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Politik

Sieb- und stichfest

"Postfaktisch" lautet das Wort des Jahres 2016. Die Lüge hat sich in diesem neuen Zeitalter in Politik und Medien offenbar als kommunikatives Mittel der Wahl etabliert. Wie lässt sich dagegen vorgehen? Sokrates hilft.

von Viktoria Bittmann

"Lügende Medien berichten über lügende Politiker" – so lässt sich das Weltbild einer wachsenden Gruppe von Menschen zusammenfassen. Die Dramatik der Situation aber ist vielen Adressaten offenbar nicht klar. Ja, wir stehen noch nicht am Abgrund: Laut einer repräsentativen Studie des Bayerischen Rundfunks (März 2016) halten drei Viertel der Befragten die Öffentlich-Rechtlichen und Tageszeitungen für glaubwürdig. Wahr ist aber auch: 60 Prozent der Leute denken, dass die Medien von Regierung und Parteien bevormundet und unerwünschte Meinungen ausgeblendet werden.

Man muss nicht den Kampfbegriff "Lügenpresse" in den Mund nehmen, um den Medien jede Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit abzusprechen. CSU-Chef Seehofer hat’s vorgemacht, als er ARD und ZDF "realitätsferne Berichterstattung" unterstellte. Wir halten fest: Das Image der Medien ist miserabel.

Gleichzeitig zeigt sich auch die Politik nicht gerade als Hort der Wahrheit. Gewiss: Weder der Begriff noch das Phänomen post-truth politics ist in Wahrheit neu. Gelogen wird seit eh und je – und das gilt nicht nur für Politiker. Glaubt man Wissenschaftlern, so lügen wir alle bis zu 200 Mal am Tag – also bei acht Stunden Schlaf etwa alle fünf Minuten.

Neu – und hier wird eine kritische Grenze überschritten – ist die Koketterie mit der Lüge. Wenn Brexit-Befürworter Arron Banks mit seinem Credo "Facts don’t work" nicht nur hausieren geht, sondern auch noch Recht behält, dann mag er einen Punktsieg landen – in Wirklichkeit erringt er einen Pyrrhussieg. Der, der sich freimütig als Lügner zu erkennen gibt, gilt dadurch noch lange nicht als ehrliche Haut. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht – das lernt man schon als Kind.

Gerade weil der Mensch ein ambivalentes Verhältnis zur Wahrheit pflegt, sollten sich die Eliten ihrer Verantwortung bewusst sein. Für Medien heißt das: Wir müssen Information und Meinung sauber trennen – eine angelsächsische Grundregel, die in Deutschland immer seltener eingehalten wird. Für Politiker heißt das: Populisten, die mit ihren einfachsten "Wahrheiten" nach Wählerstimmen angeln, muss man entlarven, statt sich für einen kurzfristigen Erfolg auf deren Niveau herabzulassen. Das Problem wird nicht gelöst, indem sich zu den autoritär gesonnenen Populisten demokratische hinzugesellen.

Da am Ende eine Lüge solange als Wahrheit gilt, bis sie als Lüge erkannt wird, sind schließlich wir alle gefragt. Es mag mühsam sein, dennoch sollten wir im Alltag gelegentlich an die Geschichte von den drei Sieben des Sokrates denken. Sie geht so: Sokrates erhält Besuch von einem Freund, der ihm unbedingt etwas erzählen will. Sokrates fragt seinen Freund, ob er das, was er zu erzählen gedenke, durch "die drei Siebe" gesiebt habe. Das erste Sieb sei das der Wahrheit, das zweite das der Güte und das dritte das der Notwendigkeit. Wenn also das, was er erzählen wolle, weder wahr noch gut oder gütig, geschweige denn notwendig sei, so wolle er es gar nicht erst hören, sagt Sokrates zu seinem Freund – und hört: nichts.

Ob Sokrates jemals von derlei "drei Sieben" gesprochen hat, ist nicht gewiss. So viel zum Wahrheitsgehalt dieser Parabel. Doch machen wir an dieser Stelle eine Ausnahme! Es ist nicht notwendig, dass diese Begebenheit tatsächlich stattgefunden hat. Denn die Botschaft, die sie vermittelt, ist wahrhaftig und gut.

Viktoria Bittmann

ist Chefredakteurin von ­politik&kommunikation.