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Gregor Gysi ist ein Meister darin, mit illustrativen Gesten seine Worte zu untermalen. Screenshot: ARD

Einen Tick zu selbstsicher

Mimikexperte Dirk W. Eilert weiß, was sich hinter zusammengezogenen Augenbrauen, gehobenen Mundwinkeln oder gefalteten Händen verbirgt. In der neuen Folge seiner Kolumne unterzieht er Linken-Fraktionschef Gregor Gysi einem Mimik-Check.

von Dirk W. Eilert

Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken im Deutschen Bundestag, war am Sonntag zu Gast im vierten ARD-Sommerinterview. Wie ein Politiker in einem Interview oder in einer Rede auf uns wirkt, entscheidet sich zu einem Großteil dadurch, was er oder sie nonverbal transportiert – also was Mimik, Körpersprache und Stimme ausdrücken. Die Worte spielen selbstverständlich auch eine Rolle. Studien haben aber gezeigt, dass sie das Gefühl, das eine Person bei uns auslöst, nur geringfügig beeinflussen.

In der Analyse des Sommerinterviews mit Gregor Gysi sollen drei nonverbale Faktoren beleuchtet werden: Souveränität und Sicherheit, Emotionale Beteiligung und Kommunikationsstil.

Bevor wir in die Analyse einsteigen, möchte ich betonen, dass Mimik und Körpersprache uns immer nur Hinweise auf den Zustand einer Person geben können. Es handelt sich dabei niemals um Beweise. Die folgende Auswertung basiert auf meiner persönlichen Beobachtung und aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Bereich der nonverbalen Kommunikation. Sie stellt keinerlei Wertung der politischen Inhalte dar.

Souveränität und Sicherheit

Gysi wirkte fast im kompletten Interview souverän und selbstsicher, vielleicht sogar einen Tick zu sehr. Dies greife ich gleich noch einmal unter dem Punkt "Kommunikationsstil" auf.

Gysi zeigte nur an einer einzigen Stelle im Gespräch nonverbale Hinweise auf einen leichten Stressanstieg. Journalist Rainald Becker stellte ihm die Frage: "Sie gelten ja als Putin-Versteher. Wissen Sie eigentlich, was Putin plant? Will er sich die Ukraine unter den Nagel reißen? Droht da eine Invasion?" Daraufhin rieb sich Gysi mehrmals die Nase und leckte sich die Lippen (siehe Bildergalerie).

Zusätzlich faltete er die Hände vor dem Körper und spielte mit den Fingern leicht auf den Knöcheln. Dies sind sogenannte Beruhigungsgesten. Sie treten immer dann vermehrt auf, wenn wir Stress empfinden. Da sich bei Gysi hier hintereinander mehrere dieser Signale gesammelt an einer Stelle zeigten, ist es wahrscheinlich, dass sein Stresspegel bei diesem Thema erhöht war. Im übrigen Gespräch hatte er so gut wie keine Beruhigungsgesten gezeigt.

Seine Souveränität und Selbstsicherheit hat sich beispielhaft in einer Szene am Schluss des Interviews gezeigt. Becker fragte ihn: "Sie sind ja als Fraktionsvorsitzender bis nächstes Jahr gewählt, dann sollen Sie ja eine Partnerin an Ihre Seite bekommen. Akzeptieren Sie Sarah Wagenknecht oder gehen Sie dann?"

Darauf antwortete Gysi: "Aber lieber Herr Becker, darüber werde ich doch jetzt nicht mit Ihnen reden. Sie sehen doch, dass ich topfit bin und ich mache doch meinen Job so, dass eigentlich alle in der Fraktion zufrieden sind." Dann guckte er Becker an und lächelte verschmitzt. Entscheidend war hier, dass es sich dabei nicht lediglich um ein höfliches Lächeln handelte, sondern um einen Ausdruck echter Freude – hier wahrscheinlich im Sinne von Zufriedenheit und Zuversicht.

Die Freude können Sie daran erkennen, dass sich nicht nur die Mundwinkel heben, sondern zusätzlich die Augen mitlachen. Erleben wir echte Freude, spannt sich der äußere Augenringmuskel an. Dies führt dazu, dass die Augen kleiner werden und sich in den Augenwinkeln kleine Fältchen bilden.

Emotionale Beteiligung

Die emotionale Beteiligung drückt aus, wie intensiv die Gefühle hinter den gesprochenen Worten einer Person sind. Dieser Punkt wirkt sich darauf aus, ob wir das Gefühl haben, ein Mensch steht hinter dem, was er sagt. Die emotionale Beteiligung und die damit verbundene Lebendigkeit sind eindeutig Gysis Stärken. Im Sommerinterview wurde dies insbesondere durch drei nonverbale Aspekte deutlich:

Erstens hat Gysi sehr viele Illustratoren eingesetzt. Dies sind Gesten, die das gesprochene Wort ergänzen und unterstreichen. Wie Gysi sowohl Hände als auch Mimik einsetzt, um seinen Worten eine stärkere Wirkung zu verleihen, ist nahezu einmalig. Er unterstreicht fast jedes Wort durch passende Gesten.

Zweitens zieht Gysi in der Mimik hauptsächlich die Augenbrauen zusammen, um seinen Worten mehr Kraft und Bestimmtheit zu verleihen. Hin und wieder hat er aber auch seine Augenbrauen-Innenseiten hochgezogen. Zum Beispiel, als er sich zur Türkei äußert: "Wann benennen wir denn mal, dass die Türkei das nicht tun darf?" Das Hochziehen der Augenbrauen-Innenseiten drückt Betroffenheit aus. Es verleiht den Worten auch mehr Kraft, wirkt aber weicher als das Zusammenziehen der Augenbrauen.

Schließlich lässt sich auch an der Körperhaltung erkennen, wie stark ein Mensch innerlich beteiligt ist. Sobald wir emotional stark involviert sind, bleiben wir nicht mehr zurückgelehnt sitzen, sondern richten uns auf und lehnen uns meist sogar vor. Dies hat Gysi im Sommerinterview mehrmals getan.

Kommunikationsstil

Der Kommunikationsstil Gysis war durch kämpferische Angriffslust geprägt – was wahrscheinlich auch durch seine Rolle als Oppositionsführer bedingt ist. Erkennbar war dies insbesondere in seiner Mimik: immer wieder Elemente des prototypischen Ausdrucks für Ärger, wie zusammengezogene Augenbrauen und angespannte Unterlider. Mit Mimik und Worten transportierte er zum Beispiel deutlich seine Unzufriedenheit mit der derzeitigen Außenpolitik: "Wir müssen endlich wieder lernen, mehr miteinander zu reden!"

Hinzu kam eine von ihm in diesem Interview häufig ausgeführte Dominanzgeste: der ausgestreckte Zeigefinger. Dies ist eine Geste, die fast ausschließlich negativ von unseren Gesprächspartnern aufgenommen wird. Da die Mimik und Körpersprache sehr einseitig in Richtung Angriffslust und Dominanz ausgerichtet waren, wirkte Gysi insgesamt gleichbleibend "hart". Dies geschieht meist auf Kosten der Sympathie. Hin und wieder etwas weicher zu werden, hätte seiner Wirkung deshalb aus meiner Sicht gut getan.

Die drei nonverbalen Faktoren im Überblick

Souveränität und Sicherheit
Emotionale Beteiligung
Kommunikationsstil