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Foto: Laurin Schmid
Medien

Im Geschäft der Eitelkeiten

Christine Blohmann lichtet mit ihrem Team von den "Hoffotografen" regelmäßig deutsche Polit-Profis ab. p&k erzählt sie, weshalb Politiker weniger auf Berater hören sollten und warum Empathie für einen Fotografen zum Handwerkszeug gehört.

Interview: Martin Koch

p&k: Frau Blohmann, weshalb heißt Ihr Fotostudio eigentlich "Die Hoffotografen"?

Christine Blohmann: Unser Studio, das wir vor 16 Jahren gegründet haben, liegt ja am Monbijouplatz und damit ganz in der Nähe der Hackeschen Höfe. Zudem mag ich das Höfische irgendwie und war schon immer recht anglophil. Da lag der Name "Die Hoffotografen" nahe.

Viele Polit-Profis lassen sich von Ihnen fotografieren. Dem Berliner Politikbetrieb wird nachgesagt, er sei „legerer“ als früher. Können Sie das bestätigen?

Nein. Die Politiker, die wir hier fotografieren, sind selten leger. Und die Art, wie sie dargestellt werden wollen, ist doch eher konservativ. Mich wundert, dass zum Beispiel Grünen-Politiker genauso eitel sind wie die der anderen Parteien. Mittlerweile kommen auch sie nur noch im Anzug.

Wie würden Sie denn einen Politiker gerne ablichten?

Es wäre schön, wenn sich mal jemand öffnen und sagen würde, dass es ein bisschen anders aussehen soll. Aber es wird eben sehr viel auf das Image geachtet. Das ist natürlich nicht nur die Schuld der Politiker.

Sondern?

Dahinter stecken auch die Agenturen und Berater, die sehr viel steuern. Das finde ich schade. Gerade im Wahlkampf bekommen wir oft Auflagen, die wenig Sinn ergeben. Zum Beispiel müssen wir Hintergrundfarben verwenden, die nicht zum Hautton des Porträtierten passen. Aber da gibt es dann eben ein Konzept, das allen übergestülpt wird.

Muss Porträtfotografie immer die Eitelkeiten des Abgelichteten bedienen?

Wir sind im Geschäft der Eitelkeiten, das kann man nicht anders sagen. Der Mensch ist nun mal eitel und das finde ich auch völlig okay. Für professionelle Porträtfotografie heißt das vor allem: Krawatte und Sakko müssen sitzen und das Hemd darf keine Falten haben. Und was der Mensch und seine Kleidung nicht hergeben, das macht Photoshop. In 80 Prozent der Fälle richten wir die Krawatten in der Bildbearbeitung noch einmal nach.

Abgesehen von schlecht gebundenen Krawatten: Was können Ihre Kunden vor einem Shooting noch alles falsch machen?

Den falschen Friseur auswählen oder die falsche Kleidung mitbringen – so etwas passiert schon mal. Oft sind es Muster oder Farbkombinationen, die nicht passen. Bei uns gibt es eine sogenannte Zufriedenheitsgarantie. Das heißt, wenn jemand mit seinen Porträts unzufrieden ist, dann wiederholen wir den Termin. Es kommt schon vor, dass jemand beim ersten Termin feststellt: Hätte ich mir doch lieber vorher die Haare schneiden lassen! Oft kommt er dann mit komplett anderer Frisur und Kleidung wieder als beim ersten Mal.

Wie reagieren Sie dann?

Da schmunzeln wir drüber weg.

Kommt es auch vor, dass Kunden beratungsresistent sind?

Nein, eher selten. Wenn jemand gar nicht einsehen möchte, dass es so nicht geht, dann mache ich eine Probeaufnahme und zeige sie dem Kunden auf dem Bildschirm. Das hilft fast immer. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich jemanden nach Hause geschickt und gesagt habe: Wir machen die Fotos an einem anderen Tag.

Sind professionelle Porträtfotos heute noch ein Alleinstellungsmerkmal?

Professionelle Porträtfotos sind eine Stilfrage geworden, und ich finde, sie sind existenziell wichtig. Ich erschrecke immer noch regelmäßig, wenn ich mir die Internetseiten von Firmen, die uns anfragen, anschaue. Auch in sehr renommierten Unternehmen kommt es vor, dass die Mitarbeiter einfach vor eine Wand gestellt werden, und dann macht jemand mit dem Handy ein Foto von ihnen. Das geht natürlich nicht. Gerade große Firmen, die einen guten Ruf haben, sollten über einheitliches Bildmaterial verfügen, das von einem Fotografen erstellt wurde.

