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Medien

Wer hat Angst vorm ­Social Bot?

Der Einsatz von Social Bots ist eine Bank­rotterklärung politischer Kommunikation. Doch das Problem sind nicht die Bots selbst, sondern Menschen, die im Social Web ihre Kommunikation auf kryptische Monologe reduzieren und so ihren Wettbewerbs­vorteil gegenüber Automaten aufs Spiel setzen.

von Viktoria Bittmann

Die Angst vor Social Bots geht um. Automatisierte Accounts spammen die Timelines in sozialen Netzwerken zu, wir stehen dem hilflos gegenüber und können nur dabei zusehen, wie Robo-Identitäten peu à peu die Macht übernehmen. So zumindest scheint es, liest man die einschlägigen Kommentare und Leitartikel. Doch dem ist nicht so!

Übernehmen bald die Algorithmen? Nein – es sei denn, wir legen die Hände in den Schoß im Glauben, dass es sich bei Social Bots ohnehin nur um ein vorübergehendes Phänomen handele. Fakt ist: Wir haben ein Problem – doch das sind nicht die Social Bots. Sie sind lediglich dessen Symp­tom: Der Mensch ist drauf und dran, seinen Wettbewerbs­vorteil gegenüber den Automaten über Bord zu werfen: Nach John Locke ist eine menschliche Person, "ein denkendes intelligentes Wesen, das Vernunft und Reflexion besitzt und sich als sich selbst denken kann, als dasselbe denkende Etwas in verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten". Unser Reflexionsvermögen ermöglicht es uns, nicht nur aufeinander ein- oder stumpf aneinander vorbeizureden, sondern in Dialog zu treten, um durch Austausch und Perspektivwechsel neue Erkenntnisse zu gewinnen. All das können Bots – noch – nicht.

Im digitalen Raum, in dem sich nicht wenige hinter Pseudonymen verbergen, funktioniert Kommunikation anders. Echter Dialog findet allerdings oft nicht statt. Pöbler, Polterer und Hassprediger kommen über das kommunikative und intellektuelle Niveau von Talking-Points-absondernden Automaten nicht hinaus. Viele andere, die durchaus einen inhaltlichen Beitrag zur Debatte liefern könnten, wollen diesen nur loswerden, auf andere Diskutanten gehen sie nicht ein. Kurzum: Kommentare bei Facebook und Tweets sind oft nicht viel mehr als eine Ansammlung von Monologen (notabene: In manchen TV-Talkrunden ist das nicht anders). Doch wo es völlig normal ist, nicht auf seinen "Vorredner" einzugehen, sondern rauszu­trompeten, was man posten wollte, ohne sich für Entgegnungen zu interessieren, wird es immer schwieriger, Mensch und Maschine zu unterscheiden. Massenhaft verbreitete Bot-Posts gehen so leicht als echt durch – und genau daher rührt die Gefahr.

Die gute Nachricht lautet: Wir haben es in der Hand, die Bots zu entlarven! An engagierten Debatten können sie sich nicht beteiligen. Mehr als Abspulen programmierter Posts können die einfachen Exemplare unter ihnen nicht. Verwickeln wir sie also in Gespräche und nutzen die Fähigkeit, die uns abhebt von den Trolls dieser Welt! Wir machen es uns zu einfach, wenn wir aus Angst vor den Bots die Programmierer schelten, die sie in die Welt setzen. Es reicht auch nicht, auf diejenigen zu schimpfen, die diese unlauteren Mittel einsetzen. Noch viel weniger gehen wir das eigentliche Problem an, wenn wir schlicht ein Bot-Verbot fordern.

Der Einsatz von Bots ist eine Bank­rotterklärung menschlicher und politischer Kommunikation, und wer sich dieses Instruments bedient, hat an fairer, pluralistischer Meinungsbildung offensichtlich kein Interesse. Er zettelt einen asymmetrischen Kampf um die Deutungshoheit an, der den Intellekt des Menschen beleidigt. Doch wir können uns wehren. Wir haben die schärfere Waffe – unseren Verstand.

Viktoria Bittmann

ist Chefredakteurin von politik&kommunikation.