandeln alle gleich.“ Alle Informationen werden geteilt, Fragen beantwortet, alle Verteiler, auch zu Veranstaltungen, sind gleich.
Die Haltung aus dem Kerngeschäft begründen
Der Weg, um eine dieser Haltungen festzulegen, muss definiert und aktiv anmoderiert werden. Welcher der Wege geeignet ist, hängt stark von der Branche, den Themen, der öffentlichen Wahrnehmung und den beteiligten Personen ab. Eine wirksame Haltung wird man nur entwickeln können, wenn sie mit dem Kern der Branche sowie mit dem Kerngeschäft des Unternehmens korrespondiert und daraus begründet werden kann.
Viele Branchen und Unternehmen sind durch ihre Produkte einer besonderen Gefahr der Vereinnahmung ausgesetzt. Wer Brot, Bier oder Senf herstellt, bewegt sich im Bereich des als besonders deutsch und heimatnah empfundenen Lebensgefühls. Das muss in Bezug auf die eigenen Produkte verteidigt werden.
Senf aus Bautzen ist ein guter Senf, auch wenn ihn Migranten essen. Die eigene Deutungshoheit über die mit dem Produkt verbundenen Gefühle ist der Schlüssel zu einer wirksamen Absenderkompetenz. Und diese ist der Schlüssel zur Lösung.
Absenderkompetenz als Schlüssel
Im Landtagswahlkampf in Thüringen hat der CEO eines international tätigen Unternehmens den Ton gesetzt. Er hat aus seiner eigenen Absenderkompetenz heraus argumentiert. Eigentlich gar nicht politisch und schon gar nicht parteipolitisch.
Er hat sinngemäß gesagt: Wir sind ein international erfolgreiches Unternehmen, das stark auf Forschung und Entwicklung ausgelegt ist. Wir müssen hochqualifizierte Mitarbeiter aus allen Teilen der Welt rekrutieren, um in Thüringen erfolgreich zu sein. Dafür braucht es ein weltoffenes, internationales Image dieses Landes. Damit ist der Punkt gemacht und die Richtung klar.
Auch der Senf muss übrigens aus allen Social Media Filmen verschwinden, wenn er instrumentalisiert wird. Dagegen gestellt werden sollte ein eigenes, starkes Narrativ, das die Deutungshoheit wahrt und das eigene Produkt oder die Branche als international und zukunftsfest darstellt.
Besondere Herausforderungen für betroffene Branchen
Es gibt aber auch Branchen, die durch ihre bloße Existenz schon zum Gegner geworden sind. Hier muss eine Lösung sehr viel mehr über alle Ebenen tragbar und vor allem durchsetzbar sein. Alles, was beispielsweise mit erneuerbaren Energien zu tun hat, wird von vielen Populisten grundsätzlich abgelehnt.
Da erntet man billigen Applaus und bedient das „nichts soll sich ändern“-Ideal. Diese Themen sind schwieriger, weil sie sich bis in die Kommunen durchziehen. Auch in Stadträten und den daran hängenden Stadtwerken braucht es Investitionen in die Energiewende.
Eine zusätzliche innerbetriebliche Schärfe bekommen diese Fragen durch die anstehenden Betriebsratswahlen. AfD-Vertreter haben vielerorts die Rolle der Arbeitervertretung von der schwachen SPD übernommen. Das wirkt sich jetzt auch auf der betrieblichen Ebene aus.
Wie umgehen mit AfD-Betriebsräten? Auch dafür müssen die hier gestellten Fragen nach dem Muster der Klarheit beantwortet werden. Hier wie auch auf der Branchenebene hilft das schon angedeutete Vorgehen, selbst ein klares, starkes Zukunftsbild zu entwickeln und allen relevanten Stakeholder intern und extern zu vermitteln. Wer eine starke Deutung über die eigene Zukunft vermitteln kann, braucht keine Angst zu haben vor destruktiven Anfechtungen.
Zeit für Haltung
Lösungen gibt es nur, wenn sie aktiv herbeigeführt und klar moderiert beschlossen werden. Auch dabei muss es demokratisch zugehen, das insbesondere in vielen Verbänden praktizierte Einstimmigkeitsprinzip kann in einer wehrhaften Demokratie nicht durchgehalten werden.
Entschlossenheit, die eigenen, stimmigen und abgewogenen Positionen zu einer generellen Haltung zu machen – das ist das entscheidende Momentum. Die Zeit drängt dabei, denn all das, was jetzt nicht festgelegt wird, wird es vielleicht niemals mehr zu einer Art Grundgesetz von Unternehmenswerten oder Branchenidealen schaffen. Opportunismus und politische Anpassung wird es in der Zukunft noch genug geben.





