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Public Affairs

Warum ich aus Überzeugung Lobbyistin bin

Das Image von Interessenvertretern in der Öffentlichkeit ist mäßig. Gastautorin Anica Heinlein von der Hilfsorganisation Care schreibt, warum sie dennoch gern Lobbyistin ist.

von Anica Heinlein

"Ich bin Advocacy-Referentin bei Care." Wenn ich Menschen sage, was ich beruflich mache, schaue ich meist in verständnislose Gesichter. Ich erkläre dann: "Das bedeutet, dass ich als Verbindungsreferentin für politische Entscheidungsträger die Erfahrungen und Empfehlungen aus unserer Arbeit weltweit weitergebe. Damit sollen Abgeordnete in die Lage versetzt werden, informierte Entscheidungen zu treffen.“ Auch die folgende Reaktion ist meist gleich: "Ach, du bist Lobbyistin!"

Manchmal klingt das leicht verächtlich, denn das Bild von Lobbyisten in Deutschland ist oft geprägt durch die – gerechtfertigte – Debatte um geheim vergebene Hausausweise für den Bundestag, mit denen ohne Voranmeldung die Gebäude des Bundestags betreten werden können.

Nur mit Termin in den Bundestag

Um es gleich vorwegzunehmen: Das alles hat wenig mit meinem Alltag zu tun. Ja, ich besitze einen Hausausweis, aber mein Name steht für jedermann lesbar in der Verbandsliste des Bundestags. Ohne Termin habe ich die Gebäude noch nie betreten. Wieso auch? Bei dem Arbeitspensum von Abgeordneten wäre das wenig erfolgversprechend. Manchmal kommentiere ich Entwürfe von offiziellen Dokumenten. Ob diese Kommentare Eingang finden, liegt nicht in meiner Hand.

Meine Aufgabe besteht darin, Abgeordneten Einblicke in unsere Arbeit zu geben, damit sie nachvollziehen können, wo deutsche Spenden- und Steuergelder hinfließen. Ich mache Verbesserungsvorschläge mit dem Wissen aus unserer praktischen Arbeit. Und ich versuche den betroffenen Menschen in unseren Projektländern eine Stimme zu geben, wenn es um außenpolitische Prozesse der Bundesregierung geht. Ich verstehe meine Aufgabe als moralische Pflicht den Menschen gegenüber, mit denen wir weltweit arbeiten.

Ich arbeite für Menschen in vergessenen Krisen, wie jene, die vor mehr als einem Jahrzehnt aus Darfur in den Tschad geflohen sind und seitdem in Flüchtlingslagern leben. In einer unwirtlichen Gegend haben etwa 300.000 Menschen fast alles, was sie besitzen, von humanitären Organisationen erhalten. Dort gibt es keine Möglichkeit, sich selbst zu versorgen.

Doch die Krise in Darfur ist lange her, andere Konflikte bestimmen mittlerweile unsere Medien und die Gelder für die Versorgung werden fortwährend gekürzt. Die Menschen leben jedoch nach wie vor von Lebensmittelverteilungen, die aus Geldmangel nur noch mit 800 Kilokalorien am Tag kalkuliert sind. Zum Vergleich: Laut Online-Rechner beträgt die Energiemenge, die mein Körper bei sitzender Tätigkeit pro Tag verbraucht, etwa das Doppelte. Und ich laufe an einem normalen Arbeitsalltag nicht 40 Kilometer, um Holz fürs Heizen oder Nahrungsmittel zu suchen.

Dies zu kommunizieren und so den Menschen in vergessenen Krisen eine Stimme zu verleihen, ist meine Aufgabe. Denn egal wie viel Geld in die praktische Hilfe vor Ort gesteckt wird: Ursachen für das Leid der Menschen ändern sich oft erst dann, wenn dafür auch der politische Wille besteht.

Wenn ich also das nächste Mal gefragt werde, ob ich Lobbyistin bin, ist meine Antwort klar und einfach: "Ja, und zwar aus Überzeugung."

Anica Heinlein

ist Advocacy-Referentin bei Care. (Foto: Ute Grabowsky/photothek.net)