Beobachten Sie diese Indifferenz gegenüber guten Porträtfotos auch bei Politikern?

Ja, besonders vor Wahlen. Die meisten Kandidaten sind der Öffentlichkeit ja nicht bekannt; daher müssen sie viel über Wahlplakate kommunizieren. Leider ist es aber oft ein Graus, sich diese Wahlplakate anzuschauen.

Was wird denn auf Wahlplakaten besonders oft falsch gemacht?

Bei Frauen stimmt das Make-up oft nicht. Häufig sind die Bilder viel zu grell, die Frisur sieht komisch aus oder die Kleidung hängt irgendwo. Auch die falsche Belichtung ist manchmal unerträglich.

Woran liegt das?

Oft lassen sich Politiker von Pressefotografen porträtieren, die natürlich hervorragend in situativer Fotografie sind. Aber im Porträt-Bereich sind sie selten geschult. Manche Fraktionen beschäftigen Fotografen, die alle Fraktionsmitglieder fotografieren, aber so mancher Abgeordneter kommt dann privat zu uns, weil ihm das Foto nicht gefällt.

Sind Politiker eitler als andere Kunden?

Nein. Und man kann auch nicht sagen, dass Frauen eitler sind als Männer. Die Eitelkeit ist insgesamt sehr hoch. Es ist im Berufsleben einfach extrem wichtig geworden, wie man wirkt. Daher sollte man schon darauf achten, dass man gut aussieht. Bei uns wird jeder geschminkt – auch Männer. Vor ein paar Jahren haben die männlichen Kunden noch ein wenig gezuckt, wenn wir ihnen Abdecker und Make-up auftragen wollten. Mittlerweile schminken sich Topmanager vor jedem Auftritt. Niemand möchte Rasurbrand oder Unreinheiten im Gesicht haben.

Wie schießen Sie ein gutes Porträt von einem Politiker?

Gute Frage. Für ein gutes Porträtfoto reicht es nicht aus, dass Licht und Belichtungszeit stimmen. Bei älteren Abgeordneten zum Beispiel muss man ein Gefühl dafür haben, wie sie attraktiv rüberkommen. Wichtig ist es auch, den Kunden zu motivieren, sich entsprechend in Szene zu setzen. Das Fotografieren muss Erlebnis sein, Kopfkino. Nur dann lässt sich ein bestimmter Ausdruck erreichen.

Reden Sie viel mit Ihren Kunden während des Termins?

Ja, natürlich. Einige schütten uns auch ihr Herz aus. Mobbing, zum Beispiel, ist ein großes Thema. Da gebe ich auch schon mal Tipps, weil ich ja schon viele solcher Geschichten gehört habe.

Das klingt, als hätten Sie ein sehr persönliches Verhältnis zu Ihren Kunden. Ist das so, weil die Porträtfotografie insgesamt eine sehr intime Sache ist?

Ja. Sehr gute Porträtfotos kann man nur machen, wenn man etwas über die Menschen weiß. Gerade Männer in wichtigen Positionen neigen dazu, eine Rolle zu spielen und übertrieben selbstbewusst aufzutreten. Das sind sie in der Regel aber gar nicht. Aber wenn das Umfeld entspannt ist, kann man für echtes Selbstbewusstsein sorgen.

Wie empathisch muss ein guter Fotograf sein?

Wer die persönliche Situation des Kunden kennt, kann ihn ganz anders motivieren. Ich kann ihm zum Beispiel sagen: „Sie haben eine tolle Ausstrahlung, und ich bin mir sicher, das klappt mit der Bewerbung.“ Dann kommt auch ein toller Ausdruck zustande, mit dem man wirklich etwas erreichen kann. Wenn ich nichts über den Kunden weiß, dann ist es eben nur ein Bild. Mir ist das zu wenig.

Wie bekommen Sie in Ihren Fotos den Spagat hin zwischen dem, was der Kunde darstellen will, und dem, wie er wirklich ist?

Indem ich ihm begreifbar mache, dass er so, wie er ist, gut genug ist. Natürlich ist ein Porträtfoto immer etwas Offizielles, das den Dargestellten in einer bestimmten Rolle zeigt. Aber er muss dabei trotzdem authentisch bleiben.