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Foto: Bundesregierung/Bergemann
Praxis

Rhetorikcheck: Außenminister Sigmar Gabriel

60 Jahre nach Unterzeichnung der Römischen Verträge hat Großbritannien die entscheidende Weiche für den Brexit gestellt. Ob Bundesaußenminister Sigmar Gabriel im Bundestag dazu die richtigen Worte gefunden hat, analysiert Frank Hartmann im Rhetorikcheck.

von Frank Hartmann

Sigmar Gabriels Blick schweift zu Beginn seiner Rede durch die Reihen der Parlamentarier, seine Brille hat er abgenommen, sein Ton ist ernst: "Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen, gestern hat die britische Regierung formell mitgeteilt, dass das Vereinigte Königreich aus der Europäischen Union austreten möchte. Ich denke, alle hier im Parlament hätten sich ein anderes Geburtstagsgeschenk kurz nach dem 60. Jubiläum der Europäischen Union am letzten Wochenende gewünscht. Doch lamentieren hilft nichts. Wir respektieren die britische Entscheidung."

Es ist deutlich zu spüren, dass Gabriel meint, was er sagt. Seine Gesten begleiten synchron die Worte, schaffen das Bild zum stimmlichen Ausdruck. Seine Stärken sind die eindringlichen Pausen und klaren Betonungen wohlüberlegter Worte: "Doch machen wir uns nichts vor. (Pause) Der Brexit zwingt auch die verbleibenden Staaten (Pause) der Europäischen Union dazu, (Pause) ihren weiteren Weg (Pause) neu zu vermessen."

Stimme und Stimmung als Markenzeichen

Gabriel wirkt als Außenminister rhetorisch gesetzter als zuvor als Wirtschaftsminister. So sagt er wenig später: "…Gibt es keine Region in der Welt (Pause) in der man so sicher (Pause) so frei (Pause) und so demokratisch leben kann (Pause) wie bei uns (Pause) in der europäischen Union." Bei ihm selbst und auch bei den Zuhörern schaffen Pausen Identifikation und Emotionalität. Sie verstehen durch Gabriels Rhetorik die Situation besser. Die stimmliche Emotion, die Gabriel als Ausdruck einer inneren Bewegung zulässt, verbindet ihn mit seinem Auditorium. Sie ist Gabriels Markenzeichen.

"Für dieses Europa braucht man vielleicht ein bisschen Mut, keine Frage. Mein Gott, was müssen das für mutige Frauen und Männer gewesen sein, so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg laden die Deutschland ein, an den Tisch der zivilisierten Völker Europas zu kommen. Das Land, das vorher brandschatzend und mordend durch Europa gezogen ist. … Ich glaube, dass wir heute auch Mut brauchen, aber ich vermute, nicht so viel Mut, wie die damals gebraucht haben. Wenn man weiß, wo man hin will, dann, finde ich, kann man den Mut aufbringen und dann muss uns um Europa nicht bange sein. Vielen Dank!" Es folgt: Applaus für das Mutmachen, für Pathos, angemessene Musikalität, die so oft in Bundestagsreden der juristisch geprägten Abgeordneten fehlt.

Fazit

Gabriels Stärke ist seine Fähigkeit, Emotionen bei sich und den Zuhörern zu erzeugen. Das schafft Verbindung und Identifikation – und ist nicht zuletzt Ausdruck von Mut, einer der fünf Grundtugenden für eine gute Rede.

Mimik, Gestik, Körpersprache:

Lebendiger Ausdruck:

Redeaufbau: 

Frank Hartmann

berät mit seinem Trainerteam Fach- und Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft.