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Foto: Thinkstock/gpr_yugesh
Politik

Hat der Newsletter eine Zukunft?

Hat der E-Mail-Newsletter künftig noch eine Chance angesichts der Konkurrenz durch neue Tools wie Whatsapp, Periscope und Facebook Live? Martin Fuchs sagt: Ja – aber nur, wenn die Absender einige wichtige Dinge beachten.

von Martin Fuchs

Nie war mein E-Mail-Postfach voller als heute: Jeden Morgen erreichen mich immer neue Newsletter von Fachdiensten, Medien, NGOs, Parteien und Politikern. Aktuell versuchen 15 kuratierte Angebote, mir den Start in den Tag zu erleichtern. Der Newsletter ist lebendiger denn je.

Medien und politische Akteure haben die E-Mail wiederentdeckt. Das wirkt in Zeiten von Periscope, Snapchat, Whatsapp, Tinder und vielen weiteren mobilen Kommunikationstools antiquiert. Gefühlt wird fast jede Woche ein neues Tool mit rasant steigenden Nutzerzahlen, das die politische Kommunikation angeblich revolutionieren wird, zum neuen Star ausgerufen. Technikaffine "Early Adopter" spülen es wie aufgekratzte Groupies in die Timelines der politischen Akteure.

Aber was bringen die neuen Apps und Anwendungen wirklich für die politische Kommunikation? Sind sie sinn- und wirkungsvolle Alternativen zum lang vergessenen E-Mail-Newsletter? Ein kritischer Blick auf Whatsapp, Periscope und Facebook Live.

Whatsapp

Die Junge Union begrüßt seit April jedes Neumitglied via Whatsapp mit einem kurzen Video. CDU und SPD haben im beginnenden Vorwahlkampf in Rheinland-Pfalz eigene Accounts eingerichtet, um Presse- und Eilmeldungen zu versenden und Fragen zu beantworten. Die nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Sarah Philipp (SPD) versendet ihren "Bericht aus Düsseldorf" nun über Whatsapp.

Bereits 2013 veröffentlichte der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs (SPD) seine Whatsapp-Telefonnummer auf seinem Wahlplakat, um potenziellen Wählern eine direkte Ansprache auch außerhalb von Parteiveranstaltungen zu ermöglichen – mit großem Erfolg, wie er später resümierte.

Aktuell nutzen mehr als 35 Millionen Deutsche die kostenlose Messenger-App. Möchten die Nutzer über diesen Kanal auch mit der Politik in Kontakt treten? Zur Funktionsweise: Jeder Smartphone-Nutzer kann sich die App kostenlos herunterladen.

Sie funktioniert ähnlich wie die SMS, ergänzt um weitere kostenfreie Features: Man kann unbegrenzt lange Texte, aber auch Fotos und Videos an einzelne Nutzer oder auch in Gruppen mit bis zu 256 Mitgliedern senden. Jeder Nutzer kann zudem selbst Mitglied in unzähligen Gruppen werden, um so direkte Informationen zu erhalten und Diskussionen zu folgen. Zudem kann er direkten Kontakt zum Absender der Informationen aufnehmen.

Whatsapp bietet alle Funktionen für den Newsletter für die mobile Generation. Insbesondere auf mobilen Endgeräten können Informationen optimal zur Verfügung gestellt werden. Der besondere Vorteil der App: Sender und Empfänger können direkt miteinander kommunizieren.

Bewertung: Das Handling für Absender, gerade bei Empfängerkreisen, die 256 Mitglieder übersteigen, ist noch nicht optimal. Auch wenn Whatsapp an Lösungen arbeitet, müssen Informationen bisher in parallel erstellten (Broadcasting-)Gruppen händisch über die App mehrfach gepostet werden.

Eine Desktopversion ist noch nicht verfügbar. Wenn man keinen externen Dienstleister beauftragen möchte, macht das den Versand zu einer nervigen Fingerübung in Copy & Paste.

Montage: Marcel Franke

Da Whatsapp die "gewerbliche" Nutzung untersagt, befinden sich auch Dienstleister in einer rechtlichen Grauzone. Weiterer Nachteil: Die Telefonnummern gehören dem Dienstleister, nicht dem Anbieter des Newsletters. So entstehen Abhängigkeiten und die Gefahr, den gesamten Abonnentenstamm zu verlieren.

Erste Erfahrungsberichte zeigen aber, dass Newsletter über Whatsapp besser ankommen, da die Informationen gefühlt "näher am Nutzer" sind als bei einer klassischen E-Mail: Newsletter-Öffnungsraten von 99 Prozent, Link-Klickraten von 30 bis 60 Prozent und fast überwiegend positives Feedback belegen das Potenzial dieses Kanals.

Periscope und Facebook Live

Livestreaming-Angebote erfreuen sich in der Politik immer größerer Beliebtheit. Pressekonferenzen werden übertragen, genauso wie spontane Reden in Flüchtlingsunterkünften oder Debatten aus dem Bundestag. Periscope und Facebook Live sind überall dabei – und das parteiübergreifend.

Periscope, die zu Twitter gehörende App, kann zwar auch außerhalb des Twitter-Universums genutzt werden, die größte Reichweite erzielt sie aber über den Kurznachrichtendienst.

In Deutschland erreicht man somit eine überschaubare Gruppe von Multiplikatoren, aber nicht die breite Bevölkerung. Schätzungen gehen von 900.000 aktiven deutschen Twitterati aus. Größere Reichweiten erzielt Facebook Live, allein durch die Nutzerzahlen des sozia­len Netzwerks. Bisher sind viele Strea­mings aber nur ein langweiliges mobiles Abbild klassischer TV-Übertragungen. Die Reichweiten sind auch dort überschaubar.

Funktionsweise: Livestreams werden in den meisten Fällen vorher in den Netzwerken angekündigt oder finden spontan auf den Seiten und Profilen des Nutzers (Sender) statt. Sobald das Streaming beginnt, ist man als Zuschauer live dabei.

Mit Periscope kann jeder Nutzer streamen, Facebook Live ist bisher nur für wenige (verifizierte) Fanseiten freigeschaltet. Nach 24 Stunden wird der Stream bei Periscope wieder gelöscht, Facebook-Streamings sind hingegen unbegrenzt abrufbar.

Bewertung: Bewegtbilder werden auch in der politischen Kommunikation immer wichtiger. Komplexe Inhalte lassen sich manchmal besser mit einem Video erklären als in langen Texten. So gesehen bieten Strea­ming-Angebote eine einfache Möglichkeit, den Newsletter in Bild und Ton anzubieten.

Um diesen allerdings spannend und erfolgreich zu gestalten, müssen die Informationen gut aufbereitet werden, der Präsentator muss live eine gute Figur machen und der gestreamte Newsletter kontinuierlich angeboten werden. Das kostet Zeit und gegebenenfalls zusätzlich Geld. Von daher gibt es bisher in Deutschland nur wenige gute Beispiele.

Aktuell sind mehr als 90 Prozent der deut­schen Internetnutzer in allen Alters­gruppen E-Mail-Newsletter-Abonnenten. Auch in Zukunft wird sich das nicht rapide ändern. Aber insbesondere Whatsapp stellt eine spannende Alternative dar, um Interessierte direkter zu erreichen und eine höhere Aufmerksamkeit für politische Informationen zu erhalten.

Ich bin allerdings skeptisch, ob Streaming-Dienste den klassischen Newsletter ersetzen können. Politische Vodcasts beispielsweise über Youtube konnten in der Vergangenheit die Erwartungen an Zuschauer und Dialog oft nicht erfüllen. Obwohl die Zugangsschwelle durch die erforderliche aktive Anmeldung via E-Mail oder Mobilnummer höher liegt, ist die Wahrnehmung der Inhalte bei klassischen Email-Newslettern und via Whatsapp höher.

Newsletter müssen heute und in Zukunft auf mobilen Endgeräten gut funktionieren, da sich Menschen immer stärker via Smartphone informieren und E-Mails von vielen jungen Nutzern nur in Ausnahmefällen genutzt werden. Die E-Mail ist aber trotzdem noch lange nicht tot, und ein gut gemachter E-Mail-Newsletter ist auch in Zukunft wertvoller als ein schlechtes Streaming.

Martin Fuchs

berät öffentliche Institutionen und die Politik bei der Nutzung sozialer Medien (http://www.martin-fuchs.org/). Unter www.hamburger-wahlbeobachter.de bloggt er über Social Media in der Politik.