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Zukunft

Welches Zukunfts­thema spielt in der ­Politik zu Unrecht keine Rolle?

Ob Digitalisierung, Integration oder Gewerbesteuern: Johannes Willms, Karl Doemens, Ulrike Demmer, Ursula Weidenfeld, Martin Klingst und Brigitte Fehrle verraten, welche Themen auf der politischen Agenda fehlen.

Redaktion

Johannes Willms, Historiker und Publizist

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"Auffallend viele Klein- und Mittelstädte leiden sichtlich unter Auszehrung. Die Symptome sind überall dieselben: Fachgeschäfte und Handwerksbetriebe verschwinden, weil draußen auf der grünen Wiese Einkaufszentren wuchern. Die Logik dahinter ist die eines Milchmädchens, denn die Gewerbesteuer, die hier kräftig sprudelt, lässt die Städte verdorren und veröden. Das kommt am Ende teuer zu stehen."

 

Karl Doemens, Chefkorrespondent in der Dumont-Hauptstadtredaktion

Foto: Privat

"Über die 'Industrie 4.0' wird viel geredet. Weit weniger im Fokus steht die rasant fortschreitende Digitalisierung des Arbeitsalltags. Das Thema ist schwer zu packen – auch für die Medien. Manche Jobs übernimmt der Roboter, andere können daheim erledigt werden, der traditionelle Acht-Stunden-Tag wankt. Das birgt Risiken, aber auch Chancen für eine flexiblere Zeitgestaltung. Darüber brauchen wir eine vorurteilsfreie Debatte."

 

Ulrike Demmer, Leiterin des Hauptstadtbüros des Redaktions-Netzwerks Deutschland

Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz

"Die Interessen künftiger Generationen spielen in der Politik kaum eine Rolle. Das Problem wird sich verschärfen, denn die Wählermacht der Alten steigt. Trotz Schuldenbremse vererben die reichsten Eltern aller Zeiten ihren Kindern ein Defizit in Billionenhöhe. Wer jetzt jung ist, dem droht später Armut."

 

Ursula Weidenfeld, freie Journalistin und Autorin

Foto: Marc Darchinger

"Es klingt vielleicht merkwürdig, weil in der Politik ständig darüber verhandelt wird: Aber tatsächlich ist die Digitalisierung das am meisten unterschätzte Politikfeld der Bundesregierung. Wer bis 2018 nur Breitbandübertragungsraten von 50MBit garantieren kann, schneidet ländliche Gebiete von der Entwicklung ab. Wenn weder ein schneller Upload von Daten, noch störungsfreie Videokonferenzen, noch anspruchsvolle Computerspiele mit vielen Teilnehmern möglich sind: Wer soll für sich oder seine Firma eine Zukunft auf dem Land sehen?"

 

Martin Klingst, Politischer Korrespondent der "Zeit" in Berlin

Foto: Nicole Sturz

"Gerechtigkeit. Doch niemand tut etwas dafür, jedenfalls nicht in einem umfassenden Sinn. Dabei gehörte die Schaffung größerer Gerechtigkeit ganz oben auf die politische Tagesordnung. Mangelnde Gerechtigkeit ist das große, beherrschende Thema des 21. Jahrhunderts. Die Kluft zwischen Menschen, denen es gut geht, und jenen, die Not leiden, wird immer größer. Sie verursacht schwerste Konflikte. Bei uns – und global."

 

Brigitte Fehrle, Chefredakteurin der "Berliner Zeitung"

Foto: Christine Blohmann

"Es gibt nichts, was in der Politik nicht mindestens diskutiert würde. Über vieles aber mit falschen Konsequenzen. Bestes Beispiel: Integration. Wir glaubten lange, die Integration käme irgendwann in der dritten oder vierten Generation der Einwanderer von selbst. Wir dachten, es bräuchte uns nichts kosten. Kein Geld und keine Anstrengung. Heute finden sich unter diesen jungen Menschen gewaltbereite Extremisten. Lernen wir daraus!"