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Praxis

Was ­Politiker von ­Pavianen ­lernen ­können

Wahl- und Grabenkämpfe zerren im Politikeralltag an den Nerven und überlasten zuweilen das physiologische Regulationssystem. Warum es sich lohnt, in Sachen Burnout-Verhütung einen Blick auf das Verhalten verwandter Primaten zu werfen.

von Christoph Middendorf

Als Politiker oben angekommen zu sein, mag so manchem beneidenswert erscheinen, sind damit doch Ansehen, Einfluss und Privilegien verbunden. Doch sowohl der Weg dorthin als auch der Erhalt der Position haben einen hohen Preis. Und der oft beschriebenen Einsamkeit der Macht und dem physiologischen Stress vermag nicht jeder Mensch gleichermaßen standzuhalten.

Unser Stressregulationssystem im Gehirn – evolutionär entstanden als rasche physiologische Antwort zur Energiebereitstellung für Kampf und Fluchtimpulse in bedrohlichen Situationen – ist zwar überlebenswichtig, aber auf relativ kurze Belastungen ausgerichtet. Bei Daueraktivierung des Systems mit permanenter Ausschüttung der im Gehirn vermittelnden Neurotransmitter und Hormone kommt es zu Schädigungen durch das System selbst mit den bekannten Stressfolgeerkrankungen. Diese äußern sich sowohl durch körperliche (z.B. Bluthochdruck, muskuläre Verspannungen, vegetative Dysregulationen, Infektabwehrschwäche) als auch psychische Symptome (z.B. Schlafstörungen, Angstattacken, Burnout bis hin zu Depressionen).

Für die Menschen in der westlichen Welt gibt es immer weniger natürliche Bedrohungen, aber umso mehr Gefahren aus ihrer sozialen Umwelt. Insbesondere die Primatenforschung der vergangenen 40 Jahre an Pavianen in kenianischen Reservaten, beginnend mit Robert Sapolsky und nicht zuletzt Laurence Gesquiere, zeigen, dass in sozial komplex strukturierten Gemeinschaften besonders die Alphatiere die höchsten Stresspegel in der Population aufweisen.

Dies besonders zu Zeiten, in denen ihnen ihr Rang streitig gemacht wird und sie mit Konkurrenzverhalten, dem Erringen und Erhalten von Macht, der Verteidigung von Interessen und dem Werben um Weibchen beschäftigt sind. Haben sie erst einmal die höchste Position erklommen und sind in eine für andere gesichert unerreichbare Position aufgestiegen, so ist ihr Regulationssystem sogar entspannter als das der anderen Tiere.

Ein ständiger Kampf um die Alphaposition

Allerdings: In unseren demokratisch organisierten Gemeinschaften gibt es diese monarchisch anmutenden, höchsten Positionen in einer stabilen Hierarchie nicht mehr. Politiker zu sein bedeutet in unserer mediatisierten Gesellschaft einen ständig unter Beobachtung erfolgenden, dauerhaften Kampf um eine Alphaposition. Über Jahre hinweg zerren Wahl- und Grabenkämpfe, Werbung, Einflussnahme, Konkurrenz und Koalitionsbildungen an den Nerven und überlasten das physiologische Regulationssystem. Die oft bis in das Privatleben reichende mediale Präsenz macht die Politiker anfällig für Angriffe der Konkurrenz und lässt sie kaum zur Ruhe kommen.

Die Primatenforschung hat auch gezeigt, dass nicht nur die Quantität sozialer Stressoren, sondern auch die Art des Umgangs damit für die Höhe der Stresshormone im Blut der untersuchten Tiere bestimmend ist. Tiere mit günstigem Stressprofil konnten besser abschätzen, ob sie sich in einer bedrohten Position befanden, nahmen schneller den Kampf auf, demonstrierten ihre Position nach gewonnener Auseinandersetzung besser und reagierten sich nach einer Niederlage unmittelbarer ab.

Untersuchungen an Menschen belegen, dass neben der genetischen Ausstattung, die das Regulationssystem kennzeichnet, vor allem die frühkindliche Einwicklung und in dieser Lebensphase erlittene Belastungen lebenslang den späteren Umgang mit Stressoren prägen.

Somit darf man mit einiger Überzeugung davon ausgehen, dass es auch unter Politikern Persönlichkeitstypen gibt, die günstige Vorausetzungen für ihren Job mitbringen und relativ stressresistent sind, aber eben auch eine Gruppe, die besser beraten wäre, den Kampf um die höchsten Positionen zugunsten der eigenen Gesundheit ruhen zu lassen. Eben diese Gruppe erscheint als die gefährdetste, unter dem Druck zusammenzubrechen oder sich unter Verwendung psychotroper Substanzen wie Alkohol, Beruhigungs- oder Aufputschmittel der pharmazeutischen Industrie oder aus dem Drogenmilieu der körpereigenen Regulation scheinbar "hilfreich" unter die Arme zu greifen.

Was also kann man Politikern raten, um einer Burnout-Entwickung, anderen ernsthaften Stressfolgestörungen, seelischen Erkrankungen oder einer Suchtentwicklung rechtzeitig vorzubeugen? Die wohl wichtigste und einfachste Regel ist, nicht davon auszugehen, dass man zur resistenten Gruppe gehört, schlicht und ergreifend weil man es überhaupt in die Politik oder die oberen Ränge der Gesellschaft geschafft hat. Von leistungsfähigen, in der Politik tätigen Patienten höre ich fast immer: "Ich hätte niemals gedacht, dass mich das treffen könnte." Ein Bewusstsein dafür hätte sicher manch unheilvolle Entwicklung verhindert.

Die Reflexion über den eigenen Umgang mit Stress in der Vergangenheit kann Auskunft über das zu erwartende Szenario bei einer neuen Herausforderung geben und eventuell auch dazu führen, sich rechtzeitig mit einer Position unterhalb der Spitze zu arrangieren. Frühzeitig abzuschätzen, wann eine Schlacht verloren ist und sich dann zurückzuziehen, ist ein weiteres Indiz für einen gesunden Umgang in sozialen Hierarchien. Gespräche mit Dritten und Hinweise aus der Umgebung können dabei helfen zu vermeiden, sich zu lange in eine Idee zu ­verrennen. "Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich in der bestehenden Machtkonstellation keine Chance hatte", sagte mir ein Politiker, der sich in führender Position in der Kommunalpolitik über Jahre aufgerieben hatte. Frühzeitig Kompromisse zu suchen, mag dem einen oder anderen als Schwäche ausgelegt werden, die Stressphysiologie sieht das anders.

Auch der persönliche Umgang mit Niederlagen scheint im politischen Feld von besonderer Relevanz für die psychische Stabilität. "Ich habe stets nach außen versucht, die Haltung zu bewahren, nach frustrierenden Auseinandersetzungen souverän zu wirken und den Ärger in mich reingefressen", sagte ein Abgeordneter, den seine Alkoholkrankheit in die Klinik führte.

Die besten Burnout-Verhütungsmittel

Wer an sich beobachtet, dass er Alko­hol oder andere psychotrope Substanzen regelmäßig funktional einsetzt, um die Anspannung zu regulieren, Schlaf herbeizuführen oder seine Leistungsfähigkeit zu steigern, sollte dies als Alarmzeichen ­betrachten – bevor der Körper eine Abhängigkeit entwickelt und die ­politische ­Karriere in einer Polizeikontrolle endet.

Stressoren soweit wie möglich herunter zu regulieren und zeitlich begrenzt zu halten, ist das Eine. Ein gutes Zeit­management, die Anwendung des Pareto-Prinzips – wonach 80 Prozent des Ergebnisses mit 20 Prozent des Aufwands erreicht werden können – und das berühmte Nein-Sagen sind weitere Burnout-Verhütungsmittel. Letztlich geht es bei allen Bemühungen darum, diese Fähigkeiten zu entwickeln oder unter den Belastungen zu bewahren, die eigenen Grundbedürfnisse mittelfristig zu befriedigen und dafür zu sorgen, dass die eigenen Ressourcen erhalten bleiben beziehungsweise sich erneuern.

Im Zuge der ökologischen Bewegung haben wir das Prinzip der Nachhaltigkeit in der Natur inzwischen als überlebensnotwendig verstanden – in Bezug auf den Umgang mit dem eigenen Gehirn ist das leider noch nicht ausreichend der Fall. Sich durch die Aktivierung der eigenen Ressourcen ein Gegengewicht zum Stress zu schaffen, ist daher wesentliches Grundprinzip. Dabei kann monate- oder jahrelanger Raubbau nicht durch einmalige Urlaubszeiten kompensiert werden.

Jeder Ratgeber für Stressprophylaxe zählt viele Möglichkeiten auf, die es aber eben auch umzusetzen gilt: kleine Auszeiten im Tagesgeschehen, Zeiten des Offline-Gehens, Sport, Entspannungstechniken oder meditative Verfahren der sogenannten achtsamkeitsbasierten Medizin, kreative Betätigungen.

Das alles trägt dazu bei, die Balance im Stoffwechsel unseres wichtigsten Organs, dem Gehirn, wieder herzustellen. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Regelmäßigkeit. Rituale sind besser als kurzfristige Reaktionen auf aktuelle Belastungen. "Psychohygienische Zeiten" sollten unumstößlich in den Kalender eingebaut werden. Resilienz ist damit immer auch ein Zusammenspiel aus guten Gewohnheiten und bewussten, an Sein-Zielen und nicht an Haben-Zielen orientierten Entscheidungen.

Nicht zuletzt gilt es daher, die vielleicht wichtigste Ressource in sozialen Systemen für die eigene Emotionsregulation anzuzapfen: funktionierende soziale Beziehungen. Kaum etwas wirkt protektiver auf unser Stressregulationssystem, als sich in persönlichen und nahen emotionalen Beziehungen geborgen und akzeptiert zu fühlen. Dass menschliches Miteinander nicht nur von Machtinteressen, Kampf und Auseinandersetzung gekennzeichnet ist, sondern auch von Vertrauen, Fürsorge und Liebe, gerät in manch politischer Debatte ins Hintertreffen. Gerade deswegen sollte außerhalb der politischen Auseinandersetzung die Umgebung eines Politikers solche Qualitäten aufweisen. Denn auch Paviane kämpfen nicht nur, sondern kraulen sich auch immer wieder gegenseitig das Fell.

Christoph Middendorf

ist Facharzt für Psychiatrie sowie für Psychotherapeutische Medizin und als medizinischer Geschäftsführer für die Oberbergkliniken tätig. (Foto: Oberbergkliniken/Die Hoffotografen